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Moderation |
Besprechungen zu leiten ist eine, sie zu moderieren eine andere Sache. Wissen nicht nur für Moderationsprofis |
Das World Café ist, will man den Autoren glauben, mehr eine Haltung und Überzeugung denn eine reine Methode. Die Idee ist, dass es so etwas wie kollektives Wissen gibt. Dass es gut ist, wenn möglichst viele Beteiligte in Veränderungsprozessen zu Wort kommen. Dass es fast unwillkürlich zu Anteilnahme und zur Entstehung einer Energie von gemeinsamem Engagement kommt, bietet man nur den entsprechenden Rahmen. Dass Veränderung konstruktiv steuerbar ist und sich an dem orientiert, was die Menschen wollen. Hier ist also weniger ein direktives Vorgehen gemeint, sondern die Fähigkeiten eines Systems zur Selbststeuerung und Selbstentwicklung.
In diesem knapp 200 Seiten starken Buch im DinA4 Format erfahren Sie so ziemlich alles, was man braucht, will man eine Methode wirklich begreifen und praktisch umsetzen. Wobei Sie in jedem der Kapitel weit mehr erfahren als die didaktisch richtige Vorgehensweise. Sie erhalten tiefe Einblicke in das Verständnis von "Die richtige Frage stellen", "Wie funktioniert Verständigung über kulturelle und soziale Grenzen hinweg?", "Was sind die wesentlichen Themen, die Menschen beschäftigen?" und "Wie kann man Menschen motivieren, ihre persönlichen Interessen in ein Größeres einzubringen?". Also vieles, was – egal welche Methode Sie nutzen, um Ihre Organisation voran zu bringen – sowieso bedeutsam ist.
Aufgelockert werden die Texte mit Fotos aus stattgefundenen Veranstaltungen und vielen fröhlichen und inspirierenden kleinen Grafiken und Zeichnungen. In jedem Kapitel kommt zuerst eine Person zu Wort, die in ihrem Unternehmen diese Methode erfolgreich angewendet hat. Sehr praxisnah erfährt der Leser, in welch vielfältigen Kontexten hier gute Erfahrungen gemacht wurden. Diese reichen von politischen Organisationen, großen internationalen Unternehmen oder kleineren Nonprofitorganisationen. Auch die Personen selbst sind CEO von großen Firmen, Engagierte in Kunst, Kultur, Gesellschaft und Politik sowie Berater die eine Aufgabe zu lösen hatten.
Die Kapitel folgen den Kernprinzipien des World Cafés. Nach einer ausführlichen Einführung von Kapitel 1-2 sind es diese:
- Das Unsichtbare sichtbar machen: Dialog ist unverzichtbar
- Dialog als Kernprozess: Gemeinsam Unternehmens- und Sozialwert schaffen
- Kernprinzip 1: Kontext festlegen
Auswahl der Teilnehmer, Festlegung des Zwecks, räumliche Bedingungen klären etc.
- Kernprinzip 2: Einen gastfreundlichen Raum schaffen
In einem echten World Café gibt es kleine Tischchen mit bis zu fünf Sitzplätzen, eine kleine Blumenvase auf dem Tisch, eine Papiertischdecke und einige bunte Stifte zum Bemalen und schriftlichen Fixieren, was in den Gesprächen passiert.
- Kernprinzip 3: Bedeutsame Fragen bearbeiten
Alle, die sich mit Systemik beschäftigt haben, wissen: Es geht mehr um die richtige Frage als um kluge Antworten. Dies wird hier mit Beispielen unterlegt und gut erklärt.
- Kernprinzip 4: Alle zur Mitarbeit einladen
Von der Reinigungsfrau bis zum Vorstand, von den Arbeitern und Kindern bis zum Bürgermeister. Das World Café sagt: Um eine gemeinsame Lösung zu finden werden alle Perspektiven gebraucht!
- Kernprinzip 5: Unterschiedliche Perspektiven austauschen und verknüpfen
Je unterschiedlicher desto besser. Ein komplexes Netzwerk ermöglicht tiefer gehende Erkenntnisse.
- Kernprinzip 6: Gemeinsame Einsichten, Muster und tiefergehende Fragen heraushören
Das Wunder geschieht: Es entstehen Verknüpfungen, Kohärenzen, gemeinsame Erkenntnisse. Dafür lohnt es sich einander genau zuzuhören und die Frage hinter den Dingen zu verstehen.
- Kernprinzip 7: Kollektive Erkenntnisse sammeln und teilen
Am Ende ist es wichtig, das Wesentliche der einzelnen Gesprächskreise aufzugreifen und in einen gemeinsamen Kontext zu überführen. Dies geschieht im Plenumsgespräch.
