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Arbeitswelt |
Arbeitswelt steht hier als Sammelbegriff für alle Bücher, die sich mit Themen rund um Arbeit und Gesellschaft auseinandersetzen |
Rezension:
Wieder einmal meldet sich der – bereits u.a. als IBM-Manager, BDI-Präsident und Amnesty-International Mitglied bekannte Vordenker und bekennende Neo-Wirtschaftsliberalist - Hans-Olaf Henkel in Buchform zu Wort. Dem Rezensenten ist er bereits aus vorausgegangenen Publikationen gut bekannt und seit dem hoch geschätzt. So vermochte auch dieses wirtschaftspolitische Sachbuch die diversen vermeintlichen Schmöker vom weihnachtlichen Gabentisch vorerst in den Hintergrund zu stellen. Und auch schon sehr rasch nach den (ansonsten durchaus turbulenten) Feiertagen war das Buch ausgelesen, verbunden mit dem guten Vorsatz für das neue Jahr, auch die MWonline-Gemeinschaft daran teilhaben zu lassen.
Als echte Hürde muss sich der eher ausgewogene Leser zunächst aber mit dem knallroten Einband und dem noch reißerischeren Titel versöhnen: Bei aller ausgewiesenen – und auch hier wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellten – Streitbereitschaft des Autors regt sich beim Rezensenten doch die stille Hoffnung darauf, dass die Aufmachung "Die Abwracker – Wie Zocker und Politiker unserer Zukunft verspielen" wie branchenüblich vom Verlag unter Marketing-Gesichtspunkten festgelegt wurde und der Autor seinerseits für einen weniger reißerischen Titel votiert hätte.
Hans-Olaf Henkel, der auch in diesem Buch wieder sehr persönlich in der Ich-Form zum Leser spricht, beschreibt im Vorwort zunächst das Neuland, das er zu betreten gedenkt: Er möchte hier "über die Wirtschaftskrise sprechen, die unser Leben verändern wird wie noch keine zuvor", allerdings aus seiner ganz persönlicher Warte: "Ich werde berichten, wie ich die Krise als Privatmann und als Aufsichtsratsmitglied großer Unternehmen erlebt habe. Die subjektive Innenansicht einer Katastrophe." Aufbauend auf seinen persönlichen Erfahrungen macht sich dann der Autor daran, insbesondere die Ursachen benennen, die zu dieser kritischen Situation geführt haben. Er konstatiert dabei, dass - vergleichbar einem chronisch Kranken - sich anscheinend viele in der Gesellschaft bereits an die Krise gewöhnt hätten und sich nur noch dem "Prinzip Hoffnung" unterwürfen. [Als ein aktueller Beleg für diese Haltung kann das SPIEGEL-Titelblatt 53/2009 mit der Überschrift "Hurra, wir leben noch!" gelten]. Dies gelte insbesondere in der Politik, wo die Nöte von heute durch Schuldenmachen gelindert werden, was wiederum unausweichlich zu größeren Nöten von morgen führen würde.
Scharfsinnig analysiert Henkel, dass allein die vielzitierte "übertriebene Gier einzelner" als maßgebliche Ursache für die momentane Situation viel zu kurz gegriffen sei. Nebenbei werde man ähnlichen Motiven nicht nur bei Top-Managern, sondern auch an den Grabbeltischen bei Aldi oder Media Markt begegnen können. Doch schon seit den sieben Todsünden in der Bibel oder bei den antiken Denkern wie Seneca sind solche menschlichen Untiefen bekannt, die wohl auch in Zukunft nicht völlig überwunden werden können. Es gelte vielmehr, die passenden Strukturen zu schaffen, um solcherlei Versuchungen Herr zu werden. Besonders gefährlich mache sich in diesem Zusammenhang aber das sogenannte "Gutmenschtum" (als Gegenstück zum tatsächlichen "Selbst-Gutes-Tun") bemerkbar, wenn andere durch moralischen Druck in eine von außen gewünschte Richtung gedrängt werden sollen. Hierzu führt Henkel diverse Beispiele aus der Politik auf, wo Gutes erzielt und zugleich aber auch die eigene Wiederwahl gesichert werden sollte. Dieser – oftmals populistische – Versuch, zwei "Fliegen mit einer Klappe zu schlagen" sei aber auch schon etliche Mal eindrucksvoll gescheitert.
