Gerechtigkeit

Eine gerechte Verteilung von Einkommen – das wäre eine feine Sache. Für diesen Satz Zustimmung zu erhalten, wird nicht schwerfallen. Bei der Frage, was denn hierbei unter „gerecht“ zu verstehen ist, dürfte es mit der Einigkeit vorbei sein. Dabei gibt es eine Menge Untersuchungen und Experimente zu dem Thema. Das bekannteste davon ist das Ultimatum-Spiel. Dabei stellt man Menschen vor eine Entscheidung: Sie können einen bestimmten Betrag zwischen sich und einem anderen aufteilen. Nimmt der andere den ihm zugeteilten Betrag an, erhalten beide das Geld. Lehnt er ab, bekommt niemand etwas.

Da heißt es gut überlegen. Biete ich 50:50, wird er vermutlich ohne Probleme zustimmen. Biete ich ihm nur 40%, vielleicht auch noch. Bei 30% hingegen könnte er sich übervorteilt fühlen und ganz verzichten, wobei ich dann auch leer ausgehe. Die meisten Menschen bieten zwischen 40 und 50% an – und bei etwa 30% lehnt der andere das Angebot als unfair ab. Was betriebswirtschaftlicher Unsinn ist, weil er dann ja auch leer ausgeht. Aber offenbar ist Geld nicht alles…

Aber welche Konsequenzen hat das für das Thema „Entgeltgerechtigkeit“? Ich finde das Thema höchst spannend, aber auch ziemlich komplex.

Ein Wissenschaftler erklärt in der Wirtschaftswoche, dass wir Menschen tatsächlich eine „Ungleichheitsaversion“ haben. Kleine Unterschiede akzeptieren wir, da finden wir vermutlich genug Gründe, warum es in Ordnung ist, wenn der andere etwas mehr verdient. Bei großen Unterschieden hingegen fühlen wir uns benachteiligt und finden vermutlich keine Gründe, diese zu akzeptieren – weshalb wir im Ultimatum-Spiel einen Anteil von unter 30% ablehnen. Aber so einfach ist das auch wieder nicht: Was ist, wenn der andere ein guter Freund ist? Oder ein Verwandter in Not? Oder ein Kollege, der vom Schicksal gebeutelt ist? Wie würde ich das Geld dann verteilen? Und was ist, wenn die Summe zum Verteilen sehr hoch ist – lehne ich dann das Angebot unter 30% auch als „unfair“ ab und gehe lieber leer aus? Welche Faktoren bei dem Gefühl, es geht gerecht oder ungerecht zu, eine Rolle spielen, lässt sich vermutlich nur von Fall zu Fall klären.

Gleichheitsaversion

Es gibt allerdings auch eine „Gleichheitsaversion„. Wenn der Kollege, der für ähnliche Arbeit bei weniger Leistung das gleiche Gehalt bekommt wie wir, finden wir das ungerecht. Und wenn Menschen ohne Arbeit ähnlich viel finanzielle Unterstützung bekommen wie andere, die dafür eine Arbeit verrichten, dann füllt das die Titelseiten der Boulevardblätter und ganze Fernseh-Talkshows.

Noch ein Effekt, der offenbar belegt ist: Menschen mit mittlerem Einkommen streben danach, sich ähnliche Dinge leisten zu können wie die Besserverdienenden – hin und wieder sich eben auch die Kreuzfahrt leisten zu können. Das nennt man das „Keeping up with the Joneses-Verhalten„. Umgekehrt sind wir bestrebt, den Vorsprung gegenüber den Geringverdienern zu verteidigen – wo kämen wir hin, wenn diese sich den gleichen Mittelklassewagen leisten könnten wie wir? Dies wird das „Keeping ahead of the Smiths-Verhalten“ genannt.

Konsequenzen aus all dem? Schwierig. Offenbar möchten wir Unterschiede im Einkommen, brauchen die anderen Menschen, um uns abzuheben in die eine Richtung und uns zu strecken in die andere. Das sorgt für Konsum und Fortschritt. Aber wenn die Unterschiede zu groß werden, dann befällt uns Unbehagen. Dann stimmt etwas nicht mit der Gesellschaft, mit der Verteilung, mit der „Gerechtigkeit“. Und offenbar machen sich inzwischen wieder eine Reihe Menschen darüber Gedanken, dass die Verteilung des Vermögens zwischen „oben“ und „unten“ in eine fatale Richtung läuft. In der gleichen Ausgabe der Wirtschaftswoche (33/2014) ist ein Grafik abgebildet, die die Einkommensverteilung in Deutschland und den USA anzeigt und daneben die von Befragten vermutete Verteilung. Abgesehen davon, dass wir in Deutschland die vorhandene Armut überschätzen (tatsächlich verdienen 14,2% extrem wenig, vermutet hatten die Befragten 25,5%) und die Amerikaner sie unterschätzen, muss es schon erschrecken, wenn sich in den USA ein Drittel der Bevölkerung am unteren Einkommensrand bewegt.

