Sie wollen Ihre Kommunikation verbessern? Sie haben dazu schon zig Seminare besucht und trotzdem gibt es immer wieder Streit, Missverständnisse und Konflikte in Ihrem Arbeitsalltag? Versuchen Sie es doch mal mit der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Hier finden Sie ein Übungsbuch, das diese Bezeichnung verdient. Sie werden angeleitet, auch über die Seiten dieser Schrift hinaus Ihren Arbeitsalltag zu reflektieren. Ach ja, und wenn Sie immer noch nicht zufrieden sind, dann können Sie ja ein Seminar bei der Autorin besuchen, die notwendigen Hinweise finden Sie am Ende des Buches.
Als sie Anfängerin war, formulierte Beate Brüggemeier etwas unnatürlich, gibt sie unumwunden zu und trifft damit wohl den Nagel auf den Kopf: Wer Gewaltfreie Kommunikation erlernt, macht sich auf einen mühsamen Weg. Das heißt allerdings nicht, dass es sich nicht lohnen würde - zumindest für viele Situationen. Sie kennen doch sicherlich auch diese Fälle, in denen Sie völlig überrascht sind, dass ein Gespräch so total aus dem Ruder läuft - auch dann, wenn Sie eigentlich jemandem ein Lob aussprechen. In diesem an Übungen reichen Buch lernen wir den Grund kennen: Wer lobt (oder tadelt), nimmt damit in Relation zu seinem Gegenüber eine erhöhte Position ein. Sie geben vor zu wissen, was gut und was schlecht ist. Damit werten Sie Ihren Gesprächspartner letztlich ab, was der dann durch seine unverständliche Reaktion quittiert. So weit so klar? Wie so manches andere in diesem Buch auch: Dicke Luft kostet zum Beispiel Geld. Dieses Buch ist dagegen günstig zu erwerben und wenn Sie die Übungen konsequent durchgehen und darüber hinaus in Ihrem Alltag weiter üben, dann werden Sie einen unmittelbaren Gewinn haben, der sich nicht im schnöden Mammon ausdrückt, sondern wesentlich wertiger ist: Die Beziehungsebene im Team wird offener und vertrauensvoller, Menschen werden geduldiger und Gespräche sind für die Beteiligten zufriedenstellender, Arbeit geht leichter von der Hand, weil man die Gesprächspartner nicht angreift, sondern sich auf ihrer Seite befindet. Diese Wertungen sind den fünf Interviews entnommen, mit denen das Buch abschließt.
Vielversprechend, oder? Und tatsächlich empfinde ich die Lektüre auch als echte Erweiterung meiner bisherigen Gesprächskompetenzen. Zunächst wird die Wertschätzende Kommunikation als Modell vorgestellt: Vier Schritte sind jeweils zu gehen
- Beobachtung
- Gefühl
- Bedürfnis
- Bitte
Diese Themen werden gut erläutert und durch Übungen vertieft. Zu den Übungen gibt die Autorin jeweils ihre Lösungsvorschläge an. Damit das nicht wie "Richtig" oder "Falsch" klingt - das würde sich ja nicht mit dem Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation vertragen - wählt Brüggemeier die Formulierung "Ich stimme mit Ihnen überein, wenn …" Ob das wirklich wertschätzender ist als ein klares falsch oder richtig, mag jeder mit seinem eigenen Gefühl ausmachen. Mich hat es vielleicht eher überrascht, gestört jedenfalls nicht. Aber es bleibt in diesem Werkbuch nicht bei einfachen Übungen. Wir finden Tabellen mit Worten, die Gefühle und Bedürfnisse zum Ausdruck bringen, also konkrete Hinweise darauf, wie wir unsere Sprache verändern können, wenn wir nur wollen.
Bleibt das Buch in seinem ersten Teil bei den Grundlagen der Wertschätzenden Kommunikation und verwendet in den vielen Fallbeispielen häufig auch Situationen aus dem privaten und familiären Erfahrungsschatz der Autorin (etwas merkwürdig für ein Buch mit dem Untertitel "im Berufsalltag nutzen") kommt es aber auf den letzten 50 Seiten zu Auseinandersetzungen und Übungen zu ganz konkreten beruflichen Alltagssituationen:
- Ärger ausdrücken, ohne zu verletzen
- Nein sagen, Nein hören
- Gespräche vorbereiten und führen
- Aufgaben delegieren
- Wertschätzung
Die Beispieldialoge wirken manches Mal etwas gestelzt, doch die konkreten Hinweise "...auf einen Blick" geben Handlungssicherheit. In jedem Fall hilft es dem Lernen-Wollenden, und nur so jemand wird dieses Buch lesen, seinen Blick zu schärfen. Weg von der eigenen Befindlichkeit, die zwar auch wichtig ist, auf die Befindlichkeit des Gegenübers. Wer so "über Bande" Gespräche vorbereitet und führt, wird mit einer gewaltfreien Kommunikation belohnt. Tatsächlich, das ist nachvollziehbar.
In wie weit das dem heute weit verbreiteten Burn-Out-Syndrom vorbeugen hilft, wie das erste Kapitel suggeriert, wird nicht näher beleuchtet. Was es heißt "einen Führungsstil zu entwickeln, der Macht mit Menschen, anstatt Macht über Menschen ausübt" ist mir letztlich auch nicht klar geworden, wobei mir eher fraglich bleibt, was es heißt, Macht mit Menschen auszuüben. Wem gegenüber wird diese Macht denn ausgeübt? Aber das ist vielleicht auch mehr eine philosophische Frage …
Trotz dieser kleinen Merkwürdigkeiten kann ich dieses Buch durchaus zur Lektüre empfehlen, wobei es nicht bei bloßem Lesen bleiben kann. Dazu sind die Übungen zu herausfordernd. Ob sie auch wirkungsvoll sind? Ich kann es nicht sagen. Aber vielleicht können Sie das in meiner Rezension zwischen den Zeilen lesen.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dirk Hirsekorn - www.freiraeume-coaching.de) |