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Arbeitswelt |
Arbeitswelt steht hier als Sammelbegriff für alle Bücher, die sich mit Themen rund um Arbeit und Gesellschaft auseinandersetzen |
Ein potenziell riskantes, insgesamt aber durchaus lohnendes Unterfangen: Da haben der Gründungspräsident der VW-eigenen AutoUni Walther Ch. Zimmerli sowie der dortige Leiter des Bereichs "Unternehmenskultur" Stefan Wolf, sieben als unabhängige Denker ausgewiesene Autoren gebeten, sich zu den Werten und Leitlinien zu äußern, die sich der Volkswagenkonzern selbst gegeben hat. Die Werte, um die es dabei geht, sind Höchstleistungen, Erneuerungsfähigkeit, Kundennähe, Verantwortung, Nachhaltigkeit, Werte schaffen und Respekt.
Der Bremer Professor für Verhaltensbiologie und Entwicklungsneurobiologie Gerhard Roth macht den Anfang und gibt dem Leser einen kurzen, aber leicht verständlichen Überblick über den derzeitigen Stand der neurobiologischen Forschung, wobei er im Stil einer Überblicksdarstellung so aktuelle Themen wie die Frage der Willensfreiheit oder der Beeinflussbarkeit von Intelligenz, Kreativität und Motivation recht anschaulich beschreibt. Eine der Kernaussagen betrifft die Motivation zur Höchstleistung, die – im Gegensatz zu einer gerade unter Führungskräften weit verbreiteten Illusion – keineswegs die Folge rationaler Einsicht ist, sondern letztlich das Produkt aus einer sehr individuellen und von außen kaum zu steuernden Disposition, Sinnzuschreibung und Belohnungserwartung.
Dass sich die Darstellung über weite Strecken auf dem Niveau einer Volkshochschulvorlesung bzw. eines Artikels in der Wochenendbeilage einer Tageszeitung bewegt, soll dem Autor nicht zum Vorwurf gemacht werden – im Gegenteil: Selten konnte man bisher diese mitunter doch nicht ganz einfachen neurobiologischen Erkenntnisse so leicht verständlich aufbereitet vorfinden wie hier. Wünschenswert wäre allerdings eine etwas stärkere Betonung des Umstandes gewesen, dass es sich hierbei a) lediglich um die neurobiologische Deutung der Dinge handelt und es insbesondere zu dem Aspekt der Willensfreiheit eine nach wie vor anhaltende und durchaus auch kontroverse Diskussion gibt, und dass es sich dabei b) auch lediglich um den aktuellen Forschungsstand handelt, der – wie die Entwicklung gerade auch dieses Wissenschaftsgebietes während der vergangenen zwanzig, dreißig Jahre gezeigt hat – immer wieder Veränderungen, wenn nicht gar Paradigmenwechseln unterliegt, die auch für die Zukunft natürlich nicht ausgeschlossen werden können.
Der Beitrag des Stuttgarter Professors für Arbeitswissenschaft und Präsidenten der Fraunhofer Gesellschaft Hans-Jörg Bullinger zur Erneuerungsfähigkeit schreitet ebenfalls ein sehr weites Feld ab, wobei gleichermaßen technische, historische, volkswirtschaftliche und politische Aspekte zum Tragen kommen. Die Quintessenz seines Artikels erschließt sich schnell: Nur durch ständige Innovation wird die deutsche Gesellschaft ihren Wohlstand halten können, der Fortschritt ist nicht aufzuhalten, Widerstand gegen Neuerungen hat es immer gegeben, er muss aber überwunden werden, und was dem (in erster Linie technischen) Fortschritt dient, muss gefördert, was ihn behindert, unterlassen werden. Dabei bewegt sich die Argumentation recht schnell von der Perspektive auf das einzelne Unternehmen in die Richtung einer gesamtgesellschaftlichen Betrachtungsweise und liest sich schließlich wie ein politisches Manifest zur Rettung des Standorts Deutschland, wie sie auch gut in die Programmatik eines Unternehmerverbandes passen würde.
Der Beitrag des Bamberger Professors für Methoden der empirischen Sozialforschung Gerhard Schulze zum Thema Kundennähe startet mit dem Aspekt, dass dieser Wert ein besonderes Verständnis dessen erfordert, wie der (potenzielle) Kunde denkt und fühlt, und dass hierzu neben der "rechnerischen Intelligenz" auch eine "verstehende Intelligenz" erforderlich ist. Mit diesen beiden Intelligenzen sind auch unterschiedliche Handlungslogiken verknüpft, die Schulze mit den Begriffen "Steigerung" und "Ankunft" beschreibt. Die Steigerungslogik denkt in Kategorien wie schneller, besser oder billiger, während die Ankunftslogik die Achtsamkeit, den Reiz des Neuen oder den reflektierten Genuss des Augenblicks beinhaltet. Wir leben, so Schulze, in einer Zeit, in der Kunden zunehmend Wert auf die Aspekte der Ankunft legen, die aber wiederum nur schwer, wenn überhaupt, gemessen oder berechnet werden können, sondern vor allem verstanden werden müssen. Wie wenig selbstverständlich dieses Verstehen ist, wird deutlich, wenn Schulze in beinahe ethnografischer Manier zeigt, wie vieles uns in unserem Kulturkreis selbstverständlich ist und wie wenig wir davon ausgehen können, dass Menschen, die in anderen Kontexten leben und damit auch anderen Denk- und Handlungslogiken unterliegen, dies verstehen. Dies gilt selbstverständlich auch umgekehrt. Und gerade hier haben die meisten Unternehmen von heute erhebliche Defizite. Denn Controllingsysteme sind nicht darauf ausgerichtet, semantische Begriffsfelder oder individuelle Handlungslogiken zu verstehen, sondern sie messen das Zählbare. Doch wer die Bedürfnisse der Kunden in Zukunft befriedigen will, ist gut beraten, seinen Wahrnehmungsapparat auch auf diejenigen Aspekte des Lebens auszurichten, die einer einfachen Messung nicht zulässig sind.
