MWonline erfindet sich neu

logo-mw-portal.pngZum Jahreswechsel 2015 gibt es Neuigkeiten von MWonline. Wochenlang haben wir an einem neuen Auftritt gebastelt, nun steht die Beta-Version. Hier finden Sie ab sofort auch all das, was bisher auf dem MWonline-Blog erschienen ist – eben Kommentare, Nützliches, Spannendes, Erschütterndes, Skurriles und Bemerkenswertes aus der Welt des Managements.

Besuchen Sie das neue Managementwissen online – wir freuen uns auf Ihre Kommentare und Optimierungsvorschläge!

Und was geschieht mit dem Blog? Dieser bleibt bestehen – aber er wird inhaltlich andere Schwerpunkte setzen. Lassen Sie sich überraschen!

Vollkommene Transparenz

CircleZugegeben, es fällt mir schwer, mir eine Welt vorzustellen, in der alles miteinander vernetzt ist. Das heißt, ganz so schwer fällt es mir doch nicht. Während ich diesen Text schreibe und mein Rechner mit dem Internet verbunden ist – warum sollte nicht jemand irgendwo zeitgleich mitlesen, während dieser Text entsteht? Und bevor ich auf „Veröffentlichen“ geklickt habe, jeden Satz bereits gespeichert und  für immer in irgendeiner Wolke abgelegt haben. Bin ich naiv, wenn ich vermute, dass das noch nicht passiert?

Ein Freund von mir trägt ein Armband, das ihm mitteilt, wie viele Schritte er an jedem Tag über seinem persönlichen Soll getätigt hat. Von meinem Handy werde ich aufgefordert, meinen Standort freizugeben. Es gibt eine App, die kann mir dann mitteilen, welche meiner Freunde sich in der Nähe aufhalten. Ist doch witzig: Wenn ich mich langweile, schaue ich doch mal nach, wer sich gerade im Ort aufhält. Dann peile ich ihn an und laufe ihm zufällig über den Weg. Wenn er nicht auch gerade entdeckt hat, dass ich in der Nähe bin und panisch das Weite sucht…

Denken wir das mal zu Ende. Bisher habe ich den Ortungsdienst ausgeschaltet. Aber vielleicht nutze ich ihn doch eines Tages. Und ich bitte meine Kinder, ihrem Handy ebenfalls die Genehmigung zu erteilen. Dann sehe ich jederzeit, wo sie sich aufhalten. Prima – so lange ich sie entdecke. Was, wenn nicht? Gerate ich in Panik? Keine gute Idee, also lieber wieder abschalten.

Doch halt: Wer den Service abschaltet, will nicht, dass ich weiß, wo er sich aufhält. Er hat also etwas vor mir zu verbergen. Meine Fantasie geht mit mir durch, ich weiß. Weil ich gerade „Der Circle“ von Dave Eggers lese. Über die Qualität des Romans kann man streiten, aber der Gedanke ist hier konsequent zu Ende geführt. Dort werden Politiker vollkommen transparent gemacht. Sie können nicht nur geortet werden, sondern alles, was sie unternehmen, wird von Mikrofonen und Kameras aufgezeichnet. Die vollkommende Transparenz.

Gruselig, aber ein konsequenter Ansatz: Wie würden Sie sich verhalten, wenn Sie wüssten, dass alles, was Sie tun, aufgezeichnet und für jeden nachvollzogen, eventuell gar in Echtzeit verfolgt werden kann? Würden Sie etwas Illegales tun? Andere betrügen? Fahrerflucht begehen? Beim Schreiben einer Klausur schummeln? Die totale Transparenz würde dafür sorgen, dass sich niemand mehr traut, etwas Unmoralisches zu unternehmen…

In dem Roman ist die Folge, dass niemand mehr eine Chance hat, gewählt zu werden, der nicht zustimmt, „transparent“ zu werden. Weil er dann ja offenbar etwas zu verbergen hat. Absurd? Ich fürchte immer mehr, dass es alles andere als absurd ist. Wie lange wird es noch dauern, bis ich mehr Krankenversicherungsbeiträge bezahlen muss, wenn ich mich weigere, Daten über meine Bewegungsmuster zu sammeln und zur Verfügung zu stellen? Mache ich mich verdächtig, wenn ich mich weigere, mein Auto so auszurüsten, dass jede Fahrt aufgezeichnet wird? Oh, stopp, ich nutze mein Handy als Navigationssystem – vermutlich werden meine Fahrten ohnehin schon gespeichert.

