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  Buchbesprechung


Die Kunst des Krieges
Herausgegeben und mit einem Vorwort von James Clavell

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Sunzi, Wu
1. Aufl. (2001)
Droemer Knaur, ISBN: 3426666456


Unsere Bewertung:   

Schlagworte:
Kriegsführung, Militärphilosophie, Analogie, Unternehmensführung, Strategie

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Dieses zweieinhalb Jahrtausende alte Werk ist ein bedeutendes militärhistorisches Dokument. Doch ist es weder dafür gedacht noch sehr geeignet, daraus grundlegende Lehren für Unternehmensführung und Strategie in unserer heutigen Zeit abzuleiten.

Rund 2500 Jahre ist dieser Text alt – im Vergleich dazu ist Gustave Le Bons Klassiker "Psychologie der Massen" (1895), den ich kürzlich besprochen habe, eine Neuerscheinung. Wu Sunzi (auch Sun-Tsu oder Sun Tzu geschrieben) war Philosoph und königlicher General im alten China, und seine "Kunst des Krieges" gilt als die erste bekannte Abhandlung zur Militärstrategie, die auch heute noch viel zitiert und immer wieder auch als Leitschnur für unternehmerisches Handeln empfohlen wird, gemäß dem simplen Analogieschluss "Business is War". Bei Le Bons "Psychologie der Massen" war mein Fazit, dass – ungeachtet ihrer historischen Bedeutung – ihr Nutzen für die Gegenwart begrenzt ist. Umso gespannter war ich, ob uns Sun-Tsus ungleich älterer Text für unser heutiges (Geschäfts-)Leben noch etwas zu sagen hat: Für eine Welt, deren Spielregeln und Lebensumstände der vorsokratische chinesische Philosoph und General nicht einmal erahnen konnte.

Zu seiner Ernennung zum General durch König Helu (dessen Namen wir sonst wohl niemals erfahren hätten) kam Sun-Tsu, wie ein Chronist laut Vorwort berichtet, durch ein Probeexerzieren. Nachdem König Helu auf sein Werk aufmerksam geworden war, lud er ihn zu einem Assessment Center ein und stellte ihm die Aufgabe, 180 Damen aus dem königlichen Hofstaat militärisch zu drillen. Sun-Tsu machte daraufhin die beiden Lieblingskonkubinen des Königs zu den Kompanieführerinnen – und ließ beide, nachdem die Damenschar auf seine Kommandos nur mit Kichern reagierte, trotz des Protests des Königs enthaupten. So überzeugte er die übrigen, seinen Befehlen zu gehorchen. Das wiederum überzeugte den König, Sun-Tsu nicht als Hofmarschall, sondern als General zu engagieren.

Es wäre sicherlich unfair, die rauen Sitten im alten China an den Wertmaßstäben unserer Zeit zu messen. Dennoch finde ich irritierend, wie bereitwillig manche Menschen unserer Tage dazu neigen, Rezepte aus dem alten China als Leitlinien auf unsere heutige Zeit zu übertragen und damit, so wie der Bestsellerautor James Clavell im Vorwort, ein Führen durch Angst historisch-philosophisch zu legitimieren: "Ich würde "Die Kunst des Krieges" gern als Pflichtlektüre für Offiziere und Mannschaften unserer Streitkräfte sehen, und außerdem für alle Politiker, für alle Menschen, die in der Regierung arbeiten, auf allen Hochschulen und Universitäten der freien Welt. (...) Ich glaube wirklich, dass Sunzis Einsichten für unser Überleben äußerst wichtig sind. Sie können uns den Schutz geben, den wir brauchen, damit unsere Kinder in Frieden und Wohlstand aufwachsen. Wir dürfen nicht vergessen, dass von alters her bekannt ist:"... das wahre Ziel des Krieges ist der Frieden." (S. 17f.) Angesichts so viel Schönfärberei fällt mir nur der APO-Spruch ein: "Fighting for peace is like fucking for virginity."

Dass es in Sun-Tsus "Kunst des Krieges" wirklich nur um Militärstrategie und -taktik geht, zeigen die Überschriften der 13 Kapitel: "Planung", "Über die Kriegführung", "Das Schwert in der Scheide", "Taktik", "Energie", "Schwache und starke Punkte", "Manöver", "Taktische Varianten", "Die Armee auf dem Marsch", "Terrain", "Die neun Situationen", "Angriff durch Feuer" und "Der Einsatz von Spionen".

Sun-Tsus Ausführungen sind gut lesbar, aber meist recht allgemein gehalten. Eine Leseprobe: "Der kluge Anführer unterwirft die Truppen des Feindes ohne Kampf; er nimmt seine Städte, ohne sie zu belagern; er besiegt sein Königreich ohne langwierige Operationen im Felde. Er wendet sich mit seinen Truppen gegen den Machthaber im feindlichen Königreich, und sein Triumph wird vollkommen sein, ohne dass er einen Mann verliert. Dies ist die Methode, mit einer Kriegslist anzugreifen, indem man das Schwert in der Scheide lässt." (S. 36) Auch mir als militärischem Laien leuchtet mühelos ein, dass solch ein Kriegsverlauf ausgesprochen anstrebenswert ist; unklar bleibt jedoch, wie man solch einen unblutigen Sieg erreicht, zumal der gegnerische Heerführer vermutlich das gleiche Interesse hat. Sun-Tsu macht meist keine Angaben dazu, wie man zu einer verlässlichen Einschätzung der strategischen Ausgangslage kommt, in der man sich gerade befindet. Das ist insofern sicherlich verzeihlich, als dies für den ursprünglichen Anwendungszweck des Buches Gegenstand vertiefter Schulungen sein müsste. Doch für den heutigen Leser macht es dieser Umstand schwierig, Nutzen aus den Empfehlungen von General Sun-Tsu zu ziehen.

