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Selbstmanagement |
Nur wer sich selbst führen kann, der vermag auch andere zu führen. Alles zum Thema Selbstmanagement, Selbstcoaching, Zeitmanagement etc. |
Wir haben in letzter Zeit viel von Hirnforschern gehört, die sich mit den neuronalen Vorgängen bei Entscheidungen beschäftigen. Der amerikanische Neurologe Antonio Damasio ist davon überzeugt, dass jede Entscheidung einen "emotionalen Anstoß" brauche, weil aus purem Verstand heraus ein Mensch nicht handeln könne. Er ersetzt den Satz des französischen Philosophen Decartes´ "Ich denke, also bin ich" mit: "Ich fühle, also bin ich."
Der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel spricht von intuitivem Wissen, das sprachlich nicht verfügbar, aber deshalb nicht irrational sei. Und Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut schreibt in seinem Buch " Bauchentscheidungen" (2007), dass ein Großteil unseres geistigen Lebens sich unbewusst vollziehe und auf Prozessen beruhe, die nichts mit Logik zu tun haben. Intuition, so Gigerenzer, beruhe auf Erfahrungswissen.
Das Buch "Kopflos" hat mich durch seinen Untertitel neugierig gemacht: "Wie unser Bauchgefühl uns in die Irre führt – und was wir dagegen tun können." Ich war gespannt auf die Gegenposition der beiden amerikanischen Autoren, der Brüder Brafman, der eine Ökonom und Unternehmer, der andere Psychologe und Therapeut. Das Buch handelt von "irrationalen Verhaltensweisen" (mit "irrational" meinen die Autoren: nicht der Vernunft und der Logik folgend) und erzählen Geschichten dazu, wie zum Beispiel
Flugzeug-Unglück:
Trotz dichten Nebels auf dem Flughafen Teneriffa, fehlender Starterlaubnis und Bedenken des Co-Piloten startete der Kapitän seine Maschine und kollidierte mit einer falsch parkenden Boeing 747. Die Besatzungen und alle Passagiere kamen dabei ums Leben.
Personal-Auswahlverfahren:
Hier wird das Verfahren vorgestellt, wie die National Basketball Association die besten Spieler auswählt. Gleichzeitig wird das Vorstellungsgespräch kritisch beleuchtet.
Wer wird Millionär? (Quizsendung)
Hier wird das Verhalten des französischen, Publikums bei der Zuschauerfrage untersucht und gedeutet.
Die Autoren unternehmen den Versuch, das "unvernünftige Verhalten" mit einem Konstrukt zu erklären:
Eine wachsende Zahl von wissenschaftlichen Untersuchungen zeigt, dass unser Verhalten und unsere Entscheidungsprozesse von einer ganzen Reihe von psychischen Unterströmungen beeinflusst werden... Wenn wir die Dynamik dieser psychischen Unterströmung verstehen, können wir einige der verblüffenden Geheimnisse der Menschheit enträtseln.
Bei solchen Sätzen kommt beim Leser Spannung auf. Die Autoren sprechen von "verborgenden Kräften" und meinen damit:
- Verlustvermeidung: Weite Wege gehen, um keine Verluste zu erleiden. Beispiel: An der Börse wiegen Verluste schwerer als Gewinne (wer hätte das gedacht!)
- Wertzuweisungen: Die Angewohnheit, Personen oder Dinge aufgrund der ersten Wahrnehmung mit bestimmten Eigenschaften zu versehen. Beispiel: Der erste Eindruck.
- Urteilsverzerrung: Blindheit gegenüber allen Hinweisen, den ersten Eindruck in Frage zu stellen (siehe b).
In der Quizsendung "Wer wird Millionär" des französischen Fernsehens war der Kandidat Henri noch bei den leichten Fragen. Die Frage lautete: Was dreht sich um die Erde?
a) Der Mond
b) Die Sonne
c) Der Mars
d) Die Venus.
Henri wusste die Antwort nicht. Er folgte dem Rat des Moderators, einen Joker einzusetzen und das Publikum zu befragen. Nur 42 Prozent der Zuschauer stimmten für die richtige Antwort "Mond". 56 Prozent meinten, die Sonne drehe sich um die Erde. Henri folgte der Mehrheit und war aus dem Rennen.
Die beiden Autoren haben für dieses Publikumsverhalten eine Erklärung: Die Antwort des Publikums beruht auf unserem Gerechtigkeitsempfinden. Wer solche einfachen Dinge nicht weiß, hat auch kein Recht, eine Million Euro zu gewinnen. 56 Prozent gaben absichtlich die falsche Antwort, weil sie nicht wollten, dass Henri beim Spiel weiterkommen sollte.
Ich wäre mir da nicht so sicher. Es könnte sehr wohl sein, dass die 56 Prozent die richtige Antwort auch nicht wussten.
Bei der Personalauswahl stützen sich die Autoren auf Untersuchungen der amerikanischen Wissenschaftlerin Allen Huffcutt, wo es heißt:
Beim Vorstellungsgespräch haben wir ein Bild von einem perfekten Kandidaten, der mehr oder minder genau so aussieht wie wir selbst. Wenn jemand zur Tür hereinkommt, der uns ähnlich ist, dann macht es klick, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir ihn oder sie nehmen.
Ich selbst habe eine solche Erfahrung überhaupt noch nicht gemacht, obwohl ich hunderte von Einstellungsgesprächen geführt habe.
Huffcutt hat in ihren Untersuchungen herausgefunden, dass in den meisten Vorstellungsgesprächen immer dieselben Fragen gestellt werden, auf die intelligente Bewerber eingestellt sind. Das halte ich für möglich. Allen Huffcutts Schlussfolgerungen:
- Strukturierte Interviews sind sinnvoller als unstrukturierte (Gemeinplatz)
- Das faktenorientierte Verhörformat ist effektiver (vom CIA entworfen?)
- Das Vorstellungsgespräch ist überflüssig, Eignungstests sind sinnvoller.
Gefühle wie Empathie kommen bei Hufcutt nicht vor. Bei der Entscheidung, wer eingestellt wird, sind die Ergebnisse des Eignungstests ausschlaggebend. Es ist weder die Rede vom Bauchgefühl noch davon, ob der Kandidat zum Unternehmen passt.
Fazit: Die Autoren stützen sich bei ihrer Analyse irrationalen Verhaltens auf wissenschaftliche Untersuchungen. Sie halten diese Untersuchungen und ihre eigenen Schlussfolgerungen für wahr und objektiv. Die Erkenntnisse der Hirnforschung werden einfach ignoriert, auch die der Amerikaner Antonio Damasio und des Nobelpreisträgers Eric Kandel. Wahrheit bedeutet bei manchen Wissenschaftlern nichts anders, als dass sie ihre Forschungsergebnisse dafür halten und als objektiv (= allgemeingültig) deklarieren.
Das Buch handelt vom "Irrationalen", also vom Unvernünftigen und hat mit Bauchgefühl und Intuition überhaupt nichts zu tun. Der Untertitel "Wie unser Bauchgefühl uns in die Irre führt...", könnte deshalb eine realistische Beschreibung sein, wie sich der Verlag verhalten hat. Dieses Buch enthält nicht das, was es verspricht. Es ist eine Mogelpackung. Gleichwohl ist es flott geschrieben und gut aufgemacht. Übrigens, im Originaltitel ist vom Bauchgefühl überhaupt nicht die Rede: Sway. The Irresistible Pull of Irrational Behavior.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Karl-Heinz List ) |
(letter 05.12.2008) |
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