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Lernprozesse fördern an der Hochschule
Beiträge aus der hochschuldidaktischen Praxis

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Wehr, Silke / Ertel, Helmut
1. Aufl. (2008)
Haupt, ISBN: 3258074364


Unsere Bewertung:   

Schlagworte:
Training, Weiterbildung, Didaktik, Lehre

Themenliste Literatur
Training   Bücher für Menschen, die Gruppen trainieren. Hier finden Sie Grundwissen, aber auch praktische Tipps zum Umgang mit Gruppen.

Hochschuldozenten sind im Prinzip zunächst einmal Lehrer, die Lernenden, hier "ihren" Studierenden, Handlungswissen zu vermitteln haben. Dazu sind sie auch Wissenschaftler, die an die von ihnen verwendeten Methoden besondere Ansprüche stellen und beruflich die Gelegenheit haben, ihr Vorgehen zu hinterfragen. Vor diesem Hintergrund wurde die angekündigte Veröffentlichung "Lernprozesse fördern an der Hochschule - Beiträge aus der hochschuldidaktischen Praxis" mit Interesse wahrgenommen. Dies war verbunden mit einer großer Bereitschaft, die dort enthaltenen Erkenntnisse auch für den Praktiker-Kreis der MWonline-Nutzer "aufzubereiten". Unter diesen werden wohl zu einem nicht unwesentlichen Teil auch Trainer zu zählen sein, die ihrerseits ebenfalls vor der Herausforderung stehen, "ihren" Lernenden mit zeitgemäßen und möglichst innovativen Methoden Handlungswissen zu vermitteln.

Der Rezensent erhielt im angenehmen Format ein überschaubares Buch mit ca. 270 Seiten Text, herausgegeben von Silke Wehr und Helmut Ertl, die beide an der Koordinationsstelle für Weiterbildung und Hochschuldidaktik der Universität Bern (CH) tätig sind. Zu Beginn weist Helmut Ertl darauf hin, dass Aktivierung und Feedback für das Lernen unverzichtbar sind - eine unbestrittene und relevante Aussage für alle Lehrkräfte im weiteren Sinne, die schon vor "vor-sich-dahin-dämmerndem" Publikum gestanden haben. Lehrende müssen also zunächst Aufmerksamkeit und Interesse für ihre Inhalte wecken, um letztlich Wissen vermitteln zu können. Ebenso erforderlich sind Wertschätzung und Disziplin, verbunden mit der Notwendigkeit einer Erfolgskontrolle des Gelernten, die im akademischen Kontext in der Regel durch Prüfungsleistungen erfolgt. Der Autor weist in der Folge auf die komplexen Prozesse hin, die das Lernen als Informationsverarbeitungsprozess kennzeichnen: Zunächst trifft ein einmaliger Reiz auf, der im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert wird. Über Enkodierungen und Wissensabrufe aus dem Langzeitgedächtnis werden in der Folge mentale Vorgänge initiiert, welche am Ende nur durch Wiederholung und positive und/oder negative Verstärkung zu eigenständigem Handlungswissen führen können. Daraus ergeben sich konkrete Implikationen für die Lehre, die bedauerlicherweise deutlich leichter benannt als tatsächlich beherzigt und gewährleistet sind:
  • Die Reize müssen attraktiv aufbereitet werden, damit sie leichter verarbeitet werden können;
  • Die Motivation der Lernenden muss beibehalten werden, indem die Dienlichkeit der Lerninhalte vermittelt wird ("Wozu brauche ich das Gelernte?");
  • Parallel zur Kontaktveranstaltung müssen selbstgesteuerte Übungs- und Transferphasen eingerichtet werden;
  • Unterschiedliche Voraussetzungen und Vorwissen müssen berücksichtigt werden
Noch wissenschaftlicher werden solche Ansätze in der Methodenabfolge nach dem "Cognitive-Apprenticeship-Ansatz" nach Collins, Brown & Newman (1989) illustriert:
  • Modeling: Die Lehrenden erklären relevante ("meaningful") Inhalte;
  • Coaching: Die Lernenden befassen sich selbst mit Aufgaben und Problemen und werden dabei von den Lehrenden unterstützt ("scaffolding");
  • Articulation: Die Lernenden werden aufgefordert, ihre eigenen Denkprozesse und Lösungsstrategien zu artikulieren;
  • Reflection and Feedback: Diese Ergebnisse werden hinterfragt und erhalten Feedback von Lernenden und Experten;
  • Transfer and Exploration: Die Lernenden werden zu eigenständigen Projekten inspiriert.
An diese Darstellung schließt sich die unvermeidliche Diskussion darüber an, in welcher Form die Lernerfolgskontrolle erfolgen kann. Hierzu können an die Seite der klassischen Prüfung ("formatives Assessment") auch alternative Formen wie "authentisches Assessment" (= Beurteilung im realistischen / realitätsnahem Kontext) oder Peer- und Selbstassessment treten.