Ich werde paranoid…

Quelle:
Dave Eggers: Der Circle, KiWi 2015

Gemeinwohl und die Folgen von Dieselgate

VWVW hatte vor Dieselgate den Ruf, das „vorbildlichste Beispiel eines Konzerns mit Gemeinsinn, mit hohen Ansprüchen an Moral. Zusammenhalt und Einsatz für Lebensqualität“ zu sein. Laut einer Umfrage der Hochschule St. Gallen, die sich „Gemeinwohlatlas“ nennt und auch im Netz abrufbar ist, rutschte der Autobauer aus Wolfsburg in einer Nacherhebung weit nach hinten (Platz 65 unter den Konzernen). Große Sorge in Wirtschaftskreisen: Überträgt sich das auf die gesamte deutsche Wirtschaft?

Entwarnung: Der Zorn richtet sich allein auf VW, selbst die Automobilbranche bleibt vom Generalverdacht verschont. Aber ein anderes Ergebnis dieses „Gemeinwohlatlas“ gibt Anlass zum Nachdenken: Warum schneiden so viele Unternehmen so schlecht ab? Klar, nicht jeder kann auf Platz 1 stehen – den hat die Feuerwehr für sich reserviert vor dem Technischen Hilfswerk und dem Weißen Ring. Erst auf Platz 24 erscheint ein klassisches Unternehmen: Robert Bosch.

Aber die Abstände in der Bewertung sind doch gravierend. Beim Höchstwert, gemittelt über vier Kriterien von 5,72 (max. 6), kam Bosch auf 4,31 und die Bildzeitung auf dem letzten Platz auf 2,37. Die Deutsche Bank findet sich kurz davor mit 2,45 wieder.

Man mag über den Wert solcher Befragungen streiten. Hier wurden Menschen zu den Organisationen befragt, die sie kannten, wobei jeder eine Zufallsauswahl angeboten bekam. Das klingt nach sinnvoller Methodik.

Dortmund weit vor Hamburg

Nimmt man die Ergebnisse mal als gegeben, so stellt man sich schon Fragen. Was lässt z.B. den Hamburger Sportverein auf Platz 119, Borussia Dortmund hingegen auf 36 landen? Der vordere Platz von Bosch erklärt sich dadurch, dass das Unternehmen fast komplett einer Stiftung gehört. Und die dm-Drogeriekette (27.) hat sich schon lange einen Namen als verantwortlich handelndes Unternehmen gemacht. Aber wie kommt Facebook auf den drittletzten Rang, fast punktgleich mit McDonald’s?

Okay, es hat etwas mit Renommee zu tun. Wofür steht ein Unternehmen? Mit Fast Food und Boulevard-Journalismus kann man wohl kaum für sich in Anspruch nehmen, dem Gemeinwohl zu dienen. Und Apple (Platz 84) ist auch eher dafür bekannt, seine Milliarden vor der Steuer in Sicherheit zu bringen.

Viel Arbeit also für die Öffentlichkeitsarbeiter, könnte man meinen. Und offenbar sind die auch alarmiert, angeblich ist das Interesse der aufgeführten Unternehmen groß. Etliche haben sich in St. Gallen angemeldet für „vertiefende Gespräche“, darunter auch Bayern München (Platz 80). Womit sich zumindest schon mal für die Initiatoren der Umfrage der Aufwand gelohnt hat.

Wenn man mal von den Skandalen absieht (die nicht nur VW, sondern vermutlich auch Clubs wie den FC Schalke 04 und den HSV nach unten gezogen haben), dann bleibt es für mich bei einer ganz einfachen Formel: Wer immer noch unbeirrt die Meinung vertritt, der Sinn eines Unternehmens sei es, Profit zu machen, der darf sich nicht beschweren, auch so wahrgenommen zu werden. Alles andere würde man der Bildzeitung eben nicht abnehmen. Und der Deutschen Bank auch nicht. Dann sollten diese Unternehmen auch dazu stehen und sich nicht darum scheren, wo sie in solchen Umfragen landen.
Ob die Verantwortlichen bei den vertiefenden Gesprächen in St. Gallen darüber aufgeklärt werden?

