Ein sehr spezielles und vor allem an Theorien ausgerichtetes Buch hält der Rezensent in Händen. Entsprechend sperrig lässt es sich in weiten Teilen lesen. Was wunder, ist es doch im Zusammenhang mit einem wissenschaftlichen Symposion entstanden.
Wer allerdings Freude an theoretischen Darstellungen hat und konkrete Beispiele wissenschaftlich reflektiert zur Kenntnis nehmen will, der ist hier sehr gut aufgehoben. Die 27 Aufsätze sind in der Regel sehr übersichtlich, die meisten handeln ihr Thema auf 10 bis 12 Seiten ab und weisen dank ihres Literaturverzeichnisses über sich hinaus. Freundlicherweise sind die Literaturhinweise jeweils ans Ende eines Artikels gesetzt, was der Lesbarkeit deutlich entgegenkommt.
Gegliedert ist die Sammlung in
- Theoretische und methodologische Perspektiven
- Organisationsintere Beratung
- Externe Beratung von Organisationen
- Beratungsorganisationen
- Evaluation der Beratung in und von Organisationen und einem
- Hochschuldidaktischen Epilog
Es würde den Rahmen einer Rezension sprengen, wenn jeder der 27 Artikel in angemessener Weise besprochen würde. Ich beschränke mich auf wenige Schlaglichter, die ich gerne setzen will:
Rainer Zech geht der Frage nach, wie pädagogische Organisationen unter Berücksichtigung der Systemtheorie zu beraten sind. Damit scheidet das "Weitergeben guter Ratschläge" aus. Beratung ist in erster Linie als Selbstberatung bzw. als selbstgesteuertes Lernen zu verstehen. Anders als bei Personen äußert sich das bei Organisationen durch Änderung in den formalen, informellen und latenten Regelsystemen. Am Beispiel einer Volkshochschule wird die Theorie nachvollziehbar: Die Implementierung von Managementmethoden in dieser Organisation gelingt erst, wenn deren Selbstbild sich geändert hat. Die Analyse zeigt, dass die beschriebene Volkshochschule sich eher als familiäre Organisation darstellt, mit entsprechenden Schwerpunkten in Sozialität, denn als formale Organisation. Die Kunst besteht folgerichtig darin, diese Funktionsgrammatik genannte Konstante mitzureflektieren.
Christiane Schiersmann widmet sich der Beratung im Kontext lebenslangen Lernens und stellt gleich zu Beginn fest, dass normierte Bildungs- und Berufsverläufe an Bedeutung verlieren. Damit einher gehen neben der durchaus positiv gewerteten Individualisierung auch Unsicherheit und Risiko. Beratung in vielfältiger Ausrichtung – u.a. Aufschluss über das Kompetenzprofil um eine fundierte Ausbildungs-/ Berufsentscheidung zu treffen – ist aktuell vermehrt und zukünftig in jedem Lebensabschnitt notwendig. Als Rahmentheorie für Beratung beschreibt sie den systemischen Ansatz als am ehesten passend. Am Beispiel einer Studienberatung werden die relevanten Prinzipien erläutert:
- Schaffen von Stabilitätsbedingungen
- Muster des relevanten Systems identifizieren
- Sinnbezug herstellen
- Energetisierungen ermöglichen
- Fluktuationsverstärkungen realisieren
- Synchronisation beachten
- gezielte Symmetriebrechung ermöglichen
- Re-Stabilisierung
Klaus Harney und Anja Voß betrachten die Organisation im Vergleich zu Personen in Bezug auf Fall und Klient. Demnach sind Organisationen im Vergleich zu Personen höher aggregierte soziale Gebilde und die einzelne Person innerhalb einer Organisation ist in der der Beratung nicht mit dem Klienten gleichzusetzen, wenngleich die Beratung mit der Person geschieht. Organisationen sind eher als Medium zu sehen, in das sich Personen eingeschrieben haben.
Den Zusammenhang von Forschung und Beratung stellt der Aufsatz von Nils Bernhardsson und Monika Kil dar. So hat auch Forschungshandeln in Organisationen einen beraterischen Aspekt.
Dem gleichen Thema widmet sich der Aufsatz von Monika Heckel, der eine tätigkeitstheoretische Analyse der Forschung als Beratung betrachtet.
