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Bücher rund um das Thema "Persönliches Wachstum" und was dazu beiträgt, dieses zu unterstützen |
Manchmal kann Geschichte tatsächlich helfen, die Gegenwart besser zu verstehen. In diesem Fall sogar in doppelter Hinsicht: Sowohl auf der inhaltlichen Seite, weil man sich nach der Lektüre von Almuth Bruder-Bezzels "Geschichte" manche theoretischen Unklarheiten und Holprigkeiten der individualpsychologischen Lehre besser erklären kann, als auch auf der rezeptionsgeschichtlichen, weil klarer wird, weshalb die Individualpsychologie trotz ihres großen konzeptionellen Originalität, ihrer schlüssigen Erklärungsmodelle und ihrer hohen Praxistauglichkeit in der heutigen Psychologie eine eher "hintergründige" Rolle spielt.
Die in Berlin praktizierende Psychotherapeutin Almuth Bruder-Bezzel ist Vorstandsmitglied des Alfred-Adler-Instituts in Berlin und Mitherausgeberin der Studienausgabe der Werke von Alfred Adler. In 19 teils recht kurzen, teils ausführlichen Kapiteln zeichnet sie Schritt für Schritt sowohl die Ideengeschichte der Individualpsychologie als auch die ihrer Rezeption nach, einschließlich der Konflikte, Flügelkämpfe und Rückschläge, die zu solchen Entwicklungen offenbar unvermeidlich auch gehören. Das liest sich gut und flüssig, setzt aber natürlich ein vertieftes Interesse an der Materie voraus; wer das nicht mitbringt, auf den werden die vielen Einzelheiten bald ermüdend wirken.
Relativ knapp handelt Bruder-Bezzel die frühe Phase der Theoriebildung von Alfred Adler ab; sie ist zum Beispiel in Handlbauers Rekonstruktion der Freud-Adler-Kontroverse (2002) ausführlicher dargestellt. Damit bleiben dem Leser auch einige frühe Entwürfe erspart, die aus heutiger Sicht eher befremdlich wirken, wie die Organminderwertigkeitslehre, der "psychische Hermaphroditismus" oder der "männliche Protest". Das ist insofern in Ordnung, als sie für das, was wir heute unter Individualpsychologie verstehen, keine große Bedeutung mehr haben. Sie fehlen allenfalls insofern, als gerade diese zum Teil etwas schrägen Konstruktionen zeigen, dass – ähnlich wie auch bei Freud – der Aufbau eines so umfangreichen theoretischen Konzepts nicht in einem "großen Wurf" gelang, sondern langer und zum Teil durchaus mühsamer Geburtswehen bedurfte. Das wiederum scheint mir insofern wichtig, als es dazu ermutigt, nicht sklavisch an Begriffen und Konzepten festzuhalten, sondern den Mut zu haben, sich von unrunden Konzepten zu lösen und selber weiter zu denken.
Das Buch gliedert sich, ohne dass die Autorin das so explizit sagt, in vier Hauptteile: Im ersten, den Kapiteln I bis XI, zeichnet sie die Entwicklung der Individualpsychologie, ihrer theoretischen Ausformung und ihrer fortschreitenden Institutionalisierung und Außenwirkung nach. Es folgen drei Kapitel, in denen sie ihr Verhältnis zu wichtigen gesellschaftlichen Bewegungen ihrer Zeit rekonstruiert: "Individualpsychologie und die Praxis der Reformschulbewegung", "...und die Frauenfrage", "...und sozialistische Bewegung". Daran schließen drei Kapitel an, in denen Bruder-Bezzel sich noch einmal mit zentralen Gedanken und Konzepten der Individualpsychologie befasst, diesmal aber nicht mehr in Rekonstruktion ihrer Entstehung und ihres Wirkens, sondern in kritischer Reflexion ihrer theoretischen Belastbarkeit und konzeptionellen Nützlichkeit: "Minderwertigkeit und Kompensation", "Grundannahmen über die psychische Struktur" und "Soziale Einbettung des Menschen".