Quelle:
Das Missverständnis, Wirtschaftswoche 45/2015

Chefs – nein danke

Chef_Koordinator

Fotografie: Claudia Griebl

Da ist was dran. Was auch immer zum Thema „Führung“ veröffentlicht wird, ist „Chef-zentriert„. Immer geht es darum, was Führungskräfte richtig oder besser machen müssen. Alle Modelle, auch die „modernen“, erklären uns, wie richtige Führung funktioniert. Wolfgang Saaman schreibt in der Zeitschrift „Die Wirtschaftsmediation“, dass wir mit dem Fokus auf den Führenden nicht wirklich weiterkommen. Um dann anschließend darüber zu schreiben, was Führungskräfte lernen müssen…

Ich bin auch dafür, dass wir uns zumindest gedanklich von dem Begriff „Führung“ lösen sollten. Saaman schlägt vor, Führung auf ein Minimum zu reduzieren und nur noch von „Koordination“ zu sprechen. Demnach wäre eine Führungskraft ein „Koordinator“. Jemand, der dafür sorgt, dass das Miteinander funktioniert, die Bedürfnisse der „Mitarbeiter“ – die dann ja „nur noch“ Kollegen sind – berücksichtigt werden, die Rahmenbedingungen stimmen, um gemeinsam eine Leistung zu erbringen.

Die Begründung: „Mündige Menschen brauchen keinen Vormund, der Vorgaben macht und Verantwortung für sie übernimmt.“ An dem Punkt wird es hektisch. Stimmt, sagen dann die Betroffenen, das setzt voraus, dass man es mit mündigen Menschen zu tun hat. Aber das sind viele eben nicht. Sie wollen, dass andere die Verantwortung übernehmen.

Ach ja, die Verantwortung… Das Henne-Ei-Prinzip. Wer muss eigentlich damit anfangen, Verantwortung an der Stelle zu lassen, wo sie hingehört? Wenn Führungskräfte sich verantwortlich für ein Ergebnis fühlen, dann werden sie weiterhin Mitarbeiter haben, die diese Verantwortung gerne abgeben. Wenn sie aber ablehnen, diese Verantwortung zu tragen, werden sie Menschen finden, die gerne bereit sind, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Ein winzig kleines Beispiel dazu, selbst erlebt. Eine „Mitarbeiterin (Kollegin)“ meldet sich, sie sei stark erkältet und könne nicht im Service arbeiten. Sie meldet sich spät abends, der Chef (Koordinator) ärgert sich und sieht kommen, dass er so spät keinen Ersatz findet. Er bringt seinen Unmut zum Ausdruck. Darauf die Kollegin: „Na gut, dann komme ich eben, aber du trägst die Verantwortung, wenn sich dann jemand beschwert…“ Der „Chef“ (ich) besinnt sich auf seine Rolle als Koordinator: „Nein, das entscheidest du. Mach mit dir aus, ob ein Arbeiten möglich ist und entscheide jetzt. Beim nächsten Mal melde dich bitte früher oder noch besser, suche Ersatz, so dass das Problem rechtzeitig gelöst wird.“

Wann immer ich solche Beispiele bringe, bekomme ich als letztes Gegenargument: „Mag ja sein, dass auf diese Weise mehr und mehr Mitarbeiter selbst Verantwortung übernehmen. Aber da sind ja noch die anderen: Meine Chefs, die Behörden, die Kunden, die Vertragspartner: Die brauchen doch auch jemanden, der die Verantwortung trägt. Wenn es schief geht, dann werde ich zur Rechenschaft gezogen. Deshalb kann ich bestimmte Dinge nun mal nicht meinen Mitarbeitern überlassen, die muss ich selbst entscheiden!“

Saaman schreibt dazu, wenn auch nicht ganz in diesem Zusammenhang: „Dieser Fokus ist damit abgedeckt, dass Führende besser bezahlt werden als Geführte.“ Könnte man doch so formulieren: Wer koordiniert, ist für das Ergebnis seiner Koordination verantwortlich. Dafür soll er ruhig mehr Geld bekommen. Und sich am Ende dazu bekennen, wenn das mit der Koordination mal nicht so hingehauen hat.

