Es ist ein wichtiges Grundlagenwerk für Coaching, das Paul Lahninger hiermit vorlegt. Damit passt es gut in die Reihe Praxishandbuch Coaching des Verlags managerSeminare. Andere Bücher listen ausführlich Coachingtools auf, ein Neueres bietet Coaching-Übungen zur Entwicklung von Coaching-Fähigkeiten und Paul Lahninger zeigt Grundsätzlichkeiten, Haltungen und Hilfsmittel auf. Auf den ersten Blick ein Buch (nur) für Anfänger, auch gut nutzbar in der Coaching-Ausbildung, aber weit gefehlt. Spätestens ab Etappe 4 gibt es auch für Erfahrene manches zu entdecken. Man merkt es schnell, hier schreibt, nein berichtet ein absoluter Profi aus seiner Schatzkiste, lässt einen über seine Schulter schauen, nicht nur auf das Gelungene, auch auf seine eigenen Fehler.
Auf sieben Etappen nimmt Paul Lahninger den Leser mit und sorgt detailliert dafür, dass sich Coaching-Kompetenz entwickeln kann. Und das sehr abwechslungsreich und mit Spaß an der Sache. Selten habe ich ein so gut gestaltetes Lehrbuch in Händen halten dürfen. Keine Textwüsten sind mühsam zu durchqueren, sondern eher eine bunte und vielfältige Landschaft (trotz der schwarz-weiß-Bilder). Erklärende Texte wechseln mit Praxisbeispielen ab, Merksätze werden besonders hervorgehoben und die vielen Leitfäden regen zu intensiver Auseinandersetzung mit der eigenen Coach-Rolle an. Ausdrücklich erlaubt der Autor die Nutzung der Interview-Bögen sogar in Ausbildungssituationen - erstaunlich bei dem Preis dieses Buches.
Etappe 1 lässt den Leser seine Haltung als Coach reflektieren. Dabei hat Lahninger gar nicht nur Anfänger vor Augen, dem, der sich als Coach versteht, stellt er im Vorwort gleich die Frage, woher er denn weiß, dass das, was er tut, auch hilfreich ist?
Klare Kante wird gegenüber den Führungskräften gezeigt. Diese können keine Coaches sein, Punktum. Sehr ausführlich wird diese nachvollziehbare Tatsache begründet, denn die Führungskraft kann gegenüber ihren Mitarbeitenden nicht die notwendige Rolle außerhalb des Systems einnehmen. Was allerdings möglich ist, ist ein coachendes Begleiten.
Eine ähnlich differenzierte Sicht wird auf die Systemtheorie geworfen. Lahninger zitiert Matthias Varga von Kibéd und warnt davor, darin eine allein seligmachende Theorie zu sehen. "Auch die Vorstellung, systemisch zu denken ist eine Konstruktion...: Wir können nicht systemisch denken, wir können nur systemischer denken."
Und dann immer wieder Konkretes, Beispiele für hilfreiche Fragen, Äußerungen, Berichte aus Coachingsettings. Lernen am positiven Beispiel eben und Herausforderung für eigene Auseinandersetzung gehen hier Hand in Hand.
Etappe 2 beschreibt Coaching als Kompetenz und lehrt das aktive Zuhören, Fragetechniken und die Möglichkeit angemessenen Feedbacks im Coaching. Wichtig scheint mir der Hinweis darauf, dass der Großteil der Gesprächszeit dem Ratsuchenden gehört. So konkret wie auf Seite 60 habe ich es bisher noch nicht gefunden. An einem Tortendiagramm lässt sich ablesen, dass die Redezeit des Coachees 75% betragen soll, während die verbleibenden 25% zu mehr als der Hälfte dem aktiven Zuhören gehören und dann weitere Fragen und das Feedback geben (höchstens 0 bis 3 Prozent) folgen. Erstaunlich ist die Abneigung Lahningers gegenüber dem Feedback. Er sieht darin die Gefahr, versteckt doch Ratschläge zu geben. Und wieder folgen reichlich Übungen, Formulierungsvorschläge und Trainingstipps. Die Praxisbeispiele sind sehr gut nachvollziehbar. So habe ich gleich bei meinem nächsten Coaching wieder einmal besonders auf meine Redeanteile geschaut und sie mit dem verglichen, was mir im Buch als hilfreich erschien.
Sehr wichtig ist der Abschnitt "Abgrenzen und auftanken". Die kleinen Übungen haben es sicherlich in sich und sind es wert, ausprobiert zu werden:
Bewusst gehen vermittelt auf sehr ursprüngliche Weise das Gefühl, Abstand zu gewinnen, oder Händewaschen, Wassertrinken oder auch Duschen kann dazu dienen, die Vorstellung zu trainieren, auch innerlich das wegzuspülen, was einen belastet.