- Den Café-Prozess begleiten: Die Kunst des Gastgebens
Jetzt erfahren Sie endlich, wie die praktische Umsetzung funktioniert - von der Raumgestaltung bis zu den kleinen Ritualen zwischendurch. Vier Personen sitzen um einen Tisch, haben zuvor die grundlegende Fragestellung und das zu lösende Problem gehört und fangen schlicht an, miteinander zu sprechen. Nach ca. 20 Minuten wechseln alle bis auf einen die Tische. Der Sitzengebliebene gibt das bisher Besprochene an die Neuankömmlinge weiter, diese berichten aus ihren Gesprächen und so entspinnt sich langsam ein feines unsichtbares Netz innerhalb des Raumes. Ideen verknüpfen sich, es entsteht ein kollektiver Raum des Denkens.
- Dialogorientierte Führung: Kollektive Intelligenz fördern
Beziehungen, Kommunikation, die direkte Begegnung sind hier die Schlüsselwörter. Das Prinzip des "Appreciate Inquiry" fügt sich günstig in diese Methode. Es geht um wertschätzende Haltungen untereinander. Jeder hat seinen Platz im Ganzen. Die Aufgabe der Führungskraft ist es, die Potenziale zum Vorschein zu bringen, Bedingungen zu schaffen, in denen diese fast von alleine hervortreten und so jeder einzelne aufgefordert wird, seinen Beitrag zum Gelingen zu tragen. Dieses Wort "Beitrag" erhält hier sowieso eine besondere Bedeutung. Denn es ermöglicht aktive Teilnahme. Es geht nicht nur um Teilnahme oder Mitarbeit, sondern um aktives Geben.
- Der Ruf unserer Zeit: Wir brauchen eine neue Dialogkultur
Hier wird die amerikanische Emotionalität spürbar. Es geht um die Schaffung eine neuen und besseren Welt. Um Organisationen, in denen Menschen wieder mit Respekt und Fürsorge arbeiten, füreinander da sind und sich gegenseitig fördern. Möglicherweise wird manchem Leser diese fast euphorische Haltung etwas erdrückend scheinen. Es ist aber typisch für Amerikaner, dass sie eben mit Begeisterung ihre Ideen vorantragen und so auch eine emotionale Beteiligung als Botenstoff mitliefern.
Hier noch ein paar Zitate:
" Wenn Kommunikation funktionieren soll, müssen Sie das Kommunikationsumfeld bewusst gestalten. Sie müssen gewissermaßen ein Architekt der Wissensökologie werden." (S. 65)
" ..eine wirklich gute Frage zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
- Sie ist einfach und klar formuliert.
- Sie regt zum Nachdenken an.
- Sie setzt Energie frei.
- Sie fokussiert die Erkundung.
- Sie bringt unterschwellige Annahmen und Unterstellungen an die Oberfläche.
- Sie eröffnet neue Möglichkeiten." (S. 140)
"…Führungsverantwortliche müssen ihre persönlichen, sozialen und dialogischen Kompetenzen entwickeln,... um Menschen erfolgreich miteinander ins Gespräch zu bringen. Dazu gehört:
- Ein Klima schaffen, das zum Erkunden und Entdecken einlädt
- vorschnelle Beurteilungen/Bewertungen zurückstellen
- unerwartete Verknüpfungen zwischen Ideen erkennen..." (S. 158)
Jedes Kapitel endet mit Reflexionsfragen. Hier werden Sie mit Ihrer eigenen Situation konfrontiert und aufgefordert, praktisch zu überlegen, wie Sie die Thesen des jeweiligen Kapitels ganz konkret morgen umsetzen oder wenigstens testen können.
Grundsätzlich ist diese Methode von 20-2000 Menschen umsetzbar. Die Prinzipien sind immer die Gleichen. Dieses Buch ist mehr als eine Methode. Es ist ein Schritt in eine systemisch und sehr menschenfreundlich geprägt Welt des konstruktiven Networkings. Und weit mehr als das.
Die Rezensentin freut sich, demnächst bei einem Kongress selbst einmal diese Methode zu erleben. Sie ist mit Sicherheit zeitgemäß, innovativ und äußerst förderlich für vielfältige Problemstellungen. Das Buch wirklich empfehlenswert und auch vom Preis – Leistungsverhältnis absolut angemessen. Inhaltlich geht es ebenso um philosophische Bereiche wie um führungsrelevante Fragestellungen - eine Bereicherung für Führungskräfte und Berater.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dagmar Wiegel) |
(dwiegel 06.01.2008) |
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