Zu theoretisch? Oder zu einfach? Es gibt Unternehmer, die versuchen, selbst in großen Organisationen damit Ernst zu machen, wie der Beitrag „Anarchie statt Hierarchie“ in der Wirtschaftswoche zeigt.

Quelle zu dem Thema:
Koordinieren statt anleiten – Plädoyer für ein zukunftsgerichtetes Führungsverständnis, Die Wirtschaftsmediaton 3/2015Anarchie statt Hierarchie, Wirtschaftswoche 43/2015

Pöbeln im Netz

DoNotFeedTroll

Trolle bitte nicht fütten!

Ich suche schon länger einen Anlass, über ein Phänomen zu schreiben, das mich zunehmend beschäftigt. Es geht um scheinbare Diskussionen im Internet, bei denen sich Menschen, die sich gar nicht kennen, gegenseitig auf unfassbare Art und Weise niedermachen. Ein Verhalten, das mir einerseits zutiefst zuwider ist, mich andererseits fassungslos, ja hilflos macht.

Nun las ist den Erfahrungsbericht einer Studentin, die für ihre Bachelorarbeit eine Online-Umfrage startete zum Thema Coaching. Sie geriet ins Visier von Menschen, die ihr Vorhaben extrem negativ kommentierten und ihr alle möglichen Motive unterstellten. Ihr Fazit: Wer sich ins Netz begibt, auch wenn es rein wissenschaftlichen Zwecken dient, sollte sich darauf gefasst machen, von Trollen attackiert zu werden. Von Menschen, die irgendeinen Anlass suchen, um ihre Meinung loszuwerden, sie anderen aufzudrücken und sie zur Reaktion zu bewegen. Die gar keine Argumente austauschen wollen, sondern Freude daran haben, wenn sich der andere ärgert und entsprechend reagiert. Und je mehr er sich aufregt und versucht, seinen Standpunkt deutlich zu machen, desto mehr Spaß haben sie.

Ich gestehe, hin und wieder lese ich solche „Auseinandersetzungen“ – staunend, bestürzt, frustriert. Frustriert, weil Kommunikation im Sinne von Austausch unmöglich scheint. Weil jeglicher Versuch fehlt, auch nur annähernd zu verstehen, was der andere denkt, fühlt, beabsichtigt oder wünscht. Weil es nur darum geht, mit möglichst viel Gewalt den eigenen Standpunkt zu verbreiten. Von gewaltfreier Kommunikation ist das so weit entfernt wie die Erde von der Sonne.

Einmal allerdings bin ich über einen solchen Gewaltausbruch gestolpert, der anders verlief. Erinnern Sie sich an die Geschichte des Löwen Cecil, der von einem amerikanischen Zahnarzt illegal getötet wurde? Der Aufschrei war enorm, der Hass, der sich über den Wilderer ausbreitete, grenzenlos. In einem Forum meldete sich ein Teilnehmer, der sinngemäß äußerte, dass er die Aufregung nicht verstehen könne. Was schere es ihn, wenn irgendwo in Afrika ein Löwe weniger herumlaufe? In seinem Land gebe es ganz andere Probleme. Da litten die Menschen Hunger, würde unterdrückt, verfolgt, gedemütigt – das seien die wahren Probleme…

Der Sturm der Entrüstung, der daraufhin losbrach, war gewaltig, der Schlagabtausch aggressiv und bösartig. Bis plötzlich jemand die Kommunikationsebene wechselte und auf das Motiv des Schreibers einging, indem er Verständnis äußerte für jemanden, der Not und Unterdrückung erlebt und sich wünscht, dass sich so viele Menschen auch gegen diese Ungerechtigkeiten erheben. Der die Enttäuschung darüber, dass sein Anliegen nicht ähnliche Unterstützung findet, vielleicht nur an der falschen Stelle geäußert hatte. Tatsächlich wechselte daraufhin auch der „Angreifer“ den Ton.

Ich vermute, das wird nicht bei jedem Troll funktionieren. Aber nährte in mir die Hoffnung, dass Kommunikation funktionieren kann, egal wie verbittert oder verhärtet die Meinungen sein mögen.