Ich frage mich, warum es so schwierig sein soll, die Einkommensgrenzen nach oben zu deckeln. Wir führen für alles mögliche Regeln ein: Wir begrenzen den Ausstoß von Schadstoffen, um die Umwelt zu entlasten, wir legen Grenzwerte für bestimmte Stoffe in Lebensmitteln fest, um die Verbraucher zu schützen, wir legen Höchstgeschwindigkeiten auf Straßen fest (jaja, ich weiß, nur nicht auf deutschen Autobahnen), um uns vor verrückten Rasern zu schützen – warum legen wir keine Obergrenze für Einkommen fest, um uns vor sozialem Unfrieden zu schützen? Ernst gemeinte Frage…

Rezension zum Thema:
Wie viel Ungleichheit ist nötig? Wirtschaftswoche 33/2014

4 Gedanken zu „Gerechtigkeit

  1. Markus

    Vielen Dank für diesen Artikel!
    Auch ich diskutiere dieses Thema gerne mit Teilnehmern meiner Schulungen. Mein Aufhänger ist dabei: „Warum verdient ein Chefarzt mehr als 100 Euro/Stunde und eine Reinigungskraft nur ca. 15 Euro/Stunde? Ein provokantes Argument ist dabei: Würde die Reinigungskraft ihren Job nicht gut machen, wäre der des Chefarztes nicht von Erfolg gekrönt (Hygiene, Bakterien). Ein anderes: Man könnte sich die staatliche Umverteilungspolitik (Sekundärverteilung, Transfereinkommen) sparen.“
    Nun aber zu Ihrer Frage nach dem Deckel:
    – gibt es ein Land in dem es eine solche Regelung schon gibt? Mir ist keines bekannt. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass eine Veröffentlichung der Steuererklärung (wie in Norwegen) zu sozialem Anpassungsdruck führen könnte.
    – wo mache ich den Deckel? Leistung (qualitativ und quantitativ) sollte sich lohnen. Die Frage ist, ob ich sie einem zuschreiben kann – im Sport aus meiner Sicht eher möglich als in einem DAX-Unternehmen. In der Wirtschaft wäre ich deshalb für Vielfache (Vorstand bekommt nur das 20fache des Arbeiters mit dem geringsten Lohn)
    – was mache ich mit Selbstständigen/Unternehmern? Werden hier ab einem bestimmten Betrag die Gewinne sozialisiert?
    – würde das Gesetz greifen oder ist die Globalisierung schon so weit fortgeschritten, dass man diesem Gesetz aus dem Weg gehen könnte? Was ist mit Grenzgänger (leben in Deutschland arbeiten in der Schweiz – haben dann ja keinen Einkommensdeckel oder?)
    Ich freue mich auf weitere Meinungen.

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    1. jt Artikelautor

      Hallo Markus – wichtige Fragen, ganz klar. Alles lösbar, glaube ich, aber natürlich nicht ohne Nebenwirkungen.

      Klar: Es wird Menschen geben, die dem aus dem Weg gehen – natürlich gibt es in Schweden Steuerflüchtlinge. Aber zu warten, bis alle anderen mitziehen, ist für mich keine Alternative.

      Gewinne von Unternehmern sozialisieren? Ja, warum nicht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ab einer gewissen Menge Geld der Gewinn noch eine Motivation darstellt, sich weiter anzustrengen. Was könnte also eine Motivation sein? Der Status, die Anerkennung, der Respekt, den man erntet, wenn man in die Riege der Millionäre und Millardäre vorstößt? Wenn das so ist, wäre die Herausforderung, eine „Sozialisierung“ zu schaffen, die aber einer gewissen Obergrenze Unternehmer verpflichtet, ihren Gewinn für gesellschaftliche Aufgaben zur Verfügung zu stellen.
      Wär doch super, wenn Menschen stolz darauf wären, dass sie einen viel größeren Beitrag zum Wohl der Gesellschaft leisten als alle anderen – also nicht „ich gehöre zu den Top 10 der reichsten Deutschen“, sondern „Ich habe die größte Stiftung aller Zeiten gegründet“. Oder so ähnlich…
      Man müsste nur mal Neues wagen…

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