Karin Dollhausen analysiert den ethnografisch orientierten Ansatz der Organisationsforschung. Durch die Entwicklung eigener Kulturen mit entsprechenden Sinn- und Bedeutungszusammenhängen in Systemen ist eine ethnografische Betrachtung dieser angezeigt. Damit ist der Focus auf das jeweils Neue und Andere jedes Systems - und damit jeder einzelnen Organisation, zum Teil sogar einzelner Organisationsteile – gelegt. Vorteil dieser Betrachtungsweise ist demnach den Blick für "einrichtungsspezifisch eingefahrene Problemlösungsstrategien zu schärfen und in den beratenen Einrichtungen Reflexionsprozesse anzuregen".
Zum gleichen Thema gibt der Aufsatz von Nicolas Engel und Thomas Höhne weitere methodologische Hinweise.
Der Abschnitt der Organisationsinternen Beratung beinhaltet Aufsätze mit der Darstellung und Analyse von
- Prozesse zwischen angehenden Lehrkräften und ihren MentorInnen (Stefanie Schnebel)
- Kollegiale Beratung in Gruppen als Instrument der Schulentwicklung (Hildegard Macha)
- Elemente und Wirksamkeit organisationaler Lernberatung aus empirischer Sicht (Sascha Koch)
- Individuelle Lernberatung als Instrument der Organisationskulturentwicklung (Claudia Fahrenwald)
- Leitung im Entwicklungsprozess organisationaler Lernfähigkeit (Timm C. Feld und Klaus Meisel)
- Beratung im betrieblichen Bildungsmanagement (Jasmina Hasanbegovic)
Allen Aufsätzen gemeinsam ist der Bezug zu konkreten Projekten, die zunächst vorgestellt werden. Aus dem jeweiligen Fazit geht hervor, dass zu
- MentorInnen eher intuitiv und wenig systematisch beratungsorientiert ihre Gespräche führen und die Herausforderung für eine zukünftig professionelle und innovative Schule darin besteht, die MentorInnen entsprechend zu schulen.
- Kollegiale Beratung eine deutliche Verbesserung vieler Aspekte im Schulalltag bringen kann, bis hin zur Organisationsebene, wo das Gesamtkollegium positiv Einfluss auf Veränderungen nimmt.
- Eine umfassende Lernberatung in einer schulischen Organisationsform wird sich nur schwer einrichten lassen, was im gebräuchlichen Begriff der Lernstandsberatung ihren Ausdruck findet.
- Das Pilotprojekt STARTKLAR der Hochschule Augsburg als Kompetenztraining für international Studierende Auswirkungen auf die Organisationsebene der Hochschule hat, die in Anbetracht des gesellschaftlichen Wandels wichtig ist.
- Das organisationsinterne Beratungshandeln einer Führungskraft einer Weiterbildungseinrichtung ist eine zentrale Bedingung zum Gelingen von Lernprozessen der Organisation.
- Betriebsinterne Bildungsmanager nehmen durch ihr Beratungshandeln auch die Rolle von Organisationsberatern ein. Damit einher gehen hohe Anforderungen an die Kompetenz dieser Personen.
Als nächster Abschnitt wird die Sammlung von Aufsätzen zur externen Beratung von Organisationen zusammen gefasst.
Katharina Iseler beschäftigt sich mit der Beratung in und von Kinderläden.
Helen Knauf, Martin Goecke und Melanie Rauh widmen sich der Beratung von Schulen. Empirische Befunde zur Bedeutung externer Beratung in Schulen.
Harald Geißler stellt fest, dass Business Coaching als Kommunikationsgattung pädagogischer Beratung gesehen werden kann. Seine empirische Rekonstruktion kommt zu dem Ergebnis, dass Coaching die meisten Merkmale in Übereinstimmung mit der Erwachsenenbildung hat. Die Unterschiede konkretisieren sich vor allem dadurch, dass vorranging Fragen gestellt werden, dass Spiegelungen des Adressaten wichtig sind, dass der "pädagogische Akteur" den Adressaten möglichst wenig thematisch einengt und von seinem eigenen Standpunkt aus betrachtet, dass nicht nur auf das Faktische Bezug genommen wird, sondern auch auf das Mögliche und die jeweilige Thematik in einen positiven Bewertungsrahmen gestellt wird.
Falko von Ameln stellt latente Funktionen und hidden agendas in der Organisationsberatung vor. Genannt werden: Beratung als Aufbau organisationaler Fassaden, Beratung als Risikoentlastung und Beruhigungsmittel, Beratung als Spielball in mikropolitischen Spielen, Beratung als Konfliktabsorptionsstrategie und Beratung als Instrument zur Erzeugung von Beratungsbedarf.
