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Coaching |
Ob durch einen professionellen Coach oder einen Vorgesetzten: Hier gibt es Bücher zum Thema "Coaching" |
Dieses Buch schließt eine Lücke. Zwar ist in den letzten Jahren, wie Taffertshofer (2008) zuletzt gezeigt hat, die Zahl der Veröffentlichungen zu Coaching exponentiell angewachsen. Dabei musste das Publikum aber leider beobachten, dass Altbekanntes immer wieder von neuen Autoren aufgewärmt wurde. Andererseits wurde der Coaching-Begriff derart schamlos inflationiert, dass man heute alles und jedes darunter gefasst sieht. Auf der Strecke blieb dabei das Thema der wissenschaftlichen Fundierung: Ist Coaching nur eine modische Management-Erscheinung? Oder ist wirklich "etwas" dran am Coaching; wirkt es?
Nachdem in der Breite jahrelang lediglich behauptet wurde, das Coaching wirkt, legt hier ein altgedienter und erfahrener Wissenschaftler endlich einmal ein sauberes Fundament, sich dem Thema systematisch, kritisch und überprüfbar zu nähern. Dafür gebührt ihm Dank.
Siegfried Greif legt ein knapp 400 Seiten starkes Grundlagenwerk vor, das man sich erarbeiten muss. Doch Verlag und Autor haben sich bemüht, das Lesen durch Randkolumnen, Textkästen und Abbildungen, aber auch durch Zusammenfassungen und durch Auflistung von Grundannahmen und Schlussfolgerungen einfacher zu machen. Selbstverständlich finden wir auch ein umfangreiches Literatur-, ein Autoren und ein Stichwortverzeichnis vor – sowie ein solches der Definitionen und Annahmen.
Der Autor gliedert sein Buch in vier große Kapitel. Im ersten "Selbstreflexion als Potenzial" geht es um grundlegende Konzepte wie Selbstbild, Selbstkonzept und Selbstreflexion. Der Leser erfährt hier, dass Coaching schon auf allerhand wissenschaftlich Erforschtem aufbauen kann, beispielsweise aus der Sozial- oder Persönlichkeitspsychologie, aber auch aus der Lerntheorie (Double Loop Learning nach Argyris & Schön). An dieser Stelle zeigt sich damit auch schon ein Qualitätsunterschied im Coaching: Operiert der Coach auf der Basis von Halbwissen? Oder hat er ein wirkliches Fundament?
"Was ist Coaching?", fragt Greif im zweiten Kapitel. Und liefert eine eigene, anspruchsvolle Definition: "Coaching ist eine intensive und systematische Förderung ergebnisorientierter Problem- und Selbstreflexion sowie Beratung von Personen oder Gruppen zur Erreichung selbstkongruenter Ziele oder zur bewussten Selbstveränderung und Selbstentwicklung. Ausgenommen ist die Beratung und Psychotherapie psychischer Störungen." Nette Gespräche, fachliche Instruktionen, aber auch bloßes "Spiegeln" etc. sollen also ausgeschlossen bleiben. Und eine andere Sache wird damit auch nicht verschwiegen: Coaching ist Arbeit an sich selbst – und damit oft genug unangenehm! Deshalb muss Coaching auch von anderen Konzepten wie Supervision, Mentoring etc. abgegrenzt werden.
Das dritte Kapitel "Ergebnisorientiertes Einzelcoaching" nimmt erwartungsgemäß mit zirka 200 Seiten den größten Raum im Buch ein. Hier wird zunächst die Theorie der Selbstaufmerksamkeit und Selbstreflexion nach Frey, Wicklund & Scheier (1984) sowie motivationspsychologische Konzepte dargestellt. Weiter geht es mit dem wichtigen Thema Affektregulation. Greif lehnt sich hier an die Forschungen seines Osnabrücker Kollegen Julius Kuhl an. Es folgt ein umfangreicher Abschnitt über Methoden. Hier geht der Autor auch auf das Thema Wirkfaktoren im Coaching ein. Er lehnt sich zunächst an den allgemeinen Wirkfaktoren an, die Klaus Grawe für die Psychotherapie heraus gearbeitet hat, um später dann eine Systematisierung von sieben Erfolgsfaktoren zu präsentieren.
Ein nächster Abschnitt dreht sich um den Coach und seine Kompetenzen. Zunächst werden die drei Qualitätsdomänen nach Donabedian (1985), Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität vorgestellt. Anschließend wird systematisch ein Katalog von Coach-Kompetenzen präsentiert. Ebenso wird der Klient beleuchtet: Welche Motivation, welche Eigenschaften und Fähigkeiten zeichnen ihn aus? Der Autor bedient sich unter anderem der Theorie von Schneider und Bowen (1995) über die allgemeinen Motive und Erwartungen von Kunden bei der Nutzung von Dienstleistungen.
Ein weiterer wichtiger Abschnitt handelt von der Evaluationsforschung zum Coaching, die der Autor systematisch vorstellt, auswertet und in ein zusammenfassendes, eigenes Strukturmodell integriert. Damit liegt nun eine Road Map für die zukünftige Forschung vor.
Das vierte und letzte Kapitel handelt vom "Mehrebenencoaching". Greif zeigt auf, dass Coaching nicht nur "unter vier Augen" (Looss, 1986), sondern immer in einem Kontext stattfindet, der mit zu berücksichtigen ist. Dazu bedient er sich der Mehrebenensystemtheorie des Berner Sozialpsychologen Mario von Cranach. Wer hier Systemik und Kybernetik 2. Ordnung erwartet hat, wird womöglich enttäuscht sein. Als Leser würde man sich wünschen, hierzu in einer späteren Auflage mehr zu erfahren. Wenn es vom Einzel- zum Gruppencoaching geht, kann Greif allerdings aus dem Vollen schöpfen. Schließlich hat er sich lange mit Change Management beschäftigt und Forschungsarbeiten dazu publiziert. Zudem kann er hier auf die Ergebnisse der Sozialpsychologie (Hackman & Wageman, 2005) und die Umsetzungserfahrungen bei der Einführung von Gruppenarbeit verweisen. Einen herausgehobenen Platz nimmt dabei die Theorie der Teamreflexivität von West (2004) ein.
Der Leser bekommt mit diesem Buch eine umfangreiche und gediegene Basis zum Coaching an die Hand. Nicht nur Studierende, sondern auch angehende Coachs in der Ausbildung werden hier systematisch in den wissenschaftlichen Background eingewiesen. Doch auch "alte Hasen" im Coaching, ob auf der Anbieter- oder Nachfrageseite in den Unternehmen, werden von diesem Buch profitieren. Können sie doch ihr Praxiswissen reflektieren. Vielleicht entsteht dabei der eine oder andere Aha-Effekt, vielleicht aber auch Lust, sich in ein Thema zu vertiefen oder sich und seine Praxis der Forschung zu öffnen. Denn das ist klar: Wir brauchen noch mehr Forschung. Dazu ermutigt Siegfried Greif ausdrücklich. In seinem Buch werden laufend neueste Forschungsergebnisse präsentiert, als auch offene Forschungsfragen benannt.
Die Lektüre eines solchen Werks ist sicher kein kurzweiliges Vergnügen, sondern einiges an Arbeit. Der Autor selbst merkt trocken an: Wissenschaftler benutzen eher die gleiche Zahnbürste als die gleiche Begriffsdefinition. Doch Hand aufs Herz: Haben wir nicht bunte, knackige Ratgeberbücher und Success-Stories genug auf dem Markt?
(MWonline zur Verfügung gestellt von Thomas Webers )
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(thw 19.03.2009) |
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