Etappe 3 handelt vom Prozess des Coachings. Mit Minutenangaben (!) werden die verschiedenen Phasen einer Coachingsitzung beschrieben, natürlich nur als grobe Richtwerte. In diesem Kapitel erleben wir Lahningers Liebe zum lösungsorientierten Coaching. Immer wieder wird deutlich, dass er diese Form besonders favorisiert. Toll, wie er die Wunderfrage in Praxisbeispielen erleben lässt. Skalierungen kommen immer wieder vor. Und scheinbar hat ein Coachingsetting selten mehr als fünf Sitzungen. Und dann kommen die 12 Formulare, mit denen verschiedene Themen im Coaching bearbeitet werden können: Stressbewältigung, Wertorientierung, Entscheidungsfindung mittels einer Körperübung, Führen in Motivationskonflikten, Ziele finden und erreichen helfen … Nicht fehlen darf natürlich ein Reflexionsbogen für den Coach, mit dessen Hilfe er seine eigen Arbeit bewertet, quasi ein qualitatives Protokoll in dem auch auf den eigenen Energiehaushalt geachtet wird.
Mit den ersten drei Etappen sind Settings im Einzelcoaching abgehandelt und mit der 4. Etappe wird sich dem Teamcoaching zugewandt. Begonnen wird mit der Teamentwicklung. Da es sich ja nicht um ein reines Methodentraining handelt, beginnt auch dieses Kapitel logischerweise mit der Theorie der Teambildung. Teamcoaching und Moderation werden differenziert beschrieben und schließlich gegenüber der Führungsverantwortung abgegrenzt. Und dann wird es natürlich wieder konkret: Teambesprechungsziele klären, Moderation und Teamcoaching vorbereiten, Entscheiden als Kernkompetenz und dann noch ein Methoden-Repertoire mit 18 Ideen. Ausführlich wird die Moderation auf vier Plakaten beschrieben. Diese Methode orientiert sich an dem Sechs-Hüte-Modells De Bonos und der Dynamic Facilitation nach Rough/De Anna. Die vier Plakate haben als Überschrift die Themen: Fragen/Herausforderungen, Lösungen/Ideen, Bedenken/Zweifel und Hypothesen/Informationen. So kann eine offene Gruppendiskussion stattfinden und der Moderator schreibt alles Geäußerte gleich auf die entsprechenden Plakate auf. Eventuell können zwei weitere Themenplakate hilfreich sein: Gefühle und Ressourcen. Nachdem zunächst die offene Diskussion stattgefunden hat, folgt eine Runde der Wünsche und schließlich die Auswertung und Entscheidungsfindung.
Der kollegialen Beratung wird ein eigenes kurzes Kapitel gewidmet, ebenso der Klärung der Teamkultur. Ein Praxisbeispiel beschreibt einen ganzen Teamentwicklungstag zum Nachmachen inklusive aller Arbeitsblätter.
Etappe 5 beleuchtet das weite Feld der Konflikte. Die Theorie der Konfliktdynamik wird ebenso dargestellt, wie Möglichkeiten der Arbeit in Konflikten mit Einzelnen und die Mediation. Auch hier wieder die üblichen Methodenhinweise. Beschrieben und in Praxisbeispielen validiert werden die 4-Positionen-Reflexion und Selbstreflexion, das Leben mit dem Dissens. Wesentlich ausführlicher gelingt die Darstellung der Mediation. Hier sind es vor allem die vielen ausführlichen Praxisbeispiele, die den Ansatz erläutern.
Etappe 6 widmet sich unterschiedlichen Coaching-Settings. Für die Führungskraft wird das Mitarbeitendengespräch ebenso beschrieben wie die Konfliktklärung oder Bilder zur Work-Life-Balance. Als weiteres Setting ist die Begleitung im schulischen Umfeld thematisiert. Persönlichkeitsbildung und Prüfungsvorbereitung sind hier die Stichworte.
Es folgt die Begleitung in der Arbeit mit Jugendlichen und in der Beratung.
Mit Etappe 7 reflektiert Lahninger und damit auch der Leser sein Menschenbild. Es geht um Zuwendung zu sich selbst, zum anderen und zur Aufgabe. Selbstliebe ist gefordert und kann durch Selbstreflexion gefördert werden. Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaft fließen ein und zeigen, dass die Evolution auf Kooperation basiert und nicht auf Konfrontation.
Merkwürdig muten dann allerdings die Ausflüge in die Ökologie und die Beschreibung des persönlichen Kyoto-Ziels an. Vermutlich sollen sie verdeutlichen, dass alles Leben und damit auch die Begleitung Ratsuchender, sich an globaler Verantwortung zu orientieren hat. Wie das dann mit 4-6 Coachingssitzungen in der lösungsorientierten Beratung geschehen soll, bleibt das Geheimnis des Autors. Auch die noch folgenden Beschreibungen von Meditation und Mystik sind sicherlich die persönlichen Vorlieben Paul Lahningers und werden nicht jeden ansprechen. Die Hinweise auf die Möglichkeiten seien aber dennoch erlaubt.
Die abschließenden Hinweise auf die Arbeit mit dem inneren Team und Werte im Coaching zu betrachten sind allerdings noch einmal ganz hilfreich. Ganz persönlich wird es dann, wenn Lahninger sein spirituelles Leitbild veröffentlicht.
Insgesamt ein lesenswertes Buch, das ich Teilnehmern meiner Kurse gerne empfehlen werde.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dirk Hirsekorn – www.freiraeume-coaching.de) |