Im ersten Kapitel greift Henkel dann auf seine persönlichen Erfahrungen in den USA zurück. Dort sei der Erwerb von Wohneigentum auf Kreditbasis mit oft nur minimaler Eigenkapital-Deckung schon seit vielen Jahren gezielt gefördert worden. Und so war dort sein 50 Jahre altes Holzhaus von ursprünglich 200.000 US $ zwischenzeitlich auf über zwei Millionen im Preis gestiegen. Später kommt Henkel zu dem Fazit, dass die globale Wirtschaftskrise weit weniger Immobilien-Wert faktisch vernichtet hat als beispielsweise die Bombennächte im zweiten Weltkrieg. Vielmehr hat sie – momentan in den USA, vormals ähnlich schmerzhaft in Japan – nur zu einer Wert-Korrektur geführt von Gegenständen, die durch die fortgesetzte Spekulation zwischenzeitlich als deutlich "wertiger" beurteilt wurden, als sie es in der Realität jemals waren. Auch für Nicht-Wirtschaftler gut verständlich illustriert Henkel in diesem Zusammenhang die Auswirkungen der Niedrig-Zinspolitik von Alan Greenspan, die fortgesetzte Verzerrung bei der Berechnung von Leistungsindikatoren beim Brutto-Inlandsprodukt oder die zweifelhaften Standards durch die US-Rating-Agenturen (auch basierend auf seinen persönlichen Erfahrungen unmittelbar vor Ort).
Die folgenden Kapitel befassen sich dann mit der unverzichtbaren Bedeutung der Banken für den Geld-Kreislauf sowie mit der daraus resultierenden Erschütterung der Finanzmärkte in Folge des Konkurses von "Lehman-Brothers". Gewohnt eloquent kritisiert Henkel in diesem Zusammenhang ein schlichtes "Eindreschen" auf Banker, insbesondere auf die momentane Gallionsfigur Josef Ackermann. Auf der anderen Seite macht er als "Industrieller" keinen Hehl aus seinen eigenen Vorbehalten der Finanzwelt gegenüber, die ja bekanntlich nur Kapital vermehrt, aber keine eigentlichen Werte schafft.
Neben dem Versagen der US-Banken lassen sich auch in Deutschland schwerwiegende Versäumnisse aufzeigen, zum Beispiel bei den komplexen und hoch-riskanten Auslandsspekulationen der Landesbanken. Noch plastischer und recht ausführlich werden Hintergründe von der IKB-Bank beschrieben, wobei Henkel auf seine persönlichen Erfahrungen aus seiner Zeit im dortigen Aufsichtsrat zugreift, den er allerdings noch rechtzeitig vor dem Fast-Kollaps verlassen hat. Dazu eine kleine Original-Leseprobe (S. 110f.), aus der gut die Diktion und das ausgeprägte Selbstbewusstsein des Autors hervorgeht: "Die [IKB-] Vorstandsmitglieder, so langweilig sie [vor den hochriskanten Spekulationsgeschäften] gewesen sein mochten, waren gerade deshalb gute Banker. Das heißt nicht, dass sie auch gute Unternehmer gewesen wären. Nicht einen dieser Vorstände hätte ich bei der IBM-Deutschland auch nur zum Geschäftsstellenleiter ernannt. Dazu waren sie mir einfach nicht dynamisch genug...".