Im 4. Abschnitt werden Beispiele für Beratungsorganisationen vorgestellt und bewertet. Dazu gehören
- Beratungsdienste der schulischen Erziehungshilfe (Michael Urban)
- Beratungsstrukturen in Lernzentren. Neue Organisationskonzepte als Basis für Lern- und Bildungsberatung (Richard Stang)
- Bildungsberatung als öffentliche Strukturaufgabe (Wiltrud Gieseke und Christina Müller)
Zwischen Businessplan und Biografie: Beratungspraxis, Wissen, Organisation (Jörg Schwarz und Susanne M. Weber).
Hier geht es um die Untersuchung der Gründungsberatung in Deutschland. Rund 800 Organisationen, die allgemeine Gründungsberatung anbieten, haben sich an der Befragung beteiligt. Ergebnis war, dass die verschiedenen Anbieter auf unterschiedliche Herausforderungen im Gründungsprozess Wert legen. Beispielsweise erwarten 64% der IHK-Berater den Businessplan als wichtigstes Instrument, während universitäre Berater diesen nur mit 27% als wichtig beurteilten und auf Netzwerke und Erschließen von Fördermitteln ihren Schwerpunkt legten. Es zeigt sich, dass es kein einheitliches Bewertungsschema gibt und die institutionelle Verortung einen wesentlichen Ausschlag auf die Richtung der Beratung gibt. Insgesamt kann aber doch festgestellt werden, dass der Businessplan als deutlich wichtiger eingeschätzt wird als beispielsweise die Biografie. Es wurde auch untersucht, wie der Geschlechteranteil in den Organisationen verteilt ist. 75% Männer sind es bei der IHK, 94% Frauen in frauenspezifischen Einrichtungen, was niemanden verwundern kann. Ein Zusammenhang zwischen diesen statistischen Größen und dem Erfolg der Beratung wurde allerdings scheinbar nicht hergestellt. Schade eigentlich.
Beratung "mit" dem PC? Der Computer in der institutionellen Beratung im Job Center (Danila Böhringer)
Hier werden 50 Gespräche analysiert, bei denen die beratende Person den PC während des Gesprächs in irgend einer Weise verwendet hat, sei es dass Dokumente erstellt und gedruckt wurden oder recherchiert, bzw. Bewerberbemühungen dokumentiert wurde. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Gespräche auch in Beisein eines Dings wie dem PC geführt werden (können?). Fazit ist, dass trotz des PC’s weitgehend ungestörte Gespräche geführt werden können, was an sich schon als eine Leistung der Teilnehmenden bezeichnet werden kann.
Professionalisierung in der Unternehmensberatung – Ein Handlungsfeld für Pädagogen? (Tanja-Vera Herking)
Im Ergebnis kommt diese Untersuchung zu dem Schluss, dass es im Zusammenhang mit Kompetenzentwicklung und Professionalisierung von Unternehmensberatern vor allem bei der Vermittlung mögliche Handlungsfelder aber auch Forschungsgebiete für Pädagogen gibt.
Das abschließende Kapitel fasst die Aufsätze zur Evaluation der Beratung zusammen. Das sind
- Bildungsberatung und Vernetzung auf kommunaler Ebene von Claudia Strobel
- Ein integratives Modell zur Präzisierung von Qualitätseinflüssen – Evaluation von Beratung in Berliner LernLäden von Helga Stock und Sylvana Dietel
- Wirkungen pädagogischer Organisationsberatung – Rekonstruktion eines wissenschaftlich begleiteten Projekts in der betrieblichen Berufsbildung von Detlef Behrmann und Günter Essl
- Implementierung und Evaluation Kollegialer Beratung im Polizeidienst von Yvette Völschow
Der Epilog des Buches stellt ein mögliches Curriculum für eine organisationspädagogische Ausbildung vor, das Anmerkungen zu Beratungstheorie, Beratungsmethodik und Beratungspraxis beinhalten muss. Ewald Johannes Brunner formuliert für die Tätigkeit in der Beratungspraxis Grundsätze wie Offenheit und Ehrlichkeit im Beratungsgespräch, Geduld, Reduktion auf das Notwendige (weniger ist mehr), Multiperspektivität und Kreativität, Neutralität und Allparteilichkeit und natürlich Kommunikationskompetenz und Mustererkennung.
Wie bereits zu Beginn angedeutet, keine leichte Kost, doch wer in der aktuellen Beratungs-Diskussion auf der Höhe der Zeit bleiben will kann aus den über 300 Seiten des Werkes einige interessante Ansätze entnehmen.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dirk Hirsekorn – www.freiraeume-coaching.de) |