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Projektmanagement |
Immer häufiger werden Aufgaben von der Linienorganisation in Projekte verlagert - der Zug ist nicht mehr aufzuhalten. Bücher zu einem komplexen und herausfordernden Thema. |
Rezension:
Die Methodik des Projektmanagements entwickelt sich kontinuierlich weiter. Ein Thema, das vor einigen Jahren in den Blickpunkt gerückt ist, befasst sich mit den Menschen im Projekt und den sogenannten "weichen Faktoren". Die große Bedeutung der Faktoren Führung, Kommunikation, Emotionen, Kreativität, etc. ist unbestritten.
Die Herausgeber des vorliegenden Buches haben eine Reihe von Psychologen aus dem Hochschulbereich und einige wenige Projektpraktiker zusammen geholt, um aus Sicht der Angewandten Psychologie zu beleuchten, wie die verschiedenen menschlichen Faktoren in der Projektarbeit wirken und wie ein Projektleiter mit ihnen umgehen soll. Das Buch richtet sich explizit an erfahrene und unerfahrene Projektleiter sowie Trainer und Berater.
Nach einer Einführung zur Intention des Buches, einer Darstellung, was unter Angewandter Psychologie zu verstehen ist und wie der Bezug zum Projektmanagement aussieht, werden folgende Bereiche diskutiert:
- Management von Prozessen
- Projektverläufe: Herausforderungen und Ansatzpunkte für die Prozessgestaltung
- Umgang mit Informationen und Meinungsbildung in Projekten
- Kommunikation in Projekten
- Wissensmanagement in Projekten
- Projektcoaching als Weg zum erfolgreichen Projekt
- Management des Projektumfeldes
- Personalpsychologie im Projektumfeld
- Macht und Einfluss in Projekten
- Management von Personen
- Traum oder Alptraum: Zusammenarbeit in Projektteams
- Commitment und Identifikation mit Projekten
- Der Projektleiter als Führungskraft
- Das Selbstmanagement des Projektleiters
- Management von Innovation und Kreativität
- Innovation und Kreativität in Projekten
- Kreativitätstechniken
- Management besonderer Herausforderungen: Risiken und Krisen, Diversität und Distanz
Alle Kapitel sind einheitlich aufgebaut und folgen dem Muster: Typische Probleme aus dem Projektalltag, psychologische Hintergründe und Know-how aus Praxis und Wissenschaft, Lösungen für den Projektalltag.
Wer sich aus Sicht der Zielgruppe, also der Praktiker im Projekt, die Themen, den Aufbau und die Idee dieses Buches ansieht, sollte begeistert sein, denn genau an den genannten Stellen stecken die häufigsten und relevanten Probleme. Und nun kommt eine Riege psychologischer Koryphäen, um an genau diese Stellen zu helfen. Wunderbar denkt sich der Projektpraktiker und wird sofort massiv enttäuscht. Die ersten Kapitel des Buches sind extrem schwer zu lesen, da permanent psychologische Fachliteratur zitiert wird, diese Zitate nur bedingt in einen leserlichen und gedanklich nachvollziehbaren Ablauf gebracht werden, ständig auf andere Kapitel des Buches verwiesen wird und immer wieder bekannte Sachverhalte wie die Definition eines Projektes und die besonderen Herausforderungen der Tätigkeit als Projektleiter diskutiert werden. Abgesehen davon, dass die Zielgruppe dies alles kennt, bleibt die Diskussion auf einem erschreckend abstrakten Niveau, ohne einen Bezug zur Realität erkennen zu lassen. Schlimmer noch, die Schlussfolgerungen und "Praxistipps" sind so naiv und banal, dass der Zweck eines Praxishandbuches – Anleitung zu optimiertem Verhalten zu geben – nicht im Entferntesten erreicht werden kann.
Beispiele:
Kap.2: "In der Entscheidungsphase des Projektes ist es wichtig, die Risiken und Potenziale des Projektes so darzustellen, dass die Projektlaufzeit und der Ressourcenbedarf realistisch geplant werden können."
Kap.3: "Um die Mobilisierung und Integration von Wissen zu fördern, müssen Prozessverluste reduziert und gleichzeitig Prozessgewinne gefördert werden."