Ähnlich aufschlussreich und anregend ist seine Beschreibung des Conti-Schaeffler-Dramas: Als Mitglied des Aufsichtsrates bei Continental hat Henkel die feindliche Übernahme durch die weitaus kleinere, privat geführte INA Schaeffler Gruppe mit gemischten Gefühlen wahrgenommen, bewertet sie aber in der ursprünglichen Situation als betriebswirtschaftlich vertretbar. Erst kaum vorhersehbare Umstände ("The perfect storm") führten später dazu, dass sich Schaeffler bei dieser Transaktion letztlich verhob. In diesem Zusammenhang bricht Henkel eine persönliche Lanze für Maria-Elisabeth Schaeffler, der er im Gegensatz zur öffentlichen Presseschelte in der "Sündenbock-Rolle" viel Respekt entgegen bringt.
Verständlicherweise richtet sich in einer Welt-WIRTSCHAFTS-Krise der Blick stärker als zuvor auf den Staat als geforderter Gegenpool und korrigierendes Element. Dabei hinterfragt Henkel ab Kapitel 6 diese Rolle höchst kritisch. Dies liegt insbesondere daran, weil sich das staatliche Eingreifen auf öffentliche Wohltaten auf Pump beschränkt, besonders eindrucksvoll sichtbar am Beispiel Opel. Das dort praktizierte "Gutmenschtum" zur kurzfristigen Rettung von Arbeitsplätzen erscheint ihm mehr als zweifelhaft, ebenso das mutwillige Wegwerfen von Industrieprodukten – hier voll funktionstüchtigen Autos - in Form der "Abwrackprämie", die nach außen sogar noch als "umweltförderlich" dargestellt wurde. So seien neben der Schuldenlast durch diese "Subventionitis" kommende Auftragslöcher geradezu vorprogrammiert worden. En passant reitet Henkel dann eine stramme Attacke gegen Frank Schirrmacher, dem Chef-Feuilletonisten der FAZ, der ihn zuvor wiederum in einem Atemzug mit zwielichtigen Wirtschaftslenkern wie Zumwinkel und von Pierer genannt hatte.
Nachdrücklich verteidigt Henkel die Grundideen einer Marktwirtschaft "à la Ludwig Erhard", die allerdings - auch oder insbesondere bei der Kanzlerin – anscheinend immer weniger populär wird. Demgegenüber warnt er vor einem vermeintlich zeitgemäßen Neo-Sozialismus, der schon jetzt bedrohliche Schatten wirft: Erstens sorgen frische Steuermilliarden für eine "Beschäftigungsblase", die durch Kurzarbeitergeld und Mindestlöhne nur noch eine beschränkte Zeit die stark ansteigende Arbeitslosigkeit hinauszögern kann. Zweitens wagt Henkel den unpopulären Hinweis auf die anwachsende "Sozialblase", mit der die Sozialleistungen des Staates anscheinend völlig unkritisch in immer schwindelerregendere Höhen angehoben werden. Dies manifestiert sich eindrucksvoll in Form der sogenannten "Rentengarantie", die jenseits aller ökonomischen Vernunft namentlich von dem damaligen Arbeitsminister Scholz festgelegt wurde. Letztlich münden nämlich all diese Aktivitäten in einer gigantischen "Schuldenblase". Besonders bequem ist dabei die momentane Wirtschaftskrise, die sich besonders geschmeidig als Rechtfertigung für weiteres Schuldenmachen bemühen lässt. Doch letztlich verbleibt als einziger Ausweg aus der überbordenden Schuldenlast des Staates bekanntlich nur eine Inflation. Diese wird dann aber die Wenig-Besitzenden weitaus härter treffen als etwa Immobilien-Eigentümer und daher für weitere soziale Schieflagen sorgen.