Quelle:
Trolle im Wissenschaftsdiskurs, Coaching Magazin 3/2015

 

Netzwerken mit Schuldgefühlen

Das klingt mehr als seltsam: Menschen, die sich als Netzwerker betätigen, haben ein größeres Bedürfnis, sich die Hände zu waschen. Nordamerikanische Forscher haben angeblich bei eigenen Kollegen beobachtet, dass nach dem Knüpfen beruflicher Kontakte der Verbrauch an Seife deutlich anstieg. Was zu folgender Hypothese führte: Wer lockere Gespräche sucht mit der Absicht, sich geschäftliche Vorteile zu verschaffen, z.B. durch Informationen, Vermittlung interessanter Kontakte oder nützliche Tipps, der spürt, dass er moralisch im Unrecht ist, fühlt sich „schmutzig“ – was zum Bedürfnis nach Sauberkeit führt.

Weit hergeholt? Ich hatte hin und wieder Kontakt zu Menschen, die unverkennbar das Gespräch mit mir suchten in der Hoffnung, dass sich daraus irgendwann ein geschäftlicher Vorteil entwickelt. Die sich auch selbst als „große Netzwerker“ bezeichneten. Ich fand diese Gespräche – vorsichtig formuliert – lästig.

Zurück zu den Forschern. Sie wollten die Hypothese durch Experimente überprüfen. Sie baten Versuchspersonen, sich an eine Situation zu erinnern, in der sie gezielt eine berufliche Beziehung aufbauen wollten. Die Vergleichsgruppe solte an eine Situation denken, bei der sich eine Begegnung spontan ergeben hatte und zu einem beruflichen Kontakt geführt hatte. Anschließend erhielten alle einen Bogen mit Begriffen, denen Buchstaben fehlten, und die sie ergänzen sollten. Die Teilnehmer, die den Kontakt gezielt gesucht hatten, bildeten doppelt so häufig Wörter, die mit Sauberkeit zu tun hatten. Weitere Experimente ergaben ein ähnliches Ergebnis.

Das gibt zu denken, oder? Vielleicht schütteln berufliche Netzwerker aber auch häufiger ihren Kontaktpersonen die Hand und waschen sich deshalb öfter 😉

Die Geschichte geht aber noch weiter. Menschen, die in der Hierarchie weiter oben stehen, gaben in ähnlichen Experimenten weniger häufig an, sich „schmutzig“ zu fühlen. Erklärung der Forscher: Wer weiter oben steht, sieht andere eher als Werkzeuge zur Erreichung der eigenen Ziele. Oder er weiß, dass er Gefälligkeiten leichter erwidern kann und fühlt sich deshalb seltener schlecht. Gewagte Interpretation.

Und schließlich: Wer moralische Bedenken hat und deshalb weniger häufig solche Kontakte sucht, ist beruflich weniger erfolgreich. Zumindest in Anwaltskanzleien. Tja, das ist nun blöd. Entweder fleißig Kontakte sammeln und sich mies fühlen, dafür viel Geld verdienen. Oder aber auf beides verzichten.

Die Forscher geben angeblich andere Tipps: Unternehmen sollten ihre Mitarbeiter auffordern zu netzwerken. Oder noch besser: Es anzuweisen. Wer auf Anweisung handelt, vermeidet schlechte Gefühle. Schräg, oder? Das ist mal genial. Wie nimmt man Mitarbeitern das schlechte Gewissen? Indem man ihnen vorschreibt etwas zu tun, was sie von sich aus eher ablehnen. Und Seife spart man auch noch.

Quelle:
Schmutziges Geschäft, Harvard Business Manager 9/2015

Die Effizienz der guten Tat

GutestunWenn sich Unternehmen sozial engagieren oder plötzlich einen Teil des Umsatzes pro Produkt für den Erhalt des Regenwaldes spendieren, dann lautet die Botschaft an den Konsumenten: „Seht her, wir sind verantwortungsbewusst, wir sorgen dafür, dass die Welt ein Stückchen besser wird.“ Das läuft unter CSR – Corporate Social Responsibility. Damit fühlen sich beide gut: Der Unternehmer, der vielleicht manchmal das Gefühl hat, dass das mit dem Gewinn erwirtschaften allein etwas wenig in Sachen Sinn ist. Und wir Konsumenten, die wir beim Geld ausgeben kein schlechtes Gewissen haben.