Den Abschluss bilden zwei Kapitel, die zeigen, wie sehr eine innovative und hoffnungsvolle psychologische Schule unter die Räder der Zeitgeschichte kommen kann: "Individualpsychologie im Nationalsozialismus und Austrofaschismus" und "Neuorganisation der Individualpsychologie nach 1945". Da nicht nur Alfred Adler selbst, sondern auch viele seiner Schülerinnen und Schüler Juden waren, war das Erstarken des Nationalsozialismus nicht nur für ihre Lehre, sondern für sie selbst eine im wahrsten Sinne des Wortes existenzbedrohende Krise. Viele von ihnen erkannten die Gefahr rechtzeitig und setzten sich ins Ausland ab, wo sie, in alle Winde zerstreut, weiterarbeiteten. Aber natürlich waren diese kleinen Inseln in fremden Kulturen "unterkritisch" und nicht dazu in der Lage, ihre Schule entscheidend weiterzuentwickeln. Nur wenige, wie der Psychiater Rudolf Dreikurs in Chicago, schafften es, der Individualpsychologie wesentliche neue Impulse zu geben. In Deutschland versuchte sich zwischenzeitlich, eine von "jüdischem Gedankengut" gereinigte "Gemeinschaftspsychologie" durch vorauseilende Selbst-Gleichschaltung zu etablieren – was offenbar auch gelang, aber für die Weiterentwicklung der Individualpsychologie bedeutungslos blieb.
Von dieser Zerschlagung hat sich die Individualpsychologie nie wieder erholt. Es dauerte lange, bis sich nach dem Krieg wieder zu sammeln und zu institutionalisieren begann, doch sie erreichte nie wieder die Vitalität, Strahlkraft und gesellschaftliche Attraktivität, die sie Anfang des letzten Jahrhunderts besessen haben muss. Bruder-Bezzel spricht explizit und meines Erachtens zu Recht von einem "Schattendasein" und davon, dass sie "den Profilierungsschub, den die Psychoanalyse in dieser Zeit erreichte, versäumt" hatte (S. 253).
Doch so plausibel die Erklärung klingt, dass die Individualpsychologie, wie so viele(s) andere auch, von der Dampfwalze des Nationalsozialismus "plattgemacht" worden sei, mir drängt sich nach der Lektüre dieses spannenden Buchs die Frage auf, ob das Überrollt-Werden durch den Nationalsozialismus wirklich eine hinreichende Erklärung für den weitgehenden Zerfall der Individualpsychologie und ihr anhaltendes Dahinsiechen ist oder ob er tiefer liegende interne Ursachen verdeckt, die sich vielleicht schon Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre abzeichneten, wie etwa den Schwenk von Adler in Richtung eines lebensphilosophischen Ansatzes, den etliche seiner Anhänger nicht mitmachten, die "Entmutigung" der einstmals starken Bewegung nach dem Scheitern der Wiener Reformbewegung und ihre Aufsplitterung in zahlreiche Verästelungen von sozialistisch (Manes Sperber) bis deutschnational (Fritz Künkel). Solche "starken Äste" hat es auch nach dem Krieg eine ganze Reihe gegeben, doch scheinen sie nie wieder zu einem gemeinsamen Baum verwachsen zu sein, der die Idee auch über die Wirkensperiode einzelner starker Individuen weitertrug.
Wie auch immer – nach der Lektüre dieses Geschichtsbuches kann ich als Resümee das Beste sagen, das man wohl überhaupt über ein Buch sagen kann: Dass ich die Individualpsychologie – auch, aber keineswegs bloß ihre Geschichte – nun sehr viel besser verstehe als vor der Lektüre. Dabei erweist sich als sehr hilfreich, dass Almuth Bruder-Bezzel ihre Geschichte in kritischer Sympathie schreibt und sich mit Wertungen weitgehend zurückhält. Sie bezieht zwar Stellung, wo sie es für erforderlich hält, doch sie nutzt (und selektiert) die Fakten nicht bloß, um ihre Sichtweise zu untermauern, sondern gibt sie, soweit man das als Leser beurteilen kann, "objektiv" (oder, individualpsychologisch gesagt, auf nicht tendenziöse Weise) wieder und lässt sie für sich sprechen. Erfreulich, dass sie sich dennoch nicht scheut, auf die Problematik mancher Konzepte hinzuweisen – wie etwa auf das der "Gemeinschaft" und des "Gemeinschaftsgefühls", die später von der nationalsozialistischen "Gemeinschaftspsychologie" nur allzuleicht im Sinne von "Volksgemeinschaft" vereinnahmt werden konnten. Solche kritischen Hinweise helfen für die Auseinandersetzung mit der Individualpsychologie und ihre praktische Nutzung am Ende mehr als eine unterwürfig-affirmative Darstellung.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Winfried Berner )
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(wb 20.09.2009) |
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