Mit einer Reihe von konkreten Vorschlägen beschließt Henkel sein Buch:
- Lockerung des Kündigungsschutzes;
- Individuellere Lösungen anstelle der Flächentarifverträge;
- Reform der Sozialversicherungssysteme;
- Eine Finanzverfassungsreform samt einer Neu-Auflage der Föderalismusreform;
- Deutlich höhere Transparenz und klarere Regeln für Finanzprodukte, auch in Form objektiverer Rating-Agenturen;
- Eine globale Aufsichtsinstanz über den Finanzsektor, welche die "Finanzspielregeln" überwacht, analog zur Welthandelsorganisation WTO;
- Krisenverstärkende Elemente wie eine harte Interpretation der "Basel-II-Vorgaben" müssen zumindest zeitweilig außer Kraft gesetzt werden;
- Mehr Augenmaß und Verantwortung bei der Festsetzung von Managergehältern und –boni;
- Entweder eindeutige Verstaatlichung von Banken (Bsp. Commerzbank) oder starke Landesbanken oder klare Privatwirtschaft, aber allemal Klarheit über den eingeschlagenen Pfad;
- Ein fest installiertes Frühwarnsystem für Blasen und Hypes der Marktwirtschaft an Wirtschaftswissenschaftlichen Instituten wie dem ifo oder dem DIW;
- Neben der "Hall of Fame", mit der erfolgreiche Wirtschaftsführer stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden auch die Einrichtung einer "Hall of Shame", in der die (wenigen!) schwarzen Schafe geächtet werden, was der Selbstreinigung des Berufsstandes hilft (Henkel bietet sich selbst als Jurymitglied an).
Kaum einer dieser Vorschläge wird leichter Hand als unberechtigt vom Tisch gefegt werden können. Auf der anderen Seite bedeuten viele dieser Anregungen – bei aller Relevanz – dennoch eine echte Herkules-Aufgabe, für welche die erklärte Bereitschaft der politisch Verantwortlichen eine unverzichtbare Voraussetzung darstellt. Dies würde aber auch eine weitgehende Einsicht erfordern, dass sowohl die bisherigen Erklärungsansätze für die Krise ebenso falsch waren wie die daraus abgeleiteten neosozialistischen Rezepte. So wirbt Henkel für eine marktwirtschaftliche Demokratisierung, für die er sichtbare Erfolge in Südafrika, Südkorea, Indonesien und vielen Ländern Südamerikas sieht, ungeachtet der Stagnation bzw. Rückschritte in China, Russland oder Venezuela (von Teilen der islamischen Welt ganz zu schweigen). So leidet in seinen Augen Afrika auch nicht unter der Globalisierung als solcher, sondern vielmehr unter mangelnder Globalisierung, weil der Austausch von Waren, Dienstleistungen und Geld an diesem Kontinent überwiegend vorbei geht.
Im besseren Fall hat diese – recht ausführliche – Zusammenfassung Mut gemacht, sich mit diesem Buch intensiver auseinander zu setzen. Ungeachtet des darin zweifellos enthaltenen Sachverstands bleibt die abschließende Bewertung Geschmacksache, die maßgeblich von der persönlichen Einschätzung des Autors bestimmt sein dürfte. Henkel bringt seine Position souverän und pointiert auf den Punkt, er argumentiert stringent und klar. Außerdem deckt er diverse Hintergründe auf, die Außenstehenden eher verborgen bleiben. Er scheut dabei auch nicht zurück, konkrete Namen zu nennen und ihre Errungenschaften oder ihr Versagen zu benennen. Mancher Leser – und wohlmöglich noch eher manche Leserin – mag sich an seiner Streitbarkeit, noch mehr aber an seinem ausgeprägten Selbstbewusstsein reiben, wobei er an anderer Stelle (in der Zeitschrift Brand eins) seinen Hang zum Narzissmus bereitwillig eingeräumt hat.
Den Rezensenten hat die Lektüre allemal ein Stück weiter gebracht. Doch letztlich wird ohnehin erst die Zukunft zeigen, wie viel Krise bereits hinter bzw. noch vor uns liegt und inwieweit sich solche unüberhörbaren "Kassandra-Rufe" bewahrheiten. Aber unsere Gesellschaft profitiert zweifelsohne von solchen kantigen Rufern, die das System mal aus ganz anderer Perspektive als aus der gängigen "68er-Brille" in Frage stellen. Und seit jeher gilt in diesem Zusammenhang: "Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd..."
(MWonline zur Verfügung gestellt von Prof. Klaus Stulle) |
(kh 01.03.2010) |
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