Aber irgendwer streut dann hin und wieder Salz ins Essen und verdirbt uns den Appetit. In diesem Fall Reinhard Sprenger. Statt die Not anderer zu Werbung in eigener Sache zu machen und damit sogar auszunutzen (das ist der Haken am „Tue Gutes und rede drüber“), sollten Unternehmer lieber auf Schlechtes verzichten. Damit würden sie ihrer sozialen Verantwortung mit Sicherheit gerechter. Und Schlechtes gibt es wahrlich genug, als da wäre: Preise absprechen, Umwelt belasten, Steuern vermeiden, Kunden täuschen, Mitarbeiter ausbeuten, Zulieferer demütigen.

Wer darauf verzichtet, der bezahlt das vermutlich mit sinkendem Profit – zumindest kurzfristig. Der Vorteil daran: Es lässt sich einfordern. Unternehmen, die sich dazu bekennen, können sich daran messen lassen. Mitarbeiter für soziale Projekte freizustellen hat was Gönnerhaftes, lässt sich prima verkaufen. Aber sich anständig zu verhalten, ist ein echter Maßstab. Und hat vermutlich langfristig sogar einen positiven wirtschaftlichen Effekt. Zumindest bezogen auf die Mitarbeiter. Wer arbeitet schon gern für einen Laden, für den er sich schämen muss?

Das kann ich nur unterstreichen, allerdings: Wer sagt denn, dass man das eine tun und das andere lassen muss? Sich anständig verhalten und in soziale oder ökologische Projekte investieren – das wäre doch eine schöne Mischung. Wobei das mit dem Anstand die Voraussetzung ist, sonst ist das Engagement wenig glaubwürdig und tatsächlich reine Politur.

Maximalen Nutzen stiften

Schwieriger finde ich die Sache mit der Effizienz der guten Tat. Ein Beispiel: Jemand möchte einen Betrag X spenden, um Menschenleben zu retten. Da in seinem Umfeld Leute an Krebs gestorben sind, gibt er sein Geld für entsprechende Forschungsprojekte her. Würde er den gleichen Betrag in die Malaria-Bekämpfung stecken, könnte er damit weitaus mehr Leben retten.

Anderes Beispiel: Wer Fair-Trade Kaffee kauft, der sorgt mit dem entsprechenden Aufpreis dafür, dass die Produzenten besser bezahlt werden. Würde er jedoch den herkömmlichen Kaffee günstiger kaufen und den Differenzbetrag Organisationen spenden, die sich vor Ort um die Hersteller kümmern, könnte er wesentlich größeren Nutzen stiften.

Der Beitrag („Gut gemeint ist oft falsch gemacht„) in der Wirtschaftswoche enthält noch eine ganze Reihe derartiger Beispiele. U.a. das von einem Programmierer, der seine Zeit bei einem Hegdefonds investiert, um viel Geld zu verdienen, das er dann spendet – „earning to give“ nennt sich das. Damit rettet er vermutlich weitaus mehr Leben als ein Arzt, der in die betroffenen Regionen reist und vor Ort hilft.

Das nennt sich rationaler Altruismus. Die Vertreter (Singer: „The Most Good You Can Do“ oder MacAskill: „Doing Good Better„) weisen zu Recht darauf hin, dass Spenden sehr unterschiedlichen Nutzen stiften, und vermutlich auch so mancher Dollar sein Ziel gar nicht erreicht. Dass die Krebsforschung gut ausgestattet mit Geld ist und die Malaria-Forschung zu kurz kommt, ist bitter. Aber das eine Leid gegen das andere aufzurechnen? Den Nutzen nach der Zahl der Betroffenen zu ermitteln? Auf mich wirkt das eher abschreckend, auch wenn die gute Absicht erkennbar ist.

Aber so ist das oft, wenn man etwas gut meint. Auch bei Wissenschaftlern.

Quellen:
Gut gemeint ist oft falsch gemacht, Wirtschaftswoche 42/2015
Gutes tun und Schlechtes lassen, Wirtschaftswoche 42/2015

Feedback ist gar nicht so schwer

Das Thema Feedback ist so alt und gleichzeitig so aktuell wie das Thema Führung. Eigentlich sollte man meinen, dazu sei bereits alles gesagt. Eigentlich. Aber dann tauchen doch neue Aspekte auf. Wie zum Beispiel dass man als Coach wissen sollte, welchem Typ Manager man wie Feedback gibt. Dabei lernen wir Folgendes:

Es gibt drei Phasen beim Feedback:

