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Evolutionary Psychology
The New Science of the Mind

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Buss, David M.
3. Aufl. (2008)
Prentice Hall, ISBN: 020569439X


Unsere Bewertung:   

Schlagworte:
Psychologie, Verhalten, Evolution

Der naturwissenschaftlichen Psychologie ist es bislang nicht gelungen, eine umfassende Theorie vorzulegen, die alle oder auch nur die meisten geistig-seelischen Vorgänge des Menschen in ein ordnendes Gesamtbild bringt. Ja, man kann sich fragen, ob sie diesem Ziel heute näher ist als vor 100 Jahren. Es gibt zwar eine beträchtliche Zahl von Theorien mittlerer Reichweite (die sogenannten "middle-range theories"), die wichtige Teilaspekte unserer Psyche recht gut erklären und vorhersagen können, wie beispielsweise die Theorien des Lernens, der Reaktanz oder die der gelernten Hilflosigkeit. Doch scheinen wir ziemlich weit davon entfernt, diese Mosaiksteinchen zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenfügen zu können. Und es ist durchaus fraglich, ob die weitere Vermehrung der Zahl der Mosaiksteinchen dabei hilft, einem solchen Gesamtbild näher zu kommen. Stattdessen besteht die Gefahr, hinter immer mehr Bäumen endgültig den Wald aus den Augen zu verlieren, solange es an einer ordnenden Perspektive, einem Blick von außen auf das System, fehlt.

Eine solche übergeordnete und damit ordnende Perspektive könnte die Evolutionstheorie liefern. Diese Theorie wird zwar der Biologie zugerechnet, genau genommen ist sie aber der Biologie übergeordnet: Sie liefert ein Erklärungsmodell nicht nur für die Entwicklung biologischer Anpassungen, sondern jeglicher gradueller Optimierungen, indem sie deutlich macht, was die tiefere Logik des Entstehens von Strukturen und Mustern ist. Der simple Gedanke, dass in nachfolgenden Generationen jene Gene häufiger werden, die ihren Träger dabei geholfen haben, besonders effektiv für ihre Verbreitung zu sorgen, war für die Biologie ein Durchbruch: Auf einmal sortiert sich alles. Da auch der Mensch ein Produkt der Evolution ist, liegt es eigentlich nahe, einmal zu prüfen, ob die Evolutionstheorie ein brauchbares Ordnungsraster auch für die Psychologie liefert.

Der an der Universität von Austin / Texas lehrende David M. Buss tut das mit großer Sorgfalt und Konsequenz – und auf der Grundlage dieser evolutionären Logik entsteht eine ganz andere Psychologie als die, die wir aus den gängigen Lehrbüchern gewohnt sind. Der ganze klinisch-therapeutische Fokus, der die Psychologie seit ihren frühesten Anfängen bei Mesmer, Charcot und Freud geprägt hat, ist verschwunden, aber auch die akribische experimentelle Untersuchung isolierter Einzelphänomene wie des Lernens sinnloser Silben und vieler anderer Laborexperimente. Doch trotz der radikal veränderten Perspektive sind uns die Inhalte dieser evolutionären Psychologie auf eine seltsame Weise vertraut. Denn so randständig manche ihrer Themen in den Forschungsprogrammen der gängigen Psychologie sind, so gut kennen wir sie doch aus dem Leben: Partnerwahl, Freundschaft, Promiskuität, Elternschaft, Konflikte zwischen Partnern sowie zwischen Eltern und Kindern, Verwandtschaft, soziale Beziehungen und Kooperation, Status, Prestige und soziale Dominanz... – das sind einfach zentrale Themen des menschlichen Lebens, und zwar nicht des kranken oder irgendwie angeschlagenen Lebens, sondern des ganz normalen und einigermaßen "gesunden" Lebens.

