Zamyat M. Klein weiß es selber: Suggestopädie ist "ein schreckliches Wort". Und doch verwendet sie es als Titel. Wäre mir der Verlag managerSeminare bisher nicht bekannt gewesen, ich hätte auf jeden Fall die Finger von diesem Buch gelassen - und es wäre mir ein Schatz verloren gegangen. Typisch für den Ansatz kommt bereits das Inhaltsverzeichnis daher: Mit blumigen Überschriften werden die Kapitel betitelt und machen mir Lust zu lesen.
- Kap.: Sesam öffne dich - Mehr als eine Einleitung
- Kap.: Der fliegende Teppich - Was ist Suggestopädie?
- Kap.: Der Gewürz-Basar - Elemente und Methoden der Suggestopädie
- Kap.: Der Schleiertanz - Seminarkonzepte nach dem suggestopädischen Kreislauf
- Kap.: Die Handelskarawane - Suggestopädisch trainieren im Business
- Kap.: Café Oriental - Suggestopädisch trainieren im Internet
Eigentlich kommt die Methode aus der Lernpraxis, vor allem aus dem Sprachlernen. Mythen rankten sich um sie, Begriffe wie "Superlearning" und "Lernen im Schlaf" wurden mit ihr assoziiert und sorgten dafür, die Suggestopädie in ein schlechtes Licht zu rücken. Das Wort "Suggestion" sorgt mit seiner deutschen Bedeutung wie Manipulation und Überredung zusätzlich zu dieser negativen Empfindung. Doch eigentlich heißt "to suggest" nichts weiter als anregen, vorschlagen und bezeichnet damit eine ganzheitliche Methode des Lernens. Nichts mehr aber auch nichts weniger. Andere pädagogische Ansätze wie Accelerated Learning, M.A.S.T.E.R.-Programm oder TEP-Programm sind eng mit der suggestopädischen Praxis verwandt und so ist es kein Wunder, wenn manche Trainer in unterschiedlichen Regionen mal nach dem einen, und mal nach dem anderen Ansatz arbeiten.
Was aber ist nun genau Suggestopädie und unterscheidet damit diesen Ansatz von anderen? Im Zentrum steht der sogenannte suggestopädische Kreislauf, so eine Art Fahrplan für den Ablauf eines Seminares. Dazu gehören die Stationen:
- Raumgestaltung, z.B. mit Randstimuli, also Postern oder Gegenständen in der Raummitte, die während des Seminars nicht ausdrücklich thematisiert werden, sondern durch ihre Existenz die Teilnehmenden zum eigenen Denken anregen sollen
- Ankommen und Konzentration, z.B. mit Methoden wie Centering, einer kurzen Entspannung oder dem obligatorischen Kennenlernen
- Hinführung zum Thema, Motivierung. Dazu kann auch unter Umständen eine Decodierung gehören, wenn das Thema das nahe legt (z.B. wenn ein Seminar zur Buchhaltung stattfindet und damit zu rechnen ist, dass manche Teilnehmer Panik vor Zahlen haben)
- Erarbeitungsphase, beispielsweise durch ein erstes (aktives) Lernkonzert
- Dazu kann auch die Präsentationsphase durch die Teilnehmenden gezählt werden
- Ein 2. Lernkonzert dient der Aufnahme des Lernstoffs in Entspannung
- Übungsphase
- Anwendungsphase und
- Integration mit
- Auswertung und Abschluss bilden das Ende des Kreislaufs
So weit die Theorie, die durch die Praxis von Zamyat M. Klein sowohl bestätigt als auch kräftig widerlegt wird. In der dargestellten Reinform finden ihre Seminare (und die befreundeter Trainerinnen, die als Beispiele im Buch publiziert werden) nicht statt. Zum Glück. Jede dogmatische Erstarrung ist dem Rezensenten mittlerweile suspekt. (Hat er in seiner Ausbildung so manche verknöcherte Vertreter dieser Spezies kennengelernt. In eigenen Seminaren geht er ebenfalls sehr frei mit den verschiedenen Ansätzen um, so lange sie nur der Sache dienlich sind, Menschen zu ihrem Ziel zu bringen.)
Im Mittelpunkt des suggestopädischen Ansatzes liegt nach dem Verständnis der Autorin die Vermittlung von Lerninhalten, egal welcher Art, auf ganzheitliche Weise. Die Begründung dafür liefert ihr die Lerntypentheorie. Da es neben den visuellen Lernern auch die auditiven und kinästhetischen Typen gibt - keinen davon natürlich in Reinkultur, und der Trainer es im Seminar nicht (nur) mit einem dieser Typen zu tun hat, sind folglich am besten alle Sinne anzusprechen. Einige praktische Anmerkungen werden noch zu Flipcharts (der Hardware) und der kreativen Gestaltung dieser (Software) gegeben. Auch die weiteren visuellen Gestaltungselemente werden noch bewertet wie Lernposter (sind sehr gut), Wandzeitung (ebenso), Seminarpläne (können mit etwas Phantasie toll gestaltet werden), Randstimuli (klar, gehören unbedingt dazu), Overhead-Folien (geht ebenso wie Power-Point eigentlich gar nicht, außer wenn die OHP für dynamische Gestaltungen verwendet wird, indem z.B. Figuren ausgeschnitten werden, die dann über die OHP "laufen"), Gegenstände und Requisiten und weitere Moderationselemente, wozu auch Filme und Lernstraßen gehören.
