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Organisationsentwicklung |
Organisationen entwickeln sich immer, auch wenn man das nicht aktiv betreibt. Aber manchmal möchte man ja auch eingreifen... |
Wie oft haben mich meine Studenten schon gefragt, was genau ist denn nun Systemisches Management? Ich bin ihnen nie eine Antwort schuldig geblieben, habe auf Primär- oder weiterführende Literatur verwiesen, doch das Gefühl ließ mich nie los, so wirklich haben sie es nicht begriffen. Und das fand ich ohne Frage unbefriedigend. Wie schön, dass dieses Gefühl sich nun verabschieden darf.
Fritz B. Simon, einen der Altmeister des systemischen Denkens hierzulande, hat man schon oft abschätzig einen Vielschreiber genannt. Und in der Tat hat er diverse Werke "verbrochen", darunter auch weniger wichtige, die manch einer für verzichtbar gehalten hat. Dieses vorliegende Bändchen ist anders. Es macht einen Unterschied, der einen Unterschied macht: es informiert. Und das ist ja nach Gregory Bateson, den man zweifelsohne als einen Gründervater systemischen Denkens betrachten darf, was zählt. Sollte Sie also jemals jemand fragen, was denn Systemtheorie oder Konstruktivismus seien, drücken sie ihnen dieses Bändchen in die Hand. Es sollten (vorerst) keine weiteren Fragen kommen. (Und wenn, hätten wir selbstverständlich noch etliches in der Hinterhand). Dieses Buch ist ein optimaler Einstieg.
Den Ausgangspunkt nimmt der Autor beim Philosophen Rene Descartes. Das ist gut gewählt. Schließlich verdanken wir ihm so einige Irrungen und Wirrungen, die unser abendländisches Denken beeinflusst und verkompliziert haben. Beispielsweise die Leib-Seele-Trennung. Kein Wunder, dass moderne Neurowissenschaftler mit dem Buchtitel "Hier irrte Descartes" konterten. Doch die Sache wird ja noch viel radikaler, wenn der Autor aufzeigt, dass unser Ursache-Wirkungs-Denken ein hilfloser Versuch ist zu entscheiden, was man nicht entscheiden kann: Henne oder Ei? Das wird gar mancher, der sich die Welt wie eine große Maschine vorstellt, nicht unbedingt gerne hören.
Das Kapitel "Vom Regelkreis zur Selbstorganisation" führt zunächst die heute immer noch gern in Ingenieurs- und BWLer-Kreisen rezipierte Dummheit der Kommunikationstheorie nach Shannon & Weaver ad absurdum, um dann über die Chaostheorie zu jener der Autopoesie zu kommen. Autopoetische Systeme sind organisierte Systeme, die sich selbst erschaffen. Ursache und Wirkung fallen in eins.
Autopoetische Systeme, zeigt das dritte Kapitel auf, können zwar nicht gesteuert, aber sie können zerstört werden; das wird auch schon Jesus von Nazareth in den Mund gelegt. Und mancher Geschäftsführer wird vielleicht daran verzweifelt sein zu erkennen, er mag seine Mitarbeiter knechten, das heißt aber noch lange nicht, dass sie das tun werden, was er von ihnen verlangt.
Im vierten Kapitel greift der Autor auf das - in Fachkreisen als äußerst schwer verständlich eingeschätzte - Grundlagenwerk von George Spencer-Brown zurück, die Laws of Form. Er zeigt, dass Systeme immer zwei Seiten haben: eine Innen- und eine Außenseite. Beide gehören untrennbar zusammen. Doch im Alltag unterschlagen wir die Außenseite (den Kontext) oft - weil es ökonomisch ist. Doch das erzeugt vielfältige Probleme. So wird uns Kultur erst dann bewusst, wenn wir uns in einer anderen Kultur aufhalten und dort nicht so reibungslos klar kommen wie zuhause. Hier eröffnen sich nun Anknüpfungspunkte an den Entwicklungspsychologen Jean Piaget oder den Konstruktivisten Ernst von Glasersfeld: Simon unterscheidet Beschreiben von Erklären und Bewerten.
Wenn autopoetische Systeme so selbstbezogen und schwer zu beeinflussen sind, wie kann Change dann trotzdem gelingen? Weil wir nur partielle Autisten sind, könnte man Simon interpretieren. Und weil wir nicht alleine auf der Welt sind. Strukturelle Kopplung und Koevolution sind die entscheidenden Stichworte. Und: Variation, Selektion und Retention, das lehrt uns die Evolution. Wer der Fitteste in diesem Spiel ist, wird man erst nachher sehen.
Das vorletzte Kapitel ist dem Soziologen Niklas Luhmann gewidmet: Vom "ganzen" Menschen zur Kommunikation als Element sozialer Systeme. Kommunikation ist der Schlüssel, aber auch eine gelegentlich verzwickte Sache. Zum Abschluss entlässt uns der Autor mit den "zehn Geboten des Systemischen Denkens". Hier finden wir noch einmal eine schöne Zusammenfassung. Es folgt ein kurzes Literaturverzeichnis.
Auf 120 Seiten bekommen Anfänger, aber auch noch Fortgeschrittene im systemischen Denken einen wertvollen konzeptionellen Rahmen, von dem aus man sich selbst weiter in die Tiefe oder Breite arbeiten kann. Das Ganze liest sich erfrischend klar und verständlich, was man vom Titel ja nicht unbedingt erwartet. Zielgruppe: Trainer, Coachs, Personaler, Organisationsentwickler und weitere Interessierte wie Führungskräfte - und selbstverständlich die eingangs erwähnten Studenten, die in diese Richtung zielen.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Thomas Webers)
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(thw 17.09.2008) |
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