Das Erfreulichste aber ist, dass sich die Psychologie tatsächlich neu ordnet, wenn man mit solch einer evolutionären Perspektive an sie herangeht. Gleich ob es die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind oder das Streben nach sozialem Aufstieg oder andere "allzu menschliche" Phänomene, das alles bekommt auf einmal seinen evolutionsbiologischen Sinn – es wird nicht nur verständlich, sondern "logisch", das heißt, hochgradig schlüssig. Dass wir ein Produkt der Evolution sind, das bestimmt eben nicht nur unsere Physiologie, wie etwa der Beschaffenheit unseres Verdauungsapparats, sondern es spiegelt sich auch in unseren Wahrnehmungs- und Verhaltenstendenzen. Immerhin hat die Menschheit fast ihre gesamte etwa zweieinhalb Millionen Jahre währende Geschichte als allesfressende Jäger und Sammler zugebracht; die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht liegt ja gerade erst 8000 Jahre zurück, die Industrialisierung, die unsere heutigen Lebensbedingungen prägt, gerade einmal 200 Jahre. Das macht die Arbeitshypothese plausibel, dass die "Natur des Menschen" in vieler Hinsicht eine Anpassung an die Lebensbedingungen der Steinzeit sein dürfte.

Das würde zum Beispiel verständlich machen, weshalb wir extrem gut darin sind, Spinnen und Schlangen zu erkennen, aber weitaus schlechter im intuitiven Erkennen defekter Elektrogeräte oder gefährlicher Reinigungsmittel. Oder weshalb wir eine Ekelreaktionen gegenüber verdorbenen Nahrungsmitteln und eine besondere Affinität zu fett- und zuckerreicher Nahrung empfinden. Das letzte Beispiel zeigt aber auch schon, dass es ein grober Denkfehler wäre, aus solchen Erkenntnissen vorschnell Lebensregeln für die Gegenwart abzuleiten, also deskriptive und normative Aussagen zu verwechseln: Dass die Evolution uns darauf geeicht hat, nährstoffreiche Nahrung als besonders wohlschmeckend zu empfinden, war unter den Lebensbedingungen unserer Ahnen sicherlich eine wertvolle Anpassung – bei dem heutigen Nahrungsangebot wird genau diese Anpassung zum Problem. Mit einem simplen "Zurück zur Natur!" ist hier also (leider) nichts zu wollen: Die Erkenntnis, dass uns die Evolution auf Fett und Zucker getrimmt hat, erklärt vieles, aber eine Lebensregel sollte man aus ihr besser nicht ableiten.

Die strikte Unterscheidung von Erklärung und Handlungsempfehlung ist bei einer solchen Herangehensweise extrem wichtig. Gerade bei evolutionspsychologischen Erklärungsmodellen kann man groben Unfug sowohl auf zwischenmenschlichem als auch auf gesellschaftspolitischem Gebiet anrichten, wenn man nicht scharf trennt zwischen einerseits der Frage, warum wir als Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen tendieren, und andererseits der, wie wir uns heute verhalten sollten. Nicht nur bei der Ernährung geht es schief, wenn man die Intuitionen unserer steinzeitlichen Vorfahren ungeprüft zur Lebensregel für die heutige Zeit macht. Auch die Hoffnung, auf diese Weise Lebensformen zu finden, die "näher an unseren Wurzeln" und damit "menschengerechter" sind, ist naiv und illusorisch – jedenfalls wenn wir nicht parallel dazu zu den Lebensbedingungen prähistorischer Jäger und Sammler zurückkehren wollen. Als Begründung oder Rechtfertigung für heutiges Handeln taugen tatsächliche oder vermeintliche genetische Prägungen nicht. Ein spitzbübisches "Ich kann ja [zum Glück] nicht anders!" eignet sich weder als Ausrede vor sich selbst noch gegenüber anderen.

Weil diese Vermischung von deskriptiver und normativer Ebene gerade auf diesem Gebiet so häufig ist, bin ich auch mit leisem Unbehagen an dieses Buch herangegangen – völlig zu Unrecht, wie sich bei der Lektüre herausgestellt hat. David M. Buss handelt sein Thema sehr sachlich und wissenschaftlich-nüchtern ab, ohne die beschriebenen Verhaltensweisen damit moralisch zu bewerten oder gar zu empfehlen. Stattdessen legt er umfangreiche Forschungsbefunde zu den Hypothesen der evolutionären Psychologie vor, die bei vielen Themen hohe Überzeugungskraft haben, bei etlichen aber auch noch unvollständig und lückenhaft sind. Was Buss auch immer wieder ganz klar benennt.