Nach diesem Präludium beginnt dann das methodische Feuerwerk. Am Beispiel eines kompletten Seminars zu Lerntypen wird der suggestopädische Kreislauf mit vielen Methoden dargestellt. Sehr ausführlich erfahren wir, wie das Centering funktioniert, lernen Kennenlernspiele, wie Landschaften stellen oder den Rasenden Reporter und Wappen. Dann geht es im Kreislauf weiter mit einem Karten-Vortrag mit Requisiten – sehr amüsant die Fotos der Autorin mit Karnevalsbrille, Antennenohren und überdimensionalem Mund. Auch Klassiker der Moderation wie die Murmelgruppe werden erwähnt. Schließlich kommt das Lernkonzert, scheinbar so etwas wie das Zentrum eines suggestopädischen Seminars. Die Teilnehmenden sollen sich bequem lagern - sitzen oder liegen - und werden wie bei einer Fantasiereise mitgenommen auf eine tiefere Begegnung mit dem Lernstoff. Dazu wird in der Regel eine Geschichte erzählt. Idealerweise wird das Ganze auch musikalisch untermalt. Beispiele zu den Geschichten gibt es im vorliegenden Buch reichlich, das mit der musikalischen Gestaltung ist im Printmedium logischerweise nicht machbar, aber Dank des Internet ist auch hier eine Lösung gefunden worden: Nicht nur ein komplettes Lernkonzert ist über die Internetpräsenz von managerSeminare zu laden, sondern auch weitere Methoden und Schaubilder, die in dem immerhin 385 Seiten starken Buch keinen Platz mehr gefunden haben. So viel Material für das bisschen Geld...
Konkrete Impulse, wie man auf die Idee für ein Lernkonzert kommt werden auch gegeben: Meditieren Sie doch einmal Ihr (Schreibtisch-)Umfeld; kommt Ihnen da nicht eine Idee?
Weitere Methoden können in der Wiederholungsphase verwendet werden. Dazu gehören z.B. der Früchtekorb, das Karten stellen oder weitere "Spiele" wie Perlenkette, Bingo, Memory …, die allerdings nicht näher beschrieben werden. Dazu wird auf ein weiteres Buch der Autorin verwiesen, das im gleichen Verlag erschienen ist „Das tanzende Kamel“. Das ist auch das einzige bedeutsame Manko des vorliegenden Titels, dass häufiger auf andere Literatur der Autorin verwiesen wird und andererseits der Inhalt (des Buches) über die Nutzung des Downloads ziemlich ausgedehnt wird. Es ist mir im Rahmen der Rezension gar nicht möglich, auch nur annähernd alle Methoden aufzuführen.
Ein Kapitel widmet sich der suggestopädischen Trainings im Business. Die vorgelegten Beispiele beziehen sich auf Ausbildungen im Bankensektor, die Buchführung und Betriebswirtschaftslehre für eine Autofirma.
Im letzten Kapitel stellt Zamyat M. Klein den Online-Bereich vor. Neben Online-Seminaren in einem Forum wird auch der Bereich des Social Media wie Weblogs, Twitter erwähnt.
Abschließend gibt es noch eine Link-Liste geschenkt, die auf spannende Internetangebote verweist. Hier können Spielmaterialien und Requisiten ebenso gefunden werden wie Rätsel, Spiele, Anleitungen zum Visualisieren oder natürlich auch Plattformen für Online-Seminare. Auch hier nochmal eine wahre Schatzkiste.
Fast schon überraschend kommt das Literaturverzeichnis daher. Damit hätte ich bei diesem Praxisbuch eigentlich gar nicht mehr gerechnet. Aber na klar, Zamyat M. Klein hat auf den vorherigen 378 Seiten gezeigt, dass nicht alle Ideen von ihr selber stammen (natürlich immer mit einem kleinen Hinweis auf den Verfasser), und so liegt es nahe, mit diesem Literaturverzeichnis auf die entsprechende Hintergrundliteratur zu verweisen.
Danke für dieses anregende Buch, das jedem Trainer ans Herz gelegt ist, es mindestens als Steinbruch zu verwenden. Auch wenn die Autorin mit Tänzen im Seminar noch nie schlechte Erfahrung gemacht hat, wird das nicht jedermanns Sache sein. Der Satz, dass man selber hinter den Methoden stehen muss, dann klappen sie auch, ist wohl wahr.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dirk Hirsekorn - www.freiraeume-coaching.de) |