Scharfsinnig und differenziert analysiert General Sun-Tsu alle möglichen militärtaktischen Fragen: Kräfteverhältnisse, Landschaftsformen, die Position der eigenen Armee, beobachtbare Anzeichen der Verfassung der feindlichen Armee, Kriegslisten, Führung und Disziplin, ja selbst die Deutung von Rauch- und Staubfahnen sowie das Verhalten von Tieren. Doch in den seltensten Fällen wollte mir die Übertragung seiner Gedanken auf unser heutiges Geschäftsleben gelingen. Vielleicht wäre dies möglich, wenn man sich die Mühe machte, länger über einzelne Passagen zu diskutieren oder zu meditieren. Aber dazu fehlt mir die Geduld, und ehrlich gesagt, auch die Hoffnung, dass dabei etwas Lohnendes herauskommen würde.

Trotzdem finde ich es bemerkenswert, mit welcher gedanklichen Klarheit Sun-Tsus an sein Thema herangeht. So etwa, wenn er im zweiten Kapitel die Ökonomie eines Krieges analysiert: "Wenn ein Krieg geführt wird, (...) dann belaufen sich die Ausgaben zu Hause und an der Front (...) auf eine Gesamtsumme von tausend Unzen Silber am Tag. (...) Wenn der Feldzug sich lange hinzieht, werden die Schätze des Staates unter der Belastung schwinden." (S. 29f) Seine Schlussfolgerung: "Zwar haben wir von dummer Hast im Kriege gehört, doch Klugheit wurde noch nie mit langen Verzögerungen in Verbindung gebracht. In der ganzen Geschichte gibt es kein Beispiel dafür, dass ein Land aus einem langen Krieg Gewinn gezogen hätte. Nur wer die schrecklichen Auswirkungen eines langen Krieges kennt, vermag die überragende Bedeutung einer raschen Beendigung zu sehen. Nur wer gut mit den Übeln des Krieges vertraut ist, kann die richtige Art erkennen, ihn zu führen." (S. 30)

Bewundernswert auch, mit welcher Klarheit und Empathie Sun-Tsu Feindbeobachtungen interpretiert: "Der Anblick von Männern, die in kleinen Gruppen flüsternd zusammenstehen oder halblaut miteinander sprechen, ist ein Hinweis auf Unzufriedenheit in den Reihen. Zu häufige Belohnungen sind ein Zeichen dafür, dass der Feind am Ende seiner Kräfte ist, denn wenn eine Armee bedrängt ist, besteht immer die Gefahr einer Meuterei, und es werden großzügige Belohnungen gegeben, um die Männer bei Laune zu halten. Zu viele Bestrafungen sind ein Zeichen für schlimme Nöte, denn in solchen Situationen lässt die Disziplin nach, und unnachgiebige Strenge ist nötig, um die Männer an ihre Pflichten zu erinnern." (S. 98) Das hätten zeitgenössische Psychologen kaum präziser zusammenfassen können: Sun-Tsus Verhaltensdeutungen scheinen mir weit schlüssiger zu sein als vieles von dem, was 2400 Jahre später der Arzt und selbsternannte Massenpsychologe Gustave Le Bon schrieb.

Nur auf einer sehr abstrakten Ebene lassen sich jedoch Lehren für die heutige Unternehmensführung ziehen – etwa aus seinen wiederkehrenden Mahnung, "die Kunst die Selbstbeherrschung zu bewahren" (S. 73): "Kein Herrscher sollte Truppen ins Feld schicken, nur um einer Laune nachzugeben; kein General sollte aus Verärgerung eine Schlacht beginnen. Zorn mag sich mit der Zeit in Freude verwandeln; auf Verärgerung mag Zufriedenheit folgen. Doch ein Königreich, das einmal zerstört wurde, kann nie wieder errichtet werden; und auch die Toten können nicht ins Leben zurückgeholt werden. So ist der erleuchtete Herrscher umsichtig, und der gute General voller Vorsicht." (S. 148) Ebenso nachdrücklich mahnt er, bei klaren Lagen nicht zu zaudern, sondern beherzt zu handeln und die Chance zu ergreifen. Aber das sind zwar offenkundig zeitlose, aber auch sehr abstrakte Weisheiten.

Ganz sicher ist es kein Mangel dieses bemerkenswerten historischen Dokuments, dass es keine Antworten auf Fragen liefert, zu deren Beantwortung es nicht abgefasst wurde und die zur Zeit seiner Entstehung nicht einmal denkbar waren. Es sagt weniger über dieses Buch als über uns und unsere Zeit, dass wir – jedenfalls einige von uns – Rat und Inspiration aus einer Quelle suchen, deren dezidierter Zweck ein ganz anderer war. Und dass manche Interpreten aus den Worten Sun-Tsus mit Ergriffenheit ewige Wahrheiten ableiten, die sie selbst dorthin hineingedeutet haben. Mein Plädoyer wäre demgegenüber, die Kirche im Dorf zu lassen und den alten Sun-Tsu in der Militärgeschichte: Seine "Kunst des Krieges" ist ohne Zweifel ein bedeutendes militärgeschichtliches Dokument – nicht weniger, aber auch nicht sehr viel mehr.

(MWonline zur Verfügung gestellt von Winfried Berner)

(wb 03.09.2007)

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