Bevor er in vier großen Teilen die zentralen Forschungsfelder der Evolutionären Psychologie und ihren derzeitigen Erkenntnisstand vorstellt, legt er in einer sorgfältigen wissenschaftsgeschichtlichen und methodischen Einführung dar, welch unterschiedlichen Forschungsansätzen diese Disziplin ihre Erkenntnisse verdankt. Das sind keineswegs nur – oder auch nur in erster Linie – archäologische Befunde oder Daten aus neuzeitlichen Jäger-und-Sammler-Stammesgesellschaften, sondern es sind auch Beobachtungen, Analysen und Selbstauskünfte aus unserer Zeit, Lebensgeschichten und öffentliche Statistiken. Ja sogar die Untersuchung heutiger Produkte und Marktangebote liefert wertvolle Anhaltspunkte, weil die ja, um erfolgreich zu sein, auf die historisch gewachsenen Präferenzen von uns Verbrauchern eingehen müssen.

Aus gutem Grund geht Buss eingangs auch auf drei "Common Misunterstandings About Evolutionary Theory" ein. Erstens auf den Irrtum, dass das menschliche Verhalten genetisch determiniert sei – was er am Beispiel der Anlage-Umwelt-Interaktion bei der Entstehung von Schwielen als "simply false" zurückweist: Zwar ist die Fähigkeit zur Ausbildung von Schwielen in der Tat angeboren, doch tatsächlich ausgebildet werden sie nur bei erhöhter Belastung der entsprechenden Hautpartien (S. 18). Ebenfalls falsch ist zweitens die Vorstellung: "If it's evolutionary, we can't change it". Vielmehr ist der Mensch gerade "designed to be responsive". Das bessere Verständnis psychologischer Anpassungen stürzt uns nicht in die Gefangenschaft eines unentrinnbaren Schicksals, sondern gibt uns im Gegenteil die Freiheit – und die Verantwortung –, unser Verhalten dort, wo es erforderlich ist, zu verändern. Drittens ist es, so Buss, ein grobes Missverständnis zu glauben, dass ererbte Anpassungen immer und automatisch optimal seien. Das sind sie schon deshalb nicht, weil es sich dabei immer um Anpassungen an die Lebensbedingungen der Vergangenheit handelt. Für unsere heutigen Lebensbedingungen sind sie nur dann hilfreich, wenn die den Bedingungen ähneln, unter denen sie entstanden sind; anderenfalls können sie auch nutzlos oder im schlimmsten Fall sogar nachteilig sein.

Das Buch ist in vier große inhaltliche Themenblöcke gegliedert. Es beginnt – aus einer evolutionären Perspektive logisch – mit "Problems of Survival". Dazu zählen Nahrungserwerb und -auswahl, aber auch die Abwehr von Raubtieren und anderen Gefahren, und schließlich die Suche nach einer Zuflucht – wobei offenbar auch unsere heutigen Wohnpräferenzen von der Bevorzugung bestimmter Lagen und Landschaftsschemata geprägt sind. Der zweite große Themenblock sind die "Challenges of Sex and Mating". Her stellt Buss umfangreiche Erkenntnisse sowohl zu den langfristigen Partnerwahlstrategien von Frauen und Männern vor als auch zu kurzfristigen sexuellen Strategien. Und siehe da: Auch auf diesem komplizierten Gebiet sind die Verhaltenstendenzen von Männlein und Weiblein aus evolutionärer Perspektive durchaus logisch und keineswegs so irrational, wie oft vermutet wird.

Den "Challenges of Parenting and Kinship" ist der dritte Themenblock gewidmet. Er untersucht sowohl Probleme der Elternschaft samt der aus evolutionärer Perspektive völlig logischen (!) Konflikte zwischen Eltern und Kindern sowie die zwischen Geschwistern, widmet sich aber auch ausführlich dem Thema Verwandtschaft – ein Themenfeld, das erstaunlicherweise kaum ein Forschungsthema der klassischen psychologischen Forschung ist. Grundlage dafür sind die bahnbrechenden Theorien von William D. Hamilton und Robert Trivers, die mit dem Konzept der "Inclusive Fitness" eine evolutionsbiologische Erklärung für den Altruismus unter Verwandten liefern. Der letzte Themenblock schließlich untersucht "Problems of Group Living", darunter so erfreuliche wie das der Kooperation, so klassische wie "Conflicts between the Sexes", so beunruhigende wie "Aggression and Warfare" und so alltägliche wie "Status, Prestige, and Social Dominance".

Gerade die Kooperation galt lange als eines der stärksten Argumente gegen die Evolutionstheorie und speziell die Soziobiologie: Wieso sollten Menschen (und andere Lebewesen) kooperieren, wenn sie ausschließlich auf die Verbreitung ihrer eigenen "egoistischen Gene" ausgerichtet sind? Die Theorie der "Inclusive Fitness" von Robert Trivers lieferte schon 1971 eine schlüssige Erklärung für die Kooperation zwischen Verwandten. Je nach Verwandtschaftsgrad tragen Verwandte ja ebenfalls einen Teil der eigenen Gene: Die Hälfte bei Kindern und Geschwistern, ein Viertel bei Enkeln und Nichten bzw. Neffen. Nach Trivers ist es also immer dann sinnvoll, Verwandte zu unterstützen, wenn deren Nutzen davon mehr als doppelt (bzw. viermal) so groß ist wie die eigenen "Kosten" dieser Unterstützung. Der Einwand, dass kein Mensch und erst recht kein Tier eine solche Kalkulation anstellt, ist ebenso berechtigt wie belanglos: Damit der Nutzeffekt eintritt, ist keineswegs erforderlich, dass man dies aufgrund bewusster Überlegungen macht – es genügt völlig, dass man es macht. Die Disposition dafür hat uns die Natur offensichtlich mitgegeben: Dass Eltern ihre Kinder unterstützen und sich nahe Verwandte gegenseitig aushelfen, ist ja nicht ungewöhnlich – während sie für Fremde keineswegs das Gleiche tun würden.

Schwieriger scheint die Kooperation zwischen Fremden zu erklären, denn da ist mit "Inclusive Fitness" nichts zu wollen. Eine schlüssige Erklärung liefert hier das Konzept des "wechselseitigen Altruismus'" (reciprocal altruism). Da das Jagdglück launisch ist, könnten zum Beispiel steinzeitliche Jäger sehr davon profitiert haben, sich gegenseitig von ihrer Beute abzugeben: Für den, der reiche Beute gemacht hat, sind die Kosten gering, das, was er selbst nicht verbrauchen kann, abzugeben; demjenigen, der gerade kein Jagdglück hatte, kann es das Leben retten – und beim nächsten Mal ist es vielleicht umgekehrt. Kooperation ist also einer Art steinzeitlicher Lebensversicherung. Allerdings wirft Kooperation ein neuartiges Anpassungsproblem auf, nämlich das der Abwehr von "Trittbrettfahrern". Wer da nicht aufpasst, wird leicht zum Opfer von Ausbeutern, die zwar bereitwillig nehmen, aber nichts zurückgeben. Das setzt eine ganze Reihe kognitiver Fähigkeiten voraus, vom Wiedererkennen von Menschen bis zur "mentalen Buchführung", wer einem etwas schuldet und wem man selbst etwas schuldet – und könnte damit maßgeblich zu der dramatischen Entwicklung beigetragen haben, die das Gehirn in der Frühzeit der Menschheit nahm. Wie wichtig dieses Problem gewesen sein muss, sieht man auch daran, dass die allermeisten Menschen "instinktiv" wissen, worauf sie achten müssen, um Trittbrettfahrer zu entlarven – während sie an einer abstrakten Denksportaufgabe, die die gleiche logische Struktur hat, scheitern. Aber auch daran, wie wichtig es uns ist, fair behandelt zu werden – und wie wütend wir werden können, wenn dagegen verstoßen wird.

Bei all diesen Themen stellt sich heraus, dass das, was wir im eigenen Leben erleben und beobachten, viel logischer und "normaler" ist als uns es oft erscheint. Umso wichtiger, sich immer wieder bewusst zu machen, dass diese evolutionspsychologischen Erklärungen weder eine Legitimation noch gar eine Empfehlung sind. An etlichen Stellen wird durch Buss' nüchterne Analyse vielmehr deutlich, dass wir vor der dringenden Notwendigkeit stehen, uns bewusst von den Verhaltenstendenzen zu lösen, die uns die Entwicklungsgeschichte eingebaut hat, und gezielt neue, geeignetere Vorgehensweisen zu entwickeln. Das kann nur gelingen, wenn wir nicht in blindem Vertrauen "auf unsere Intuition hören", sondern den Mut haben, uns von ihr zu lösen und neue Wege zu gehen, ohne dabei ein ungutes Gefühl oder gar ein schlechtes Gewissen zu haben. In vielen Lebensbereichen – und nicht zuletzt im Change Management – ist es sowohl notwendig als auch möglich, neue Intuitionen zu entwickeln, die auf unsere heutige Lebensrealität in Großorganisationen weitaus besser zugeschnitten sind, als das, was uns unsere Urahnen als Anpassungen an ihre Jäger-und-Sammler-Lebensbedingungen mitgegeben haben.

