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Für den Begriff "Understatement" gibt es keine richtig treffende deutsche Übersetzung. Je nach Anlass verbinden wir Unterschiedliches damit. Das macht es schwer genau zu sagen was es eigentlich ist.
Der Autor vermittelt seine sehr persönliche Sicht und subsumiert unterschiedlichste Haltungen und Verhaltensweisen darunter. Da er selbst im Vorstand des "Deutschen Kniggerates" sitzt, vertritt er vielleicht das, was sich die Mehrheit darunter vorstellt. Zugleich fließt jedoch kontinuierlich seine teilweise recht subjektive Sicht ein. Auch weiß er geschickt seine eigenen "understateten" Verhaltensweisen einfließen zu lassen und sich so als Experte von Understatement darzustellen. Beispielsweise geht es zu Beginn des Buches um Dinge, die ihrem Eigentümer ein bestimmtes Image verschaffen. Ob es die schicke Armbanduhr, der tolle Wagen oder die edlen Schuhe sind. Er selbst hat natürlich auch eine edle Armbanduhr, die er jedoch aus "Understatement" nicht am Arm, sondern in der Hosentasche trägt.
Für ihn ist bspw. auch Apple eine Marke mit Understatement. Es ist aber wohl doch eher das beabsichtigte Image der Firma, und jeder, der ein Appleprodukt besitzt, soll sich zu einer besonders privilegierten Gruppe zählen. Um zur "Community" zu zählen, hat man auch etwas mehr gezahlt für eine Ausstattung, die man vielleicht gar nicht benötigt. Einfach weil sie "cool ist" und die Geräte wirklich ästhetische Schönheit besitzen. Genau diese Illusion eines "understateten Images" hat dem Unternehmen viel Geld eingefahren.
Man fragt man, sich was das mit echtem Understatement zu tun hat. Warum nicht einfach zugeben, dass man Spaß am Produkt hat, dass es wirklich intelligente Technik ist und fertig. Die Rezensentin ist selbst glückliche und stolze Applebesitzerin und freut sich darüber.
Das durchzieht das gesamte Buch: Er wählt Beispiele aus, die sowohl Understatement verkörpern als auch das Gegenteil. Tendenziell neigt er zu wertkonservativen Eigenschaften: Anstand, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Werthaltigkeit u.v.a.m gehören für ihn zum Understatement. Er bevorzugt Unternehmen, in denen die handelnden Führungskräfte die propagierten Werten vertreten. Gut, das ist ja nachvollziehbar. Aber dass nun Jacobs inzwischen zu einem amerikanischen Tabakkonzern gehört und damit verschleiert, wohin die Einnahmen fließen, nämlich in die amerikanische Tabakindustrie, wirkt befremdlich. Dass inzwischen viele Unternehmen aufgekauft sind und dass ich als Endkunde das weiß, sollte eigentlich klar sein. Wenn mir das nicht gefällt, sollte ich in den 3.Welt-Laden gehen und dort Kaffee einkaufen, wobei selbst hier die Nachvollziehbarkeit der Geldströme nur mangelhaft geklärt ist. Besitzt Jacobs deswegen weniger Understatement? Der 3. Welt-Laden deswegen mehr davon? Für ihn scheint dieser Begriff ein recht breites Feld an Werten und Vorstellungen abzudecken.
Am Ende führt er dann religiöse Werte und die Vorteile des Glaubens an einen Schöpfer ein. Hier steht für ihn Taize in Frankreich und Frere Roger, der Gründer der ökumenischen Glaubensgemeinde, als Beispiel für Understatement. Er will damit die Bedeutung innerer Werte hervorheben. Was das nun mit Understatement zu tun hat, erschließt sich der Rezensentin dann leider gar nicht mehr.
Hier der Kapitelaufbau. Er folgt der Idee, dass Understatement einer Bergwanderung gleicht, bei der man immer höhere Gipfel erklettert, um endlich auf dem höchsten angelangt zu sein.
- Kapitel - Feldberg: 1.493 Meter
(Wer es nicht nötig hat, auf Geschenke stolz zu sein)
- Kapitel - Nebelhorn: 2.224 Meter
(Wer es nicht nötig hat, mit Gold zu glänzen)
- Kapitel - Großglockner: 3.798 Meter
(Wer es nicht nötig hat, Status zu demonstrieren)
- Kapitel - Gran Paradiso: 4.061 Meter
(Wer es nicht nötig hat, sein Wissen zur Schau zu stellen)
- Kapitel - Cerro-Colorado: 5.748 Meter
(Wer es nicht nötig hat, nicht verstanden zu werden)
- Kapitel - Marmolejo: 6.108 Meter
(Wer es nicht nötig hat, andere dumm aussehen zu lassen)
- Kapitel - Nepam Peak: 7.163 Meter
(Wer es nicht nötig hat, auf dem Tugendross zu reiten)
- Kapitel - Mount Everest
(Wer es nicht nötig hat, vor sich her zu tragen, was er in sich trägt)
Alles in allem vertritt er Werte, die sicherlich bedenkenswert und oft vernachlässigt werden. Warum dies alles unter diesem einen Begriff versammelt wird, wirkt bemüht. Zudem ist seine sehr subjektive Sicht deutlich spürbar und immer wieder wirkt es etwas selbstverliebt, wenn er sich selbst als Beispiel für Understatement nennt. Wenn man das Buch "Spielregeln" von Herrn Freiherr von Knigge daneben stellt (er wird übrigens auch im Buch erwähnt), dann kann man spüren, worin die Unterschiede im Selbstverständnis bestehen.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dagmar Wiegel )
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(dwiegel 05.03.2009) |
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