Nudging

Was halten Sie davon, wenn im Supermarkt statt der vielen Schokoriegel vor den Kassen Obst und Gemüsesticks angeboten würden? Nicht, weil diese sich dort besonders gut machen aus optischen Gründen, sondern weil Sie jemand ein wenig „anstupsen“ möchte – und zwar nur zu Ihrem Besten. Das nennt man Nudging – der Begriff stammt aus der Verhaltensökonomie und entspringt der epochalen Erkenntnis, dass Menschen sich keinesweg stets rational verhalten, aber durchaus zu beeinflussen sind. Eben durch kleine, sanfte „Stupser“. Die Politik ist ganz begeistert und will uns Bürger damit sanfter zu unserer aller Wohl führen.

Bekannte Beispiele: Fußspuren auf Einkaufsstraßen, die zu Abfalleimern führen, sorgen für mehr Sauberkeit. Abbildungen von Fliegen in Urinalen sorgen für höhere Treffsicherheit. Vorgegebene Antwortmöglichkeiten zum Ankreuzen legen die eine bestimmte Wahl nahe – STOPP, denke ich da. Das mit den Fliegen und den Fußspuren ist ja noch okay. Daran KANN ich mich halten, MUSS es aber nicht. Und das Obst in den Kantinen KANN ich kaufen, wenn es direkt vor meiner Nase liegt, aber ich kann auch zu den Schokoriegeln greifen, die etwas versteckter neben der Theke liegen.

Aber Fragen so zu formulieren, dass ich sie so beantworte, wie der man es von mir erwartet – ist das noch okay? Es gibt Länder, da muss man aktiv den Organspenderausweis ablehnen. Bei uns muss man ihn aktiv ausfüllen. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache – wo wird die Zahl der Organspender wohl höher sein?

Ein spannendes Thema. Auf den ersten Blick würde ich sagen: Es ist in Ordnung, Dinge so anzuordnen, dass die Menschen sich für jene Alternative entscheiden, die positivere Folgen für sie und die Allgemein hat. So lange sie die Wahl haben. Auf den zweiten Blick zögere ich: Die Wahl habe ich doch nur, wenn ich von der Alternative weiß und eine aktive Entscheidung treffe. Nudging aber funktioniert nicht auf der bewussten Ebene, sondern auf der unbewussten. Und wird dann zur Manipulation, wenn die Alternativen so „unsichtbar“ gemacht werden, dass sie mir gar nicht erst auffallen.

Wobei ja völlig klar ist, dass wir ständig „genudgt“ werden – der Gang durch den Supermarkt macht das mehr als deutlich. Dass zwei Konservendosen, die mit Folie zusammen verpackt mehr kosten als zwei einzelne Dosen, ist nahe am Betrug – oder wird damit gerechtfertigt, dass man ja schließlich noch die Folie bezahlen muss. Klar, ich hab die Wahl – schließlich kann ich ja Preisschilder lesen.

Nudging in der Personalentwicklung

Ich schweife ab, denn eigentlich war ich auf den Begriff im Zusammenhang mit dem Thema „Personalentwicklung“ gestoßen. Da fand ich die Anregung, Mitarbeitern von vornherein Bestnoten zu geben, so dass sie besonders motiviert sind, diese zu halten. Hintergrund: Die Verhaltensökonomie hat herausgefunden, dass wir einen Verlust wesentlich stärker bedauern als dass wir uns über einen Gewinn in gleicher Höhe freuen. Umgekehrt: Wir würden uns mehr anstrengen, um einen 100 Euro Verlust zu vermeiden als 100 Euro zu gewinnen.

Das ist doch mal ein witziger Ansatz. Man stelle sich vor, jeder Mitarbeiter erhält nach einer kurzen Zeit im Unternehmen eine Beurteilung in Form von Bestnoten. Oder Schüler nach den ersten Wochen in der Schule. Diese gilt es zu „verteidigen“. Laut der Theorie werden sich alle besonders ins Zeug legen, um das Niveau zu halten, während bei der üblichen Annahme, dass Menschen erst einmal maximal durchschnittliche Leistungen erbringen, die Motivation, das Niveau zu steigern, deutlich geringer ausfallen wird.

Wäre mal interessant zu sehen, was dann passiert. Allerdings lehne ich diese ganze Beurteilerei – egal in welcher Form – als eher kontraproduktiv ab. Fast schade eigentlich :-)

Quelle:
Nur ein kleiner Schups, managerSeminare 11/2014

Interessanter Beitrag zum Nudging: Hans-Michael Heinig: Gibt es eine Ethik des Nudging?

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *