Dieses Buch ist ein Armutszeugnis. Das ist bitter. Aber auch aus schlechten Büchern kann man lernen, wenn man es mit Alternativen kontrastiert.
Es wendet sich an Berater, Therapeuten, Pädagogen, Sozialarbeiter, Lehrer, Mediatoren und alle anderen Professionellen, die im interkulturellen Bereich arbeiten, so die Autoren in ihrer Einführung. Ihr Buch, das in der Verlagsreihe "compact" erscheint, also den Anspruch hat, auf gut 120 Seiten die Materie darzustellen, gliedert sich in drei Teile.
Im ersten Teil "Grundlagen" geht es um Kultur, Systeme und Kontexte und beginnt mit der dümmlichen Bemerkung "Kultur ist in!" Als ob wir nicht genau wüssten, das Kultur nicht "in" ist, sondern outet, also absondert – vor allem, wenn es um Migranten geht. Die Autoren stützen sich auf das Kulturkonzept der amerikanischen Familientherapeutin Celia Falicov. Sie zitieren: "Kultur ist ein für uns alle geltender Hintergrund..." Wer sich nur einigermaßen tiefer gehend mit dem Kulturkonzept befasst hat, dem platzt hier der Kragen schon auf Seite 12 – erst recht, wenn man sich auf einen systemischen Hintergrund bezieht. Kein Wort wird hier auf das Kultur-Konzept von Ed Schein verschwendet, mitnichten werden interkulturelle Theorien, die sich mit den Namen Hofstede, Trompenaars, House oder Thomas verbinden, erwähnt, geschweige denn diskutiert. Oder wenn wir dezidiert systemisch wenden wollen: Die Lektüre der entsprechenden Schriften des sozialen Konstruktivisten S.J.Schmidt hätten einen deutlich differenzierteren Zugang ermöglicht und womöglich einige Aha-Effekte bewirkt.
Systeme: Was der Leser hier vorfindet, ist oberflächlich. Die Lektüre von Simon (wird sogar im Literaturverzeichnis erwähnt) oder Backhausen hätte hier fundiert Tiefgang bringen können. Kontexte: "Kontexte prägen jede Kultur", so beginnt dieser Abschnitt, der den einigermaßen Bewanderten instinktiv zur Luhmann-Schwarte greifen lässt und diese, versehen mit dem historischen Zitat "Nimm und lies", an die "Systemiker" aushändigen möchte. Nein, der Theorieteil der Autoren enttäuscht auf ganzer Länge.
Der zweite Teil widmet sich den Anwendungen. Er startet gleich mit der "Verständigung mit und ohne Dolmetscher". Es geht um Herstellung von Kooperation und der Bewältigung von Sprachbarrieren. Und belässt es zum Glück nicht dabei. Auch die Konzepte Rolle, Ablauf, Gender, Kulturmittler oder Setting werden hier thematisiert. Der Leser bemerkt schnell, hier geht es um Arbeit mit Migranten, oft im Kontext sozialpsychiatrischer Versorgungsstrukturen. Die Basis ist reinste Pragmatik, von dort klimmt man dann immer wieder auf die Metaebene hoch - ohne da lange zu verweilen.
Dabei ist die Suche nach Bedeutung, so der Titel des fünften Kapitels, natürlich ein zentrales Anliegen interkulturellen Arbeitens. Hier hätte man beispielsweise wunderbar mit dem Cultur Assimilator (Alexander Thomas) ansetzen können. Stattdessen wird uns eine lange Liste an gesammelten Leitfragen zum Kontext von Migration und kulturellen Weltbildern geboten. Als Leser hatte man sicher nicht die Erwartung einer Einführung in die "Hermeneutik“" gehegt, doch was geboten wird, ist eine theorielos zusammengestückelte Liste. Reinste Pragmatik.
Das sechste Kapitel widmet sich den Methoden. Hypothesenbildung, zirkuläres Fragen, Genogramm, Visualisierung werden präsentiert. Dann - es hätte hier sicher noch mehr und Fundierteres kommen können - wird es plötzlich ernst: "Es kann aber nicht nur dabei bleiben, Beschreibungen aufzulockern. Wir brauchen auch ein Repertoire, das dazu taugt, konkrete Veränderungen zu fördern. Für uns hat sich dazu ein lösungsorientiertes Vorgehen bewährt", machen die Autoren den Sack auf S. 79 zu. Was wäre denn die Alternative zur Lösungsorientierung, wird sich gar mancher Leser fragen? Etwa ein Spruch wie: "Ich kann Dir zwar nicht helfen, aber gut, dass wir drüber gesprochen haben?" Im siebten Kapitel zur Praxis interkultureller Beratung und Therapie werden einige Fallbeispiele aus der Jugendhilfe, der Psychiatrie und der Ausländerberatung vorgestellt.
Der dritte Teil des Buchs handelt von der Organisationsentwicklung. Die Autoren offenbaren an dieser Stelle zwar, dass sie begriffen haben, "dass die Verbesserung des Standards der psychosozialen Versorgung von Migranten im Wesentlichen ein strukturelles und damit nur bedingt ein fachliches Problem ist", allein: Sie haben praktisch keine Idee, wie sie dieses bewerkstelligen können. Ihr Hinweis "Es gilt, Feedbackschleifen einzubauen", der auf Seite 115 auftaucht, zeigt, auf welch tiefem, theoretisch anspruchslosen Niveau sie sich bewegen. Das reicht natürlich nicht, damit lässt sich natürlich "kein Staat machen" - oder reformieren.
Womit wir zum Fazit kommen: Was kann man von diesem Buch lernen? Wessen einziges Instrument ein Hammer ist, der wird auf der ganzen Welt nur Nägel finden, so schon Altmeister Watzlawick. Wer also keine theoretische Basis hat, der wird auf der empirischen Ebene rumkrebsen und sich mit Aktionismus über Wasser halten. Vielleicht muss er sich gelegentlich den Vorwurf gefallen lassen, gut gemeint sei noch lange nicht gut gemacht. Aber schlimmer noch, er wird nicht begreifen, welche Rolle er im "großen Spiel" spielt. Er wird affirmativ sein, Pflaster kleben und trösten, wo eine Faust auf dem Tisch nötig wäre. Schlimmer noch, er wird "den großen Bruder lieben", wenn er diesem auch gelegentlich vorwurfsvoll die Begrenztheit des eigenen Tuns vorhalten wird. Nur, den radikalen Wandeln wird er nicht denken, geschweige denn, einleiten.
Das Versagen deutscher Ausländer- und Migrantenpolitik wird offenbar seit Jahrzehnten auch gestärkt durch eine Exekutive, die planlos ist im Großen, aber empathisch im Kleinen. Da hilft auch kein Verweis auf Systemisches, wenn man denn das Konzept nicht anspruchsvoll anwenden kann. Die Autoren offenbaren an dieser Stelle - leider - eine enorme Blöße. Damit wird aber auch klar, welche Sprengkraft systemisches Denken hätte, würde man einmal ernst machen damit. Vielleicht wendet sich das Blatt angesichts kommunaler Insolvenzen demnächst und lässt neue Ansätze zum Zuge kommen. Etwas Besseres als die Defizitverwaltung der letzten Jahr(zehnt)e hätten wir in der Tat verdient.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Thomas Webers ) |