Das folgende Kapitel beleuchtet das Lernen als soziales Geschehen in Form von Praxisgemeinschaften, einer innovativen Form der Hochschuldidaktik. Dies kann zum innerhalb von selbststeuernden Projektgruppen erfolgen. Zum anderen kann es auch in Präsenzveranstaltungen eingearbeitet werden in Form der "Aquarium-" oder auch "Fishbowl-Technik", wobei sich der innere Kreis zunächst Gedanken zur Problemlösung macht und im Anschluss daran vom äußeren Kreis der Zuhörer unterstützt wird.

Auch das nächste Kapitel zum Thema "Lehrbeobachtungen" geht einer weiteren Form der Erfolgskontrolle nach. Diese Praxisprüfungen beziehen sich aber in erster Linie auf Probeunterricht von Studierenden für Lehrämter, eine eng umgrenzte Zielgruppe. Ein ausführlicher, konkreter Beobachtungsleitfaden im Text ermöglicht den Beurteilenden, ein konkretes, facettenreiches Feedback zu geben - eine konkrete Empfehlung für diejenigen, die auf der Suche nach vergleichbarem Material sind.

Für den zweiten Teil des Buches im Anschluss an ihre eigenen Beiträgen haben die beiden Herausgeber um sich einen Kreis von neun weiteren Autoren versammelt, die allesamt an verschiedenen Hochschulen in Lehre tätig sind und von daher aus erster Hand ihre Erfahrungen mit der Leserschaft teilen können. Und was nun haben diese zu berichten?

Christoph Arn weist etwa auf das Spannungsfeld zwischen Betreuung und Beurteilung von schriftlichen Arbeiten hin. Diese grundverschiedenen Rollen finden in der Realität meist in "Personalunion" statt, womit der Betreuungsprozess zweifelsohne auch Auswirkungen auf die Bewertung der Arbeit erhält. Recht "radikal" kann dies durch eine gezielte Aufhebung der Personalunion in Form eines "externen" Prüfers erfolgen, was in der Praxis aber auch klare Nachteile mit sich bringt. Simone Suter geht unter der Überschrift "Schreiben als einsamer Prozess?" der Frage nach, wie die Erstellung von akademischen Texten mit Gruppenelementen erweitert werden kann. Eva Büschi widmet sich der Herausforderung durch die zunehmende Verwendung von Plagiaten, der bewussten Aneignung fremden Gedankenguts. Dieser "geistige Diebstahl" kann zu ernsthaften disziplinarisch-rechtlichen Konsequenzen führen, so dass eine angemessene Beratungsleistung vor und auch nach der Erkennung von Plagiaten notwendig ist. In diesem Zusammenhang werden ferner verschiedene studentische Strategien aufgeführt wie Negieren, Unschuldsbeteuerungen, Bagatellisierung, Eingestehen etc., denen bei der Gesprächssteuerung gezielt entgegengetreten werden sollte.

