Rezension:
Ein Buch über den Ausbau der Gender-Kompetenz an Hochschulen zu schreiben ist sicherlich eine Herausforderung. Schließlich gibt es die Zielgruppe derjenigen, die von Gender überzeugt sind – die benötigen in der Regel wenig Unterstützung, da das Bewusstsein vorhanden ist. Diejenigen, die keine Affinität zu Gender Mainstreaming verspüren, werden ein solches Buch nicht lesen. Kurzum, der Königsweg bestünde wahrscheinlich in der konsequenten Darstellung des Nutzens, den Gender an Hochschulen erbringt.
Leider kommt dieser Aspekt im vorliegenden Buch zu kurz. Stattdessen begnügen sich die Autorinnen mit Rechtsgrundlagen, aus denen sie die Umsetzung von Gender ableiten. Ein leider schwaches Argument. Darüber hinaus sind diese zu großen Teilen auf die Schweiz bezogen. Ebenso wird auch hier das oft im Genderzusammenhang herangezogene Gleichstellungsthema ausgerollt, was das Buch nicht lesenswerter macht. Beispiel: Wir lesen unter der Überschrift "Gender-Kompetenz als Wettbewerbsvorteil für die Fachhochschule" als ersten Unterpunkt: "Gleichstellung als Pflicht und Chance". Der Zusammenhang zum Wettbewerbsvorteil erschließt sich mir leider nicht. Ebenso haben die europäischen Reformen im "tärtiären Bildungssektor" aus meiner Sicht wenig mit der theoretischen und begrifflichen Eingrenzung der Gender-Kompetenz zu tun. Selbst, wenn man die genannte Zielgruppe der Lehrenden an den Hochschulen berücksichtigt.
Als weiteres Argument werden die Arbeitsmarktvorteile der Studierenden herangezogen. Diese ergeben sich, wenn die Gender-Kompetenz ausgebildet ist. Das ist nur zu befürworten - aber auch hier ist das Thema eingebettet in viele Randthemen, die von den eigentlichen Überzeugungsargumenten ablenken.
Die tatsächliche Praxis kommt im Verhältnis zu den übrigen Teilen zu kurz. Zwar werden einzelne Beispiele genannt, aber auch hier gilt: Die Darstellung der Umsetzung des Frauenförderplans an der Hochschule Dresden hat leider mehr mit Frauenförderung als mit Gender Mainstreaming zu tun.
Kurzum: Das Buch baut auf der alten Gleichstellungsstrategie auf und schafft es leider nicht überzeugend, den Kerngedanken von Gender Mainstreaming - nämlich die Kompetenzen von beiden Geschlechtern und der Ausbau der Geschlechterdemografie unter dem Potenzialgesichtspunkt - als Nutzen zu transportieren. Darüber hinaus werden alle, die dem Gleichstellungsgedanken nicht offen gegenüberstehen oder dessen überdrüssig sind, nach dem ersten Kapitel aussteigen.
Aus meiner Sicht ist hier also eine Chance vertan worden. Vor diesem Hintergrund hätte dem Buch vielleicht eine gendergerechte Auswahl von Autorinnen und Autoren (!) gut getan.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Marcus Schmitz ) |