Kap.4: "Das Projektteam muss sich deshalb stets des bei der Zielgruppe tatsächlich geschaffenen Nutzens durch die Kommunikation im Verhältnis zu deren Aufwand bewusst sein (Schelle et.al. 2004)"
Hierbei handelt es sich um in Rot und fett gedruckte Kernaussagen!
Leser, die sich durch die ersten Kapitel "durchbeißen", werden ab Kapitel 5 dann mehr und mehr mit verständlicher Sprache, nachvollziehbar Darstellung psychologischer Theorien und etwas mehr Praxisbezug belohnt. Dabei bleibt die Anwendbarkeit weit hinter dem selbst erhobenen Anspruch der Autoren zurück. Mehr Projektmanager unter den 33 Autoren und mehr Literatur zum Projektmanagement hätte vielleicht geholfen zu erkennen, wo die Bedürfnisse der Zielgruppe liegen.
Daher schon an dieser Stelle die Frage, für wen sich das Buch lohnt. Genannt waren:
- Projektleiter am Beginn ihrer Projektkarriere. Da gilt: Finger weg! Wer in Projektarbeit noch unerfahren ist, sollte sich zunächst die gängige Projektmanagementliteratur ansehen und dort nach Hilfestellungen zu den berühmten "weichen Themen" suchen. Es gibt genügend Literatur, die deutlich praxisorientierter ist. Dieses Buch müssen Sie sich wirklich nicht antun.
- Erfahrene Projektleiter: Ja, als Kompendium der relevanten Fragestellungen ist das Buch sicher geeignet und kann die Selbstreflexion über das eigene Wissen und den eigenen Umgang mit den aufgeworfenen Fragen fördern.
- Berater und Trainer: Unbedingt, denn wer diese Themen nicht "drauf hat", kann seine Rolle nicht vernünftig wahrnehmen. Auch hier wird allerdings wohl eher die Selbstreflexion als die Hilfestellung für die eigene Arbeit im Vordergrund stehen. Dafür finden Sie alle relevanten Themen "aus einer Hand".
Nicht als Zielgruppe benannt sind die Führungskräfte im Umfeld von Projekten (Auftraggeber, Linienvorgesetzte der Projektmitarbeiter etc.). Aus Sicht des Rezensenten würde es auch dieser Gruppe gut tun, sich intensiv mit den dargestellten Fragen zu befassen. Einerseits um die eigene Rolle in den Projekten zu reflektieren und andererseits, um die Rolle als Linienvorgesetzter zu überdenken. Die Rahmenbedingungen und Kernherausforderungen unterscheiden sich vielleicht, die Menschen bleiben aber die gleichen.
Zum guten Schluss noch ein kleiner Einblick in eines der wertvollen Kapitel. Neben Macht und Einfluss (Kap.8), Commitment und Motivation (Kap.10) werden auch Risiken und Krisen (Kap.15) in Projekten in der gängigen Literatur eher selten angesprochen. Dabei sind diese Themen in jedem Projekt relevant. Wenn dem nicht so wäre, wäre es kein Projekt.
Was unterscheidet Risiken und Krisen und wie geht man damit um?
Risiken sind im Projektmanagement ein normales Thema und lassen sich in der Regel einschätzen und einplanen. Sie sind ein Bestandteil unternehmerischen Handelns und der Umgang mit ihnen ist eine Kernaufgabe jeder Führungskraft. Krisen dagegen entstehen meist plötzlich und unerwartet und erfordern eine umgehende Reaktion. Bewährt hat sich die Definition von halbstandardisierten Verfahren, mit denen im Fall einer Krise vorgegangen wird. So sollen allzu große Fehler und eine Eskalation der Krise verhindert werden. Als Instrument zur Krisenbearbeitung hat sich der Krisenstab bewährt. Er verantwortet die Situationsanalyse, entwirft und prüft Handlungsalternativen und entscheidet über das weitere Vorgehen. Die Rollen und die Befugnisse des Krisenstabes sind bereits in einer frühen Phase eines Projektes zu definieren. Außerdem empfiehlt sich, das Vorgehen in nachgestellten krisenhaften Situationen zu üben und zu reflektieren. Auch hier gilt: Übung macht den Meister! Nach einer Krise ist ebenso wie für das Gesamtprojekt nach den Lernfeldern zu suchen und Erkenntnisse zu gewinnen, wie in Zukunft ähnliche Krisen vermieden werden können.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dr. Frank Edelkraut ) |
(fe 12.10.2009) |
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