Aufschlussreich ist ein Vergleich der Evolutionären Psychologie mit den großen tiefenpsychologischen Schulen, die sich ja als erste daran gewagt haben, ganzheitliche Theorien der menschlichen Psyche zu entwerfen. Die größte Kompatibilität mit der Evolutionären Psychologie weist eindeutig die Individualpsychologie auf. Zwar hatte Freud die Schlüsselrolle der Sexualität für das gesamte menschliche Denken und Handeln am klarsten erkannt, doch viele seiner Konstrukte wie etwa der "Todestrieb" oder der "ödipale Konflikt" ergeben evolutionspsychologisch wenig Sinn. (Und letzterer auch kann als empirisch falsifiziert gelten). Dagegen fügen sich individualpsychologische Konzepte wie das der Finalität oder das Streben nach Zugehörigkeit sehr schlüssig in ein evolutionspsychologisches Modell ein. Auch Konzepte wie Minderwertigkeitsgefühl, Kompensation und Überkompensation sind evolutionspsychologisch plausibel; bei Begriffen wie dem "Gemeinschaftsgefühl" wird hingegen sichtbar, dass vor allem der späte Adler in seinem Denken deskriptives und normatives Denken vermengte.

Das Buch schließt mit einem Ausblick "Towards a Unified Evolutionary Psychology". Und in der Tat bietet dieser Ansatz eine überzeugende Perspektive für eine Vereinigung – oder besser gesagt: Wiedervereinigung – der Psychologie, die im Lauf ihrer Geschichte ja in unzählige Schulen, Disziplinen und methodischen Ansätze zerfallen ist. Das heißt keineswegs, dass man alles wegwerfen muss, was Generationen von psychologischen Forschern über die letzten Jahrzehnte erarbeitet haben – im Gegenteil: Der allergrößte Teil der bisherigen Erkenntnisse wird sich problemlos in ein integriertes Gesamtbild der menschlichen Psyche einfügen lassen, zumal ihre empirische Absicherung ja in der Regel solide ist. Lediglich die bisher gebräuchlichen Grenzziehungen zwischen den psychologischen Disziplinen und Forschungsparadigmen dürften ins Wanken geraten. Denn sie erscheinen aus evolutionärer Perspektive allzu willkürlich und wenig schlüssig. Wieso beispielsweise zwischen kognitiver und Sozialpsychologie trennen, wo doch jeder soziale Prozess zwingend auf kognitive Leistungen angewiesen ist und wo es im richtigen Leben kaum kognitive Prozesse gibt, die frei wären von sozialen Bezügen?

Weitaus schlüssiger wäre es für Buss, die Psychologie, so wie er es in seinem Buch getan hat, nach Anpassungsproblemen zu gliedern, mit denen die Menschheit im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte konfrontiert war. Oder, so möchte ich hinzufügen, mit der wir Menschen heute konfrontiert sind, in diesem bislang mikroskopisch kurzen Abschnitt der Menschheitsgeschichte, der unsere Lebensbedingungen so grundlegend verändert hat wie keine Epoche zuvor. Mit der Folge, dass wir heute vor Anpassungsproblemen stehen, für die es keine historischen Präzedenzfälle gibt und auf die uns infolgedessen auch keine Evolution vorbereiten konnte. So leben die allermeisten von uns heute in und von Großorganisationen, die sich immer rascher an sich ändernde Markt- und Wettbewerbsbedingungen anpassen müssen – Herausforderung Change Management –, aber auch in einer globalisierten Wirtschaft, die voller dramatischer Verwerfungen steckt, sowie in einer gewaltig angewachsenen Menschheit, deren kumulierter Konsum zum ersten Mal in ihrer Geschichte die Belastbarkeit ihres Heimatplaneten rabiat überfordert – und die in größte Schwierigkeiten kommen wird, wenn sie es nicht schafft, das größte kollektive Anpassungsproblem ihrer Geschichte zu lösen, nämlich eine Lebensform zu entwickeln, die "sustainable", also länger als bloß für ein paar Generationen durchzuhalten ist.

(MWonline zur Verfügung gestellt von Winfried Berner)

(wb 18.01.2011)

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