Potenzialorientiertes Coaching – klingt gut! Was verstehen die Autoren darunter?
Nach Weber und Preuß heißt das "...einen gesunden Menschen darin zu fördern, eigene, verdeckte oder blockierte Möglichkeiten und Fähigkeiten zu nutzen, ohne ihn als Therapie-Klienten zu definieren und zu behandeln." (S. 15).
Beide Autoren kommen aus der Schule Wolf E. Büntigs, der seit über 30 Jahren den Ansatz potenzialorientierter Selbsterfahrung in Psychotherapie und Persönlichkeitsentwicklung auf der Basis der humanistischen Psychologie vertritt.
Die Autoren unterscheiden drei Ebenen der Persönlichkeit:
- Das Wesen eines Menschen als die Quelle des menschlichen Potenzials, das nach Entfaltung drängt,
- den Charakter eines Menschen als die Prägung, die ein Mensch erfahren hat, welche oftmals die Ebene der Hindernisse zur Entfaltung des Potenzials darstellt,
- das Verhalten eines Menschen als Ausfluss des Charakters eines Menschen.
Wenn der Charakter nicht das wesensgemäße Potenzial fördert, sondern dessen Entfaltung be- oder verhindert, birgt das auf der Verhaltensebene vielerlei Anlässe für Coaching oder Therapie. Die Autoren verorten das potenzialorientierte Coaching als Arbeit auf der Charakterebene. Sie verstehen Coaching weder als reinen Expertenrat auf der Verhaltensebene noch als Therapie im Sinne der Aufarbeitung biographischer Ereignisse. Vielmehr geht es darum, auftauchende Emotionen mit der aktuellen Situation und dem aktuellen Thema in Verbindung zu bringen und nicht therapeutisch durchzuarbeiten. Letzteres erfordert eine andere Kompetenz und vor allem auch einen anderen Kontrakt. Daher sollte der Coach die Kompetenz mitbringen, klar die Grenze zwischen Coaching und Therapie ziehen zu können und an der Frage zu arbeiten: "Was, lieber Coachee, ist Dir wesensgemäß? Wie kannst Du Deine Schritte auf dem Weg zu Deiner Entscheidung oder Problemlösung etc. tun?"
Nach dieser Vorrede nun zum Aufbau und Inhalt des Buches:
Kapitel 1. Hintergrundwissen:
In der ersten Hälfte des Buches stellen die Autoren in fünf Unterkapiteln (Im Mittelpunkt der Mensch – Der Mensch im Kontakt – Der Mensch im Konflikt – Der Mensch in der Gruppe – Der Mensch in der Führung) ihr Menschenbild dar und unterfüttern es mit den entsprechenden wissenschaftlichen Theorien und Konzepten, z. B. das Gestalttherapeutische Polaritätenmodell, das Modell der Transaktionsanalyse, das Riemann-Thomann-Modell, Virginia Satyrs Konflikttypen, das Gruppendynamische Rollenmodell nach R. Schindler etc.
In der Beschreibung von Schindlers Modell auf S. 77 haben die Autoren einen sinnentstellenden Tippfehler übersehen: In der Beschreibung der Beta-Außenseiter-Rolle steht dort noch mal die Alpha-Funktion – ein kleiner Schönheitsfehler.
Kapitel 2. Der Coachee:
Interessant ist hier das Unterkapitel zum Thema Unterscheidung und Erkennen von Widerstand und Vermeidung auf Seiten des Coachee. Als Umgangsform mit Widerstand wird das allbekannte "Aikido-Prinzip" bemüht, d.h. mit dem Widerstand gehen, nicht gegen ihn.
Kapitel 3. Der Coach:
Weber und Preuß legen den Schwerpunkt auf die Selbstreflexion des Coachs bzgl. Kompetenz, Ethik und Haltung, Persönlichkeit. Sie legen Wert auf eine klare Abgrenzung zwischen Coaching und Therapie und bringen viele wertvolle Hinweise zum Umgang mit Emotionen im Coaching. Die Auflistung der möglichen Persönlichkeitsfallen des Coachs, z.B. die Prestigefalle (mein Marktwert steigt, wenn ich diese Person coache!) oder die Verantwortungsfalle (ich sehe die Verantwortung für den Erfolg des Coachings alleine bei mir!) finde ich persönlich recht plastisch und hilfreich für die Selbstreflexion besonders im Rahmen der Auftragsklärung.
Kapitel 4. Coaching-Techniken:
In sieben Unterkapiteln (Prozesssteuerung – Ist-Analyse – Perspektivenwechsel – Arbeit mit dem Charakter – Feedbackformen – Konflikt-Coaching – Gruppen/Team-Coaching) geben die Autoren viele wertvolle, gut strukturierte Impulse zur Auftragsklärung, Kontraktgestaltung und Prozesssteuerung im Einzel- wie im Gruppen- bzw. Teamcoaching. Sie beschreiben zahlreiche Coaching-Tools, die aus erfahrungsorientierten Therapieverfahren abgeleitet wurden, schwerpunktmäßig aus der systemischen Familientherapie, der Gestalttherapie, dem Psychodrama und der Soziometrie.
Kapitel 5. Anhang besteht aus einer mehrseitigen tabellarischen Übersicht, in welcher die Ziele im Einzelcoaching in Verbindung gebracht werden mit Interventionen auf der kognitiven Ebene sowie mit Interventionen, die Emotionales oder Verbewusstes berühren können und tiefen Interventionen an der Grenze zur Therapie. Eine lesenswerte und hilfreiche Zusammenstellung verschiedener im Buch dargestellter Interventionstechniken und deren Tiefenwirkung, die besonders Coaching-Anfänger unterstützen kann, Interventionen sorgfältig und klug zu wählen und nicht in die "Spiele-Falle" (ich würde da mal gerne eine neue Methode ausprobieren!) zu tappen.
Die Autoren erfinden mit ihrer Definition des potenzialorientierten Coachings das Coaching weder neu noch beabsichtigen sie, eine bestimmte Schule zu etablieren. Sie legen eine systematische Zusammenstellung ihrer Hintergrundtheorien und Coachings-Tools aus den von ihnen durchgeführten Coachingausbildungen vor und liefern eine Fundgrube an Impulsen und Methoden für Coaches. Gesprächsleitfäden, Reflexionsfragen, zahlreiche Abbildungen und tabellarische Übersichten lockern das Buch auf und bringen unmittelbaren praktischen Nutzen.
Unerfahrene Coaches und solche ohne therapeutischen Hintergrund sollten bei der Anwendung der überwiegend erfahrungsbezogenen Coaching-Tools und Übungen Vorsicht walten lassen. Eine selbstkritische Einschätzung darüber, was mir als Coach wesensgemäß ist und wo ich meine Kompetenz überschreite, ist dabei unerlässlich.
Das Buch wird dem eigenen Anspruch über alle Maßen gerecht, ein Praxishandbuch zu sein und Tiefe mit Pragmatismus zu verbinden.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Reinhard Fukerider)
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