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Arbeitswelt |
Arbeitswelt steht hier als Sammelbegriff für alle Bücher, die sich mit Themen rund um Arbeit und Gesellschaft auseinandersetzen |
Am Anfang der Lektüre stand ein Schock. Wenn man die Rezension einer Biografie zugesagt hat, erwartet man keinen Wälzer mit 1287 Seiten! 1287 Seiten über eine Person, davon 150 Seiten Anmerkungen und Register? Nun gut, einer der reichsten Männer und schon deshalb einflussreich. Aber doch nicht Napoleon, oder?
Die Autorin hat Warren Buffet, das "Orakel von Omaha", geboren 1930, über 5 Jahre lang interviewt, seine Akten und Aufzeichnungen einschließlich der Archive von Berkshire Hathaway, Buffet’s Unternehmen, ausgewertet und mit ungezählten Geschäftspartnern, Freunden und Familienangehörigen gesprochen. Das Ergebnis ist ein Werk, das in seiner Detailfreude die Charakterisierung der Angehörigen, Details der Jugenderlebnisse und die komplexen Zusammenhänge von geschäftlichen Transaktionen und Investitionen samt der gesellschaftlichen Hintergründe und Beschreibung der handelnden Personen einschließt. Da ist man sich erst mal nicht so sicher, ob man sich da wirklich durchgraben will. Ist es wichtig, dass Buffet ein extrem unsicherer, schüchterner und - bis hin zu ein bisschen Kleinkriminalität - sicher auch schwieriger Jugendlicher war? Mit wem er zum Tanzen ging (oder eher nicht, weil er sich mal wieder nicht traute) und wie er Kaugummi an Mitschüler verkaufte? Es ist in dieser ganzen Datenflut schwer zu entscheiden, was wichtig ist. Aber es entsteht nicht nur ein extrem plastisches Portrait der Person Buffet.
Es entsteht auch ein detailliertes Bild der amerikanischen Gesellschaft, in der er aufwuchs, seine Geschäfte machte und sich aus eher bescheidenen mittelständischen Verhältnissen zum Finanzmogul entwickelte. Der Vater, ein Kongressabgeordneter, der für seine Überzeugungen ohne zu zögern sein Mandat riskiert, ist so amerikanisch-republikanisch konservativ, dass die Familie bei der Nachricht vom Tod Roosevelts nicht etwa, wie der größte Teil Amerikas, trauert, sondern mit Sekt feiert. Die extreme Segregation der amerikanischen Gesellschaft lernt Buffet auf eine verblüffende Art kennen: Er möchte für einen von ihm bewunderten Investor arbeiten. Der aber lehnt den jungen Mann ab, weil er als Jude nur Juden einstellt. Er hat keine Vorurteile, möchte aber alle Arbeitsplätze für Juden reservieren, da diese in der weit überwiegenden Zahl der Investmenthäuser nach wie vor ausgegrenzt werden und keine Chance haben. Später überlegt er es sich anders.
Was hier an Details zusammengetragen wurde ist faszinierend und sicher eine Stärke des Buches. Es verliert sich aber nicht in Details, sondern verfolgt auf der Basis des unendlichen Materials sein Ziel, das Portrait einer Person zu zeichnen, mit bemerkenswerter Akribie und einem guten Gefühl für die großen Linien. Dabei entsteht das Bild einer Persönlichkeit, die grundsätzlich eigene Wege geht. Buffet hat ein unermessliches Vermögen angehäuft, aber er hat das mit Methoden getan, die immer weit entfernt vom jeweiligen Mainstream waren. Legendär ist seine Missachtung von Technologieaktien und die konservative Investmentphilosophie. Die große Brisanz des Buches liegt in seiner Aktualität auf dem Hintergrund der derzeitigen Wirtschaftskrise. Buffet hält nichts von der "Efficient Market Hypothesis", die kurz gefasst besagt, dass niemand auf Dauer einen Index schlagen kann, weil der Markt alle Informationen aufgenommen hat und daher immer objektive Preise ermittelt. Es ist die herrschende Theorie, siehe Samuelson & Co. Nach ihr dürften Phänomene wie Buffet nicht vorkommen, denn er ist offensichtlich schlauer als der Markt. Es ist also durchaus verständlich, dass er nichts von deren Vertretern hält. Er könnte auch einfach nur Glück gehabt haben. Wie auch immer, dann wäre er ein lebendiger Verstoß gegen jede Wahrscheinlichkeitstheorie.
Noch aktueller sind die Abneigung Buffets gegen Aktienoptionen und innovative Finanzprodukte der Bankenwelt. Beides kommt in seinen Geschäftmodellen nicht vor. Wenn er etwas für gefährlich hält, schreibt er schon mal an den Kongress, hält Reden vor Abgeordneten oder liest einigen Leuten öffentlich die Leviten. Gewirkt hat es offensichtlich nicht, sonst säßen wir im Moment nicht in der ........ .
Noch ein Beispiel für die absolute Unabhängigkeit des Denkens vom Zeitgeist: Als die Bush-Administration die Erbschaftssteuer abschaffen will, überzeugt Buffet einige andere aus dem Club der Reichen und Superreichen, dagegen öffentlich Front zu machen. Die Argumentation: Wer reich geworden ist, verdankt dies einer Kombination aus persönlichem Können und der Gesellschaft, die ihm die Freiheit lässt, zu tun was er kann. Dann gehört es sich aber auch, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Schließlich führt der Wegfall der Erbschaftsteuer nur dazu, dass das fehlende Geld bei denen geholt wird, die weniger haben und weniger glücklich waren.
Ansonsten bietet sich das Bild eines unsentimentalen Investors, der nicht dazu neigt, Geld und Chancen zu verschenken. Die sozialen Folgen einer Fabrikschließung bringen ihn nicht um den Schlaf, auch wenn sein favorisiertes Gesellschaftsmodell sicher weit vom blanken Kapitalismus oder Neoliberalismus entfernt ist. Stiftungen mit sozialen Zwecken gehören dafür - ganz amerikanisch - zu seinem Lebenswerk.
Wer das Durchhaltevermögen hat, sich durch das Buch zu graben, findet also auch viele hochaktuelle und nicht nur informative Stellen. Schön, dass ein 80jähriger Finanzinvestor (auf Deutsch Heuschrecke) einige spannende Dinge zu sagen hat und reich geworden ist, ohne all das zu tun, mit dem eine Menge Leute im Finanzsektor eine Menge Geld gescheffelt haben. Trotzdem muss die Rezensentin hier eingestehen, dass sie keineswegs das ganze Buch von Seite eins ab gelesen hat, aber sicher noch einiges darin lesen wird. Wer sich auf die Lektüre einlässt, könnte einige Vorurteile loswerden und eine ganze Menge neuer Ideen mitnehmen. Über die amerikanische Gesellschaft, Aktien, die Finanzmärkte und kreatives Denken. Aber es ist keine leichte Lektüre und daher nicht mal eben so zu bewältigen. Deshalb gibt’s nur zwei Sterne. Man braucht schon ein ganz spezielles Interesse.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Charlotte Venema) |
(venema 13.03.2009) |
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