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Kommunikation als Lebenskunst (Autor: Pörksen, Bernhard / Schulz von Thun, Friedemann)

Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens

Verlag: Carl Auer Verlag, ISBN: 3849700496

Im Dialog mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen gibt Schulz von Thun Auskunft über Theorie, Entstehung und Praxis seines Kommunikationsmodells.

Dieses Buch ist ein Dialog zwischen dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen (Jahrgang 1969) und dem Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun (Jahrgang 1944) über die Theorie und Praxis des Kommunikationsmodell Schulz von Thuns. Es geht dabei, so im Vorwort von Bernhard Pörksen, um die "großen Fragen, die das Werk von Schulz von Thun greifbar werden lassen".

Die beiden diskutieren über das Kommunikationsquadrat, die Verständlichkeitsforschung, das Wertequadrat, das innere Team und das Ideal der wesensgemäßen und situationsgerechten Stimmigkeit. Im zweiten Schritt werden die konkreten Fragen der Anwendung erörtert, an den Beispielen Führungskräfte-Coaching und Pädagogen-Ausbildung. Im dritten Schritt geht es um die "letzten Fragen", u.a. um "das Problem des Todes aus der Sicht einer Kommunikationsphilosophie."

In diesem Buch erfahren auch Kenner der Bücher von Schulz von Thun, wie es zum Kommunikationsmodell gekommen ist. Sein akademischer Lehrer, Reinhard Tausch, gab den Anstoß. Tausch kam in einer Studie zu dem Ergebnis, dass sich Eltern und Pädagogen gegenüber Kindern häufig bevormundend, autoritär, alles andere als respektvoll und wenig partnerschaftlich verhalten. Eine Situation, die einem demokratischen Miteinander nicht zuträglich sei und das Obrigkeitsdenken zementiere. Um die Ergebnisse der Studie umzusetzen, wurde ein Seminar-Konzept entwickelt.

Mitarbeiter von British Petrolium (BP) hatten von dieser Untersuchung und vom Training des neuen partnerschaftlichen Ansatzes gehört. Mit der Universität Hamburg wurde vereinbart, Kommunikationsseminare für Führungskräfte von BP durchzuführen, das die Assistenten von Tausch übernahmen. Einer von ihnen war Schulz von Thun. In Vorbereitung eines Vortrags über Kommunikationstheorie stieß Schulz von Thun auf Ideen, die ihn später darauf brachten, ein eigenes Kommunikationsmodell zu entwickeln, wie etwa das Organon-Modell (Aspekte der Spache: Symbol, Symptom, Appell) des Sozialpsychologen Karl Bühler, bei dem er dabei auf den Beziehungsaspekt kam und bei Paul Watzlawik auf die Unterscheidung von Inhalts- und Beziehungsaspekt.

Maximale und optimale Authentizität

Bei Carl Rogers, dem Begründer der Gesprächspsychotherapie, gehört "Echtsein" neben dem "einfühlenden Verstehen" und der "Wertschätzung" zur Grundhaltung, die jeder Kommunikation förderlich sei und zwischenmenschliche Beziehungen positiv beeinflusse. Rogers spricht von Kongruenz und meint damit die Übereinstimmung zwischen drei Bereichen der Persönlichkeit: Was ich fühle (Erleben), was ich davon bewusst mitbekomme (Bewusstheit) und was ich davon mitteile (Kommunikation).

Schulz von Thun bekennt sich zu den Grundwerten der Humanistischen Psychologie, zu deren Apologeten auch Carl Rogers gehört: Der Glaube an das Gute und der Glaube an das Echte. Unter Echtsein versteht Rogers: Ohne Fassade sein, durchschaubar, aufrichtig, ehrlich, die Äußerungen einer Person entsprechen ihrem Fühlen und Denken. Die Offenheit, wie sie Rogers versteht, ist tief in der puritanischen Tradition verwurzelt. Mag dies in der Therapie eine gewisse Bedeutung haben, ist es in der Realität doch höchst zweifelhaft. Der amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Saul Bellow schreibt in seinem Roman "Humbolts Vermächtnis":

Als ich mein Geld damt verdiente, die persönlichen Erinnerungen von fremden Leuten zu schreiben, habe ich entdeckt, dass kein Amerikaner je einen richtigen Fehler begangen, niemand gesündigt oder nur eine einzige Sache zu verbergen hatte; Lügner gab es nicht. Die angewandte Methode ist Vertuschung durch Offenheit, um Doppelzüngigkeit in Ehren zu garantieren.

Von der totalen Authentizität Rogers ist Schulz vonThun inzwischen abgerückt. Er folgt heute Ruth Cohn, der Begründerin der Themenzentrierten Interaktion (TZI), die von "selektiver Authentizität" spricht: "Nicht alles, was echt ist, will ich sagen, doch was ich sage, soll echt sein."

Stimmigkeit: Schulz von Thun spricht vom META-IDEAL: Was ich sage, soll wesensgemäß und situationsgerecht sein. Das ist in der Tat ein doppelter Anspruch, die Suche nach einer doppelten Passung, die das Authentizitäts-Ideal nicht aufgibt, aber das Ringen um den authentischen Selbstausdruck doch im Kontext der Gesamtsituation und der Rollenerfordernisse betrachtet wissen will.

Stimmige Lebensführung nach Schulz von Thun: Wie finde ich meine Bedürfnisse heraus,was sehe ich als meine Pflichten an, wo spüre ich meine Berufung? An welchen Stellen möchte ich mich weiterentwickeln, um meinem Leben noch besser gewachsen zu sein? Das klingt protestantisch.

Was ich in diesem Buch vermisse

Ruth Cohn hat Schulz von Thun in einem persönlichen Gespräch darauf hingewiesen, dass nach dem TZI-Modell der "Globe" bei seinem Kommunikationsmodell zu kurz komme, also die Umwelt, die Gesellschaft, die politische Dimension. Schulz von Thun antwortete etwas hilflos:

Das konntest du immer schon gut: Unsere Selbstverhinderer zum Teufel schicken und uns zur Tat befreien. (Quelle: Schulz von Thun: Klarkommen mit sich selbst, Rowohlt 2009). Leider hat Pörksen dieses Thema nicht unmittelbar angesprochen.

Fazit

Auf die Fragen von Pörksen gibt Schulz von Thun ehrliche Antworten. Auch Persönliches gibt er preis. So erfahren die Leser, dass er Schwierigkeiten in der Schule hatte und einmal sitzengeblieben ist.
Schulz von Thun ist ein sympatischer Idealist, der versöhnlich ist und keinen Streit mag. Wer Schulz von Thun schon einmal persönlich in einem Seminar oder in einer Vorlesung erlebt hat, ist beindruckt von seiner Beredsamkeit und seinem Talent, die Zuhörer für sich einzunehmen. Wer sich davon überzeugen will, kann im Internet ein Video seiner Abschiedsvorlesung anschauen, die er 2009 im Audimax der Universität Hamburg gehalten hat. Dauert hundert Minuten. Es lohnt sich.

(MWonline zur Verfügung gestellt von Karl-Heinz List - www.list-personalkonzepte.de)


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