  1. Die erste Reaktion – wenn der Manager gelassen und emotional stabil reagiert, besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass er mit dem Feedback etwas anfängt. Wörtlich: „Reagiert ein Manager spontan abwehrend, könnte eine zu hohe Empfindlichkeit gegenüber Kritik dahinterstecken.“ Da sind wir alle ganz verblüfft.
  2. Die Feedbackanalyse: Wer Feedback persönlich nimmt, wird sich kaum verbessern. Auch das ist wahrlich überraschend.
  3. Die inhaltliche Auseinandersetzung: Wer das Feedback reflektiert, der kommt in seiner Entwicklung voran. Hier fühlt man sich irgendwie veralbert, oder?

Und man denkt: „Da muss doch etwas mehr kommen, das kann doch nicht ernst gemeint sein.“ Es kommt tatsächlich. Es gibt die Alpha-Tiere, die durchaus zunächst emotional reagieren, so dass man den Eindruck hat, sie wehren sich gegen die Kritik. Aber dann geht der Manager nach Hause, redet mit seiner Frau und denkt noch einmal nach. Beim nächsten Coaching setzt er sich dann mit dem Feedback auseinander. So ein Phänomen findet man auf den Top-Ebenen angeglich häufiger (wegen der Alpha-Tiere vermutlich).

Und dann gibt es die vorsichtigen, vermehrt unter den etwas tiefer in der Hierarchie angesiedelten Managern. Die reagieren am Anfang durchaus verständnisvoll und zustimmend, aber das wiederum heißt noch lange nicht, dass sich sich dann in Phase 3 intensiv mit der Rückmeldung beschäftigen. Als Coach sollte man das wissen und sich nicht von den ersten Reaktionen beeindrucken lassen. Hätten Sie’s gewusst?

Ein gutes Beispiel

GolffeedbackBei der Lektüre fiel mir ein, dass ich schon länger über ein persönliches Feedback-Erlebnis schreiben wollte. Zum Hintergrund: Ich habe ein paar Golf-Stunden genommen. Mein Bruder hat mich angesteckt, und ganz ohne Anleitung lief es richtig mies. Also musste professionelles Coaching her. Der junge Golflehrer hatte eine Art, die meinen Ehrgeiz weckte, und irgendetwas daran gefiel mir. Ich brauchte eine Weile, bis mir bewusst wurde, was es war.

Anders als viele Trainer, die ich aus dem Sport und dem Managementbereich kenne, lobte bzw. kritisierte er nicht „klassisch“ nach dem Motto: „Das war schon ganz gut.“ oder „Die Ballposition stimmt noch nicht.“, sondern seine Sätze klangen so:

Mit der Haltung bin ich noch nicht zufrieden!“ oder „Der Ausschwung gefällt mir noch gar nicht!“ oder „Die Bewegung war schon fast so, wie ich mir das vorstelle!“ Eigentlich banal und bekannt, oder? Man spreche von sich, in Ich-Botschaften. Haben wir alle schon oft gehört und mindestens ebenso oft schon gelehrt. Aber wer kann das wirklich: Von sich sprechen, von seinem Eindruck, seiner Erwartung, seiner Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit?

Die Wirkung auf mich, ohne dass mir unmittelbar klar war warum, war anders als bei „normalen“ Verhaltensrückmeldungen. Ich fühlte mich nicht angegriffen, aber irgendwie „angestachelt“,  den folgenden Anleitungen zu entsprechen. Natürlich gab er konkrete Tipps, machte Bewegungen vor, korrigierte meine Haltung. Aber regelmäßig leitete er diese mit einer Botschaft über sich selbst ein: „Ich bin schon sehr zufrieden mit…

Ich habe ihm am Ende Feedback gegeben: „Mir hat sehr gut gefallen, dass du…!“ Und ihm versprochen, darüber in meinem Management-Blog zu schreiben.

Quelle zum Thema:
Feedback bei Managern: Erst ärgern, dann ändern, Wirtschaftspsychologie aktuell 3/2015

Grundlagenforschung und die Praxis

Das ist so eine Sache mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Da geben sich Forscher redlich Mühe, bestimmte Phänomene genauer zu untersuchen und finden auch spannende Sachen heraus, und schwups, werden daraus Empfehlungen für die Praxis abgeleitet.