Demgegenüber fällt der Beitrag des liberalen Vordenkers und ehemaligen Präsidenten der London School of Economics Sir Ralf Dahrendorf zum Thema Verantwortung sowohl bezüglich des Umfangs als auch bezüglich der analytischen Tiefe deutlich ab. Er beginnt seine Darstellung bei Max Weber und skizziert dessen Verantwortungsbegriff, wobei er auch auf die inzwischen hinreichend bekannte Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik eingeht. Bezogen auf den Wert der Verantwortung im Unternehmensalltag formuliert er daraufhin drei Maximen, die in diesem Zusammenhang zu beachten seien: Zum einen das Erfordernis, auch mittel- und längerfristig zu denken, zum Zweiten die Maxime, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Freiräume zu lassen und zum Dritten die Notwendigkeit, Verantwortung mit Verantwortlichkeit (accountability) zu verknüpfen.
Illustriert werden diese Erörterungen mit konkreten Beispielen, in denen Dahrendorf immer wieder die unterschiedlichen Ausformungen solcher Aspekte in Deutschland und Großbritannien kontrastiert. Auch wenn es angesichts der unbezweifelbaren Reputation Dahrendorfs fast an Majestätsbeleidigung grenzen mag: Sein Beitrag ähnelt eher einer etwas modifizierten Festansprache als einem ernstzunehmenden Artikel in einem von hochkarätigen Autoren gestalteten Herausgeberwerk, und den Leser beschleicht das Gefühl, dass ein weniger bekannter Autor mit einem derartigen Beitrag wenig Chancen auf Veröffentlichung gehabt hätte.
Der Bestsellerautor Reinhard Sprenger widmet sich in seinem Beitrag dem Aspekt der Nachhaltigkeit, den er in der für ihn typischen Manier kräftig gegen den Strich bürstet. Dass bei seiner Art des Hobelns einiges an Spänen anfällt, verwundert nicht, doch wünscht man sich manchmal etwas mehr Sorgfältigkeit in der Argumentation und etwas weniger effekthascherige Polemik, die ihn doch immer wieder dazu verführt, die argumentative Präzision um des Knalleffekts willen zu opfern. Bestes Beispiel: Sein Schlusskapitel, dramatisch-provokant mit "Scheitern ist gut" überschrieben, in dem er das Unternehmensziel der Nachhaltigkeit gesamtwirtschaftlich betrachtet und zu dem (zweifellos richtigen) Schluss kommt, dass es selbstverständlich nicht im Interesse einer Volkswirtschaft sein kann, dass jedes Unternehmen unter allen Umständen überlebt. Nur kann das natürlich kein Argument gegen die Relevanz des Nachhaltigkeitsaspektes für ein einzelnes Unternehmen sein, das selbstverständlich gut beraten ist, seine Energien darauf auszurichten, dass es auch morgen noch als profitables Unternehmen am Markt existiert. Gerade in Zeiten, in denen Unternehmen immer stärker in der Gefahr schweben, von kapitalkräftigen Fondsgesellschaften aufgekauft und möglicherweise ohne Rücksicht auf etablierte Strukturen oder Marken umstrukturiert oder sogar zerschlagen zu werden, ist die Frage, wie man die eigene unternehmerische Identität auch längerfristig erhalten kann, durchaus relevant. Den als Unternehmensziel formulierten Wert der Nachhaltigkeit so zu diskutieren, als handele es sich um ein gesellschaftliches Ziel, ist (zurückhaltend formuliert) ein klassischer Kategorienfehler; etwas weniger zurückhaltend formuliert ist es einfach nur ein schwaches Argument, das der Relevanz dieses Themas auch nicht annähernd gerecht wird.