Im folgenden Abschnitt untersucht Evelyne Baeriswyl das gezielte Lerngespräch, mit dem die aus einem Berufspraktikum gewonnenen Erfahrungen hinterfragt und vertieft werden sollen. Dies ist zwar eine sehr plausibel und sinnvoll erscheinende Aktivität, welche aber dennoch nur unzureichend in der akademischen Ausbildung praktiziert wird. Moisés Mayordomo berichtet von seinen Erfahrungen mit kreativen Unterrichtsmedien wie einem "Omani-Spielkasten", einem Koffer mit didaktischem Strukturlegematerial entlang einer "ikonischen Methode". Urs Grüter verwendet die Leittextmethode als Alternative zum Frontalunterricht. Diese Technik weist große Parallelen zur selbstgesteuerten Projektgruppe auf, wobei der Lehrende ebenfalls eher in der Rolle des Coaches als des Lehrers tätig ist. Neben unübersehbaren Vorteilen werden dabei auch Nachteile dieses Vorgehens thematisiert: Studierende brauchen meist länger, um sich in ein Thema einzuarbeiten; Leistungsstarke / Schnellere können rasch die Arbeit für die gesamte Gruppe übernehmen und / oder den Prozess dominieren; individuelle Prüfungen werden erheblich erschwert.

In der Folge stellt Eva Büschi die "Arena-Diskussion" als alternative Lernform vor. Diese basiert im Kern auch auf dem Gedanken des selbststeuernden Gruppenlernens und setzt sich zusammen aus den Abschnitten "Vorbereitung", "Diskussion" und "Feedback". Der besondere Vorteil liegt darin, dass gerade solche eher trockenen Inhalte, die im Frontalunterricht nur mühsam zu vermitteln sind, in die Hände von Studierenden gelegt werden können, die ihrerseits mehr Interesse untereinander hervorrufen können. Auch Dietmar Possner unterbreitet weitere didaktische Massnahmen zur Vermittlung komplexer, schwieriger Sachverhalte. Zum Abschluss beschäftigt sich Katharina Kellerhals mit den Optionen zur Evaluation der Lehre seitens der Studierenden.

Wem nun kann dieser Sammelband letztlich helfen? In erster Linie zunächst denjenigen, die im universitären Setting mit der Vermittlung von Wissen betraut sind und sich diesbezüglich inspirieren lassen möchten. Verallgemeinert können aber auch alle weiteren Gruppen von Lehrenden wie Lehrer, Ausbilder, Trainer von den hier vorgestellten Inhalten profitieren. Auch wenn im Text hier und da von wissenschaftlichen Modellen die Rede ist und dadurch auch die akademische Herkunft der Autoren in der Art der Darstellung deutlich wird, ist das Buch gut verständlich geschrieben und durchaus mit "Liebe zum Leser" aufbereitet. Allerdings fällt es nicht leicht, konkrete "Tipps zum Bessermachen" zu extrahieren, die beispielsweise Einzug in die MWonline-Ideenfabrik nehmen könnten. Dafür sind die vorgestellten Methoden wie "Aquarium" oder "selbstgesteuerte Lerngruppen" bereits zu bekannt. So verbleibt nach der Lektüre der Eindruck, dass es auch bei der [Hochschul-]-Didaktik eine Menge alten = guten Wein in mitunter neuen Schläuchen gibt. Die wahre Kunst des Lehrens obliegt dann aber auch weiterhin dem Einzelnen in der Interaktion mit seiner jeweiligen Gruppe von Lernenden. Allein die theoretische Kenntnis von innovativen Methoden macht hingegen auch in Zukunft noch keine erfolgreiche Lehrkraft aus.

(MWonline zur Verfügung gestellt von Dr. Klaus Stulle )

(kh 20.04.2009)

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