Zwei Beispiele, die zufällig in einer Ausgabe der Wirtschaftswoche auftauchten. Der Londoner Forscher Daniel Effron und Kollegen haben Versuche zum Thema „Schummeln“ gemacht mit der Frage, wovon es wohl abhängt, ob Menschen sich ehrlich verhalten oder nicht. Bei dem ersten Experiment durften die Versuchspersonen selbst angeben, wie ein Münzwurf ausging und ob sie richtig getippt hatten, bei dem anderen wurden die Probanden für die Bewertung von Texten bezahlt und sollten den Zeitbedarf angeben.

Die Forscher überprüften heimlich die Angaben und stellten fest, dass jeweils gegen Ende der Aufgabe die Quote der falschen Angaben zugunsten der Teilnehmer stieg. Erklärung: Das schlechte Gewissen von Anfang an auszuhalten ist schwierig. Gegen Ende aber verliert es seine abschreckende Wirkung.

In Ordnung, denken wir, das ist erst mal eine Erkenntnis. Mehr noch nicht. Aber dann werden daraus Tipps für die Praxis abgeleitet, als da wären: Lehrer sollten gegen Ende einer Klauser genau hinschauen, Vorgesetzte die Spesenabrechnung der Mitarbeiter gegen Ende des Jahres genauer kontrollieren, Schiedsrichter gegen Ende des Spiels auf mehr Schwalben vorbereitet sein.
Und dann noch ein toller Tipp: Erst gar keine Deadlines setzen, dann wissen die Menschen ja nicht, wann sie fertig sein sollen und schummeln auch nicht.

Ich weiß nicht, ob die Forscher diese Tipps selbst gegeben haben oder sie ihnen in den Mund gelegt wurden. Ich vermute, dass es einfach schwierig ist, Grundlagenforschung zu betreiben ohne sofort beweisen zu müssen, dass sie auch zu etwas nütze sind.

Neurowissenschaften

Das andere Beispiel beschäftigt sich mit der Neurowissenschaft. Hirnforscher betonen, dass sie bisher lediglich Grundlagenforschung betreiben. Deren Erkenntnisse seien alles andere als geeignet, daraus konkrete Schlussfolgerungen für den Alltag zu ziehen. Abgesehen davon basieren die meisten Experimente auf sehr geringen Fallzahlen, was die Generalisierung der Ergebnisse ebenfalls sehr fragwürdig macht. Diese Vorsicht ist sicherlich angebracht.

All das aber hindert die vielen „Lautsprecher“ der Neurowissenschaften nicht daran, teure Seminare anzubieten, die offenbar auf fruchtbaren Boden fallen. Es sieht so aus, als gebe es einen Mechanismus im Gehirn, der uns verleitet, alles, „wo Neuro draufsteht„, für die Wahrheit zu halten. Vielleicht fühlt sich unser Gehirn auch einfach geschmeichelt, dass ihm zur Zeit so viel Aufmerksamkeit entgegengebracht wird.

Das könnte daran liegen, dass viele Menschen sehnsüchtig nach wissenschaftlich abgesicherten Wahrheiten suchen. Psychologische Erkenntnisse haben eher den Ruf, nicht wirklich „harte Fakten“ zu liefern, aber „Neuro“ muss ja „echte Wissenschaft“ sein. Mal angenommen, Psychologen finden heraus, dass Menschen, die körperlich fit sind, auch geistig lange klar im Kopf bleiben – einfach durch Befragung oder Langzeitstudien – dann wird das nicht unbedingt als wissenschaftlich belegt akzeptiert, egal, wie viele Menschen an der Studie teilgenommen haben. Aber wenn ein Neuroforscher feststellt, dass der Hirnscan bei körperlich guter Kondition auch ein gut durchblutetes Gehirn zeigt, dann ist es wissenschaftlich bewiesen.

Liebe Vertreter von Neuroleadership, Neuromarketing, Neuro-Was-auch-immer … lasst die Grundlagenforscher in Ruhe arbeiten und verkauft uns keine teuren Seminare mehr, in denen wir angeblich lernen, wie man andere dank der Neuro-Wissenschaften dazu bringt, das zu tun, was wir gerne hätten…

Quellen:
Nach neuesten Erkenntnissen, Wirtschaftswoche 41/2015
Lügen kurz vor der Ziellinie, Wirtschaftswoche 41/2015