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Wie moderne Medien uns klüger machen

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Pfeifer, David
1. Aufl. (2007)
Campus Verlag, ISBN: 3593381613


Unsere Bewertung:   

Schlagworte:
Medienkompetenz, Unterhaltungsmedien

Autor(en):
David Pfeifer war Chefredakteur bei Konrad, Ressortleiter beim Stern, heute ist er freier Autor.

Themenliste Literatur
Persönlichkeitsentwicklung   Bücher rund um das Thema "Persönliches Wachstum" und was dazu beiträgt, dieses zu unterstützen

Glaubt man den unzähligen Kritikern und Mahnern, so können wir uns kaum mit Computer, Fernsehen oder Internet beschäftigen, ohne aggressiv, autistisch, zu Analphabeten oder alles zugleich zu werden. Computer machen einsam, Videospiele gewalttätig, Fernsehen macht dumm... Dabei machen die modernen Medien uns zu klügeren und sozialeren Menschen, so der Autor. Durch sie können wir die Welt erschließen, unsere geistigen Fähigkeiten verbessern.

Der Autor hat einen wunden Punkt, einen blinden Fleck unserer Kultur gefunden, unseren Kulturpessimismus und unser Ressentiment gegenüber allem Neuen. Auf dieses Buch müssen wir gewartet haben - und es verdient viele Leser! Dabei erinnert der Stil des Buchs an "Generation Golf" von Florian Illies. Wie Illies ist auch Pfeifer ein 88er (also 1970 geboren). Mit der 68er-Weltanschauung hat diese Generation so ihre handfesten Probleme... Jene sind die "Kritischen" (Gutmenschen), aufgewachsen mit Brechts Radiotheorie und deren Fortsetzung bei Enzensberger, Postman und Konsorten. Im Rückblick erscheint derlei medientheoretisch betrachtet wirklich putzig, verquer und einseitig, völlig überholt bis naiv. - Aber es ist Allgemeingut, common sense: Die Medien sind "schlecht"!

Also nicht alle... Bücher sind "gut". Das sei ausgemachter Quatsch, so unser Autor: Schon Sokrates wollte seine Worte nicht aufgezeichnet wissen, denn die Schrift vermindere seiner Meinung nach die Gedächtnisleistung und könne niemals an die Verständigungsleistung des mündlichen Vortrags heranreichen. Das alles ist schon nun ein paar Jährchen her..., doch dass breite Massen lesen können, fanden die Herrschenden nicht zu allen Zeiten angenehm! Und als dann der Film aufkam, das Radio, das TV, das Internet... immer dasselbe (durchschaubare) Spiel.

Nun gut, Ihr jugendlicher Sohn hat sich gerade in einem Videospiel vergraben und ist nicht wirklich ansprechbar... Doch wie würden Sie reagieren, wenn man Sie in einem spannenden Schachspiel "von der Seite anquatscht"? Was würden Sie antworten, wenn man nun behaupten würde, Schach spielen mache einsam, blöd, aggressiv und faul? Oder wenn Ihre elfjährige Tochter ihr Handy perfekt programmiert hat, Sie aber immer noch nicht mehr als die Basisfunktionen beherrschen, welches Urteil zum Thema Medienkompetenz würden Sie da fällen?

Moderne Medien sind die perfekte Geistesschulung, sie trainieren die Auge-Hand-Koordination, Auffassungsvermögen und Reaktionsgeschwindigkeit. Chirurgen, die häufig Videospiele spielen, sind die besseren Operateure! Die Mediennutzung verbessert unseren Intelligenzquotienten (weil der genau auf diese Aspekte abzielt). Durch die stetig wachsende Vielfalt, die wir heute mittels Medien bewältigen, werden wir nicht dümmer - sondern wählerischer und selbstständiger.

Vielleicht ist es so: In den 60er-Jahren war es der Rock´n´Roll, der die Jugend verdarb. Heute sind es die Computerspiele. Und sie bieten dann den perfekten Sündenbock für Politiker, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Wenn einer von Tausenden Amok läuft, sind die Spiele es schuld und gelten verboten. Dass 999 andere Spieler nicht durchdrehen, wird dann gerne vergessen. Auch dass die Bundeswehr Bürger zum legalen Töten ausbildet... Niemand von den Becksteins, Stoibers et cetera käme auf die Idee, die Bundeswehr verbieten zu wollen. Doch die Verkaufs-Hitlisten der Computerspiele führen Rollenspiele, Rennspiele, Sportsimulationen, Kinderspiele und Albernheiten an, nicht "Killerspiele" - aber das passt eben nicht ins Weltbild.

Die neuen Kommunikationsmedien bringen die Menschen zusammen, argumentiert unser Autor, und hat Recht damit. Was Enzensberger seinerzeit noch emanzipatorisch forderte, geschieht heute vielfältig. Nun mag man dagegen halten, das "Deutschland sucht den Superstar" mit Dieter Bohlen weit von dem emanzipatorischen Ziel entfernt sein. Nur muss man sich dafür nicht zum Oberlehrer aufschwingen, die Leute durchschauen vielleicht mehr als man glaubt... Und außerdem gibt´s noch arte, n-tv, 3Sat...

Wir befinden uns in einer Phase einer kulturellen Ablösung, und die Technikfeindlichkeit hat gerade in Deutschland romantische Wurzeln. Meistens haben wir keine Ahnung, aber eine Meinung haben wir immer...
Computer können und sollen Lehrer nicht ersetzen, aber sie können sie sinnvoll unterstützen. Lehrer können ihren Schülern beibringen, wie sie richtige von falschen Informationen unterscheiden können. Mit dem Einsatz des Internets haben die Lehrer die Möglichkeit, nicht nur Stoff zu vermitteln, sondern den Schülern beizubringen, wie sie lernen können. Aus einem urdeutschen Ablehnungsreflex heraus entstand die Überzeugung, dass ein Massenmedium zwangsweise ein Werkzeug der Mächtigen zur Manipulation sein müsse. Heute erleben wir das Gegenteil: Das Internet bietet uns mit Bloggs, Wikipedia und Foren eine derartige Fülle von Gegenöffentlichkeit, wie sie sich Brecht, Enzensberger u.a. nie haben träumen lassen.
Was wir also brauchen, ist Medienkompetenz, den professionalisierten, routinierten und reflektierten Umgang mit neuen Medien - nicht deren Ablehnung oder Verteufelung.

Diese Buch ist kurzweilig zu lesen. Es verdient viele Leser (natürlich insbesondere aus dem Lager der Politik sowie der verbeamteten 68er-Lehrerschaft, die sich sicher immer auch über ein Buchgeschenk freuen).

(MWonline zur Verfügung gestellt von Thomas Webers)

(thw 26.06.2007)

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