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Führung |
Führungskräfte haben es nicht leicht, sie sitzen immer zwischen den Stühlen. Da ist guter Rat teuer - und in diesen Büchern zu finden. |
Ein systematisches Lehrbuch ist dies sicher nicht, eher eine Sammlung von Denkanstößen, wie man Führung und Motivation vielleicht auch ganz anders angehen könnte. Allerdings bleibt unklar, inwieweit Kobjolls charismatischer Stil generalisierbar ist.
Dieses Büchlein ist offenbar das redigierte Transkript eines Vortrags. Und vermutlich ist es in dieser Niederschrift nur ein müder Abklatsch eines Live-Auftritts des Hoteliers Klaus Kobjoll, der seinen Schindlerhof über die Jahre zu einer der Perlen der deutschen Seminarszene entwickelt und – das ist nicht geringer einzuschätzen – auf diesem Niveau gehalten hat. Von welchen Gedanken und Prinzipien er sich dabei leiten ließ, schildert er mit Temperament und Eloquenz, aber auch mit viel Rhetorik und flotten Sprüchen. Manche davon, die in einem Vortrag einen sicheren Lacher bringen, wirken in gedruckter Form doch etwas wohlfeil: "Wer seine Mitarbeiter mit Erdnüssen bezahlt, muss sich nicht wundern, wenn er von lauter Schimpansen umgeben ist." (S. 102) Auf der anderen Seite wirkt der Text dadurch, dass er sehr nahe am O-Ton des Vortrags bleibt, auch authentisch.
Ein Inhaltsverzeichnis hat das Buch nicht, eine strenge Systematik auch nicht – die würde auch kaum zu Kobjolls erzählendem Stil passen. Wohl aber hat es klare Schwerpunkte, die ganz überwiegend um die Themen Mitarbeiter, Motivation und Führung kreisen. Es ist bemerkenswert, wie sehr Kobjoll seine Mitarbeiter und deren Zufriedenheit in den Mittelpunkt seines gesamten Denkens und Handelns stellt, und zwar nicht in einer verwöhnenden und sozialfürsorgerischen Weise, sondern indem er ihnen sehr viel Vertrauen entgegenbringt, große Gestaltungsspielräume gibt und sich sorgfältig und gedankenreich bemüht, ein Klima zu schaffen, indem es den Mitarbeitern Spaß macht (und wohl auch eine innere Verpflichtung ist), Leistung zu bringen. Es wäre spannend zu erfahren, wie die Mitarbeiter dieses Umfeld erleben und was darin ihre Logik des Handelns ist.
Zum Beispiel finde ich es geradezu bewundernswert, mit welcher Sorgfalt Kobjoll nicht nur den formalen Prozess der Mitarbeiterauswahl und Einarbeitung durchdacht und gestaltet hat, sondern auch den sozialen Prozess. Er beschreibt die Motivationsvernichtung, die entsteht, wenn neue Mitarbeiter im Auswahlprozess mit Champagner hofiert werden, weil sie in der Gastronomie extrem rar sind, sich aber ab dem ersten Arbeitstag durch einen schäbigen Personaleingang ins Haus schleichen müssen, und erläutert detailliert, wie der Schindlerhof diese "kalte Dusche" vermeidet und neue Mitarbeiter stattdessen in einem schrittweisen, durchaus anspruchsvollen, aber partnerschaftlichen Auswahlprozess und einer durchdachten Einarbeitung motiviert in das Team zu integrieren.
Der Text ist gut durch Zwischenüberschriften gegliedert, die alle halben bis anderthalb Seiten die Themen und Gedankengänge ordnen. Gut lesbar ist der Text auch, weil sich Kobjoll nicht in theoretischen Höhenflügen verliert, sondern immer nahe an der Praxis in seinem eigenen Haus bleibt, dabei aber nicht nur Anekdoten und War Stories erzählt, sondern immer auch erläutert, welche Ideen, Erfahrungen und Gedanken hinter dem eingeschlagenen Weg stehen.
Ein bisschen Persönlichkeitskult ist sicher auch dabei: Schon beim ersten Durchblättern fallen etliche ganzseitige Fotos von "Kobjoll in Action" auf. Beim Lesen setzt sich dieser Eindruck fort, weil der Autor immer wieder stark herausstreicht, wie sehr, wie mutig und wie konsequent er die Dinge anders macht als sie in der Branche üblich sind. Trotzdem wirkt der Inhalt – und sein Erzähler – alles andere als unsympathisch. Ich hatte beim Lesen niemals den Eindruck, dass hier ein Egomane alles Übrige in den Dienst der Verherrlichung der eigenen Glorie stellt, sondern eher das Bild eines charismatischen Führers, der mit bemerkenswertem Mut zu eigenständigem Denken und Handeln seinen Weg gegangen ist – und nun mit einem gewissen Stolz, was er als Schulabbrecher und Selfmademan geschafft hat, von seinem Lebenswerk erzählt. Dabei steht nie der Selbstdarsteller, sondern immer der "Überzeugungstäter" im Vordergrund, der ein bestimmtes Konzept der Führung in der Praxis erprobt und weiterentwickelt hat und nun mit spürbarer und ansteckender Begeisterung davon erzählt.
Genau dies macht zugleich eine Einschränkung der Nutzbarkeit des Büchleins aus: Mir fällt es schwer zu trennen, was von seinen Ideen und Konzepten nur (oder hauptsächlich) deshalb funktioniert, weil Kobjoll eine charismatische Persönlichkeit ist, der es gelingt, die Menschen für eine engagierte Mitarbeit zu begeistern, und welche seiner Ansätze "kobjoll-unabhängig" verwendbar und wirksam sind. So gern ich etwa glauben würde, dass ein hoher Vertrauensvorschuss von den Mitarbeitern durch eigenverantwortliches Handeln erwidert wird, so groß sind meine theoretisch wie praktisch begründeten Zweifel, dass dies in einer verwöhnten Gesellschaft tatsächlich eine realistische Annahme ist. (Wobei mir Kobjoll in diesem Beispiel an einer ganz anderen Stelle die Antwort zu liefern scheint, weshalb dies bei ihm funktioniert: Er achtet bei der Mitarbeiterauswahl sehr sorgfältig darauf, jene – nach seiner Aussage – 3 Prozent herauszufiltern, die eine hohe Leistungsbereitschaft mit Begeisterung für den Job verbinden. Was aber zugleich bedeuten würde, dass dieses zentrale Element seines Ansatzes nur eingeschränkt auf andere Unternehmen und zumal auf Großunternehmen übertragbar ist.)
So hinterlässt das Büchlein am Ende mehr Fragen als Antworten – Fragen aber, über die es sich wirklich nachzudenken lohnt, und zwar für jeden, der mit Führung und Motivation zu tun hat. Dass Kobjoll dabei sich dabei viele unreflektierte Selbstverständlichkeiten unseres Führungsalltags in geradezu provozierender Weise hinwegsetzt, mag bei manchen Lesern aufgeregte Abwehrreaktionen auslösen: "So geht das doch nicht! Das ist doch völlig unrealistisch!" Wer so schnell auf Abwehr schaltet, wird wenig Nutzen aus dieser Lektüre ziehen. Sehr viel mehr wird profitieren, wer Kobjolls Anregungen nutzt, um seine eigene Praxis zu reflektieren. Denn der größte Nutzen von "Motivaction" liegt nicht darin, dass man Kobjoll blind folgt, sondern dass man sich von ihm im besten Sinne provozieren lässt: nicht zum Widerspruch, sondern zum Nachdenken. Und Handeln.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Winfried Berner)
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(wb 27.09.2007) |
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