Der bekannte Soziologe Ulrich Beck befasst sich in dem darauf folgenden Artikel mit dem Aspekt des "Werte Schaffens", der ebenfalls Bestandteil des Wertekanons bei VW ist (nach der Devise: "add value or don´t do it!"). Und auch dieser Beitrag leidet – ähnlich wie der von Bullinger – an einem Mangel an Fokussierung, der ihn recht bald von seinem eigentlichen Schwerpunkt entfernt und ihn auf ein Feld führt, das nur noch mit einiger Mühe in Einklang zu bringen ist mit der Ausgangsfragestellung. Sein Beitrag kreist im Wesentlichen um zwei Themenkomplexe: Der eine Themenkomplex dreht sich um die Folgen der Globalisierung, die Frage der Macht international agierender Konzerne und ihr Verhältnis zu den Nationalstaaten, aber auch um die Frage der Globalisierungsverlierer, insbesondere im Kreis ethnischer Minderheiten. Der andere Themenkomplex behandelt die Frage, wie realistisch das politische und gesellschaftliche Ziel der Vollbeschäftigung ist, und wie man – gegebenenfalls über die Einführung eines Bürgergeldes – die gleichberechtigte Teilhabe an einer Bürgergesellschaft von der Erwerbstätigkeit entkoppeln kann. Die Behandlung beider Themenkomplexe mündet – für den Leser einigermaßen überraschend – in ein Plädoyer für eine kosmopolitische Perspektive, die er den weltweit agierenden Unternehmen wie Volkswagen ans Herz legt. Aus der geforderten kosmopolitischen Perspektive extrahiert Beck drei Vorschläge: Erstens das Anerkennen und Akzeptieren der Vielfalt, was sich u.a. in der Bereitschaft äußern sollte, verstärkt jugendliche Migranten auszubilden, zweitens die Erkenntnis, dass es Unternehmen in Zukunft mit sehr viel kritischeren Konsumenten zu tun haben werden, die das Verhalten von Konzernen auch nach ethischen Gesichtspunkten beurteilen sowie drittens schließlich die Bereitschaft, sehr viel stärker als bisher den Wert handlungsfähiger Staatlichkeit anzuerkennen. Dass einiges davon reichlich utopisch klingt, weiß auch Beck, und der Leser findet sich am Ende seines Beitrags vor der Frage, ob der Autor den Auftrag der Herausgeber richtig verstanden oder möglicherweise nur Teile eines bereits fertigen Textes so umformuliert hat, dass er so einigermaßen zu dem Thema passt.
Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg schließlich schreibt über den Wert des Respekts, und in diesem Beitrag zeigt sich, wie viel gewinnbringender oft die Herangehensweise des Künstlers ist, wenn es darum geht, den Wesenskern eines Phänomens, eines Problems oder eines Begriffes zu erfassen – deutlich aufschlussreicher jedenfalls als vieles, was die an sich "zuständigen" Fachdisziplinen gegebenenfalls zu produzieren in der Lage gewesen wären. Philologisch, historisch, anthropologisch und ethnologisch fundiert umkreist Muschg den Begriff "Respekt", legt die Wurzel frei in Gestalt der Ehrfurcht und geißelt den wohlfeilen Gebrauch solcher Begriffe im Sinne des "Bullshit", wie Harry G. Frankfurt ihn versteht. Ein ausgesprochen kluger Text und damit auch ein würdiger Beitrag für dieses ambitionierte Buchprojekt.
Den Abschluss bildet der Beitrag eines der beiden Herausgeber, des Gründungspräsidenten der AutoUni Walther Ch. Zimmerli zum Thema "Wissenswerte Wissens-Werte". Auch er schlägt einen weiten Bogen, kommt von Werten über Ethik und Kultur zum Thema der "Verantwortungselite", zur wachsenden Bedeutung vernetzter Strukturen und zur Notwendigkeit der Sinngebung und wendet sich schließlich den Herausforderungen zu, vor denen Unternehmen heute im Zuge steigender Komplexität und Kontingenz stehen. Diese Überlegungen münden schließlich in ein Plädoyer für eine stärkere Befassung mit Werten, womit er nicht zuletzt auch das Vorhaben rechtfertigt, das zu dem vorliegenden Buch geführt hat.
In der Gesamtschau sind die Beiträge durchaus heterogen: Gerhard Schulze und Adolf Muschg haben kluge und nachdenkliche Artikel abgeliefert, deren Lektüre sowohl inhaltlich als auch stilistisch großen Spaß macht und einen deutlichen Erkenntnisgewinn verspricht.
Die Texte von Beck und Bullinger fallen demgegenüber deutlich ab und leiden darunter, dass sie eher eine allgemeine Analyse zum Zustand unserer Gesellschaft bieten als eine konzentrierte Auseinandersetzung mit den jeweiligen Werten. Der Beitrag von Roth ist informativ für denjenigen, der eine leicht verständliche Darstellung des derzeitigen Stands der Hirnforschung sucht.
Der Artikel von Ralf Dahrendorf lebt weitgehend von der Größe des Namens, und der Aufsatz von Reinhard Sprenger ist leider nur das, was man von diesem Autor inzwischen erwartet: flapsig, polemisch, mitunter scharfzüngig und treffend, im Großen und Ganzen aber oberflächlich und allzu offensichtlich darum bemüht, dem eigenen Image gerecht zu werden.
Allein die Qualität der guten Beiträge rechtfertigt ohne Einschränkungen eine Gesamtbewertung mit drei Sternen, doch auch die schwächeren Beiträge lohnen die Lektüre.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dr. Jochen Christe-Zeyse ) |
(christe 25.03.2007) |
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