myMWonline Blog Seminare Marktplatz Redaktion
Sitemap
  Einführung in die Systemtheorie des Konflikts


Buchbesprechung

Hier klicken für mehr Infos ...



Simon, Fritz B.
1. Aufl. (2010)
Carl-Auer-Systeme, ISBN: 3896707469


Unsere Bewertung:   

Hier klicken für mehr Infos ...
Schlagworte:
Konflikt

Autor(en):

Dr. med, Professor für Führung und Organisation am Institut für Familienunternehmen der Universität Witten/Herdecke. Systematischer Organisationsberater, Psychiater, Psychoanalytiker und systemischer Familientherapeut.

 

Themenliste Literatur
Konfliktmanagement   Konflikte können das Salz in der Suppe sein und sogar Innovationen hervorbringen - aber sie können auch verheerende Wirkung haben. Wie man mit ihnen umgeht....
Ideenfabrik
Erste Hilfe bei Konflikten (sm)   Tipps zum richtigen Verhalten in Konfliktsituationen gibt es viele. Die meisten erfordern allerdings eher eine gründliche Vorbereitung. Hier kommen zehn Tipps für als "Erste Hilfe".

Rezension:

Das Buch beschreibt theoretisch, was bei Konflikten jeglicher Art grundsätzlich abläuft. Der Autor bezieht sich gleichermaßen auf innerpsychische wie auf soziale Konflikte. Für letztere gibt es auf den letzten Seiten des Buchs ganz komprimiert einige praktische Empfehlungen
Ausgehend von der Dominanz von Theorie über praktische Ratschläge könnte man zu dem Schluss kommen, die Lektüre sei eher für die in Konfliktsituationen helfenden Berufsstände geeignet sein, und weniger für Betroffene. Es gibt jedoch gleich in der Einleitung einen sehr wichtigen Gesichtspunkt, weshalb das Buch auch für jemanden sehr nützlich ist, der sich aktuell in einem Konflikt befindet: "es sind (...) unsere impliziten und expliziten Theorien, die bestimmen, wie wir uns in Konfliktsituationen verhalten. Ändern wir unsere Theorien, so ändert sich auch unser Verhalten."

Jedem, der sich bereit und dazu in der Lage sieht, sein eigenes Denken und Verhalten in Konfliktfällen zu reflektieren und sich für Außenperspektiven auf sein Handeln und auch für übergeordnete Zusammenhänge von Konflikten zu öffnen, sei dieses Buch empfohlen.

Konflikte haben einen ausgesprochen schlechten Ruf. Mit dem hier gewählten "systemisch-konstruktivistischen" (d.h. auf die Wechselwirkungen fokussierenden) Zugang auf das Thema Konflikte führt Fritz Simon dem Leser vor Augen, dass Konflikte unablässig, unvermeidbar und vielgestaltig im menschlichen Leben auftauchen. Er postuliert zudem, dass Konflikte oft eine sinnvolle Rolle haben – "ohne Konflikte keine Veränderung und keine Entwicklung, weder psychisch noch gesellschaftlich". Es kommt nämlich dann zu Konflikten, wenn von einer der Interessens-Parteien (im sozialen wie im innerpsychischen Kontext) die Ordnung, die ihr wichtig erscheint, verteidigt und neu manifestiert werden soll. Wenn aber eine gegebene Ordnung etwas Wesentliches unberücksichtigt lässt oder Freiheiten für anderes lässt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diese Ordnung vom Verhalten einer Person oder einer Gruppe herausgefordert wird. (Im innerpsychischen Kontext kann das ein aufkommendes Bedürfnis sein, das im Widerspruch zu einem bis dahin konsistenten Selbstbild steht.)

Logischerweise ist der Herausforderer einer bestehenden Ordnung ein Störer, und der wird somit zur Ordnung gerufen. Seine Herausforderung kann nicht toleriert werden, wenn sie die Ordnung ausdrücklich infrage stellt und somit potenziell diese Ordnung kippen kann. Auf gut Deutsch wird das so kommentiert: Also wo kämen wir denn da hin, wenn jeder tun und machen könnte was er wollte?

Dieses Zur Ordnung rufen ist der Beginn für den Konflikt. Wenn der Störer demgegenüber einfach stillschweigend geduldet wird, ist noch kein Konflikt gegeben. Konflikt ist laut Definition ein sozialer oder psychischer Prozess, "bei dem eine Position (...) verneint wird und diese Negation ihrerseits verneint wird. Daraus ergibt sich ein fortgesetzter Prozess von Negation der Negation (...), sein Resultat ist der Zustand der Unentschiedenheit."(11)

Wenn man wie in diesem Buch Konflikt als Wechselwirkungen in Systemen her denkt, dann geht es nicht um mutwillige Störungsabsicht, Unerzogenheit oder schlechten Charakter von einzelnen Personen, sondern um Entscheidungen: soll es künftig in die eine Richtung gehen, oder in die andere, oder soll man stehenbleiben, oder zurückgehen?

Konflikte "haben als Störungen eine "Alarmierfunktion" (Luhmann, 1984, S. 525) und signalisieren, dass etwas geschehen muss. (...) Die Chance (...) besteht in der Systemveränderung, der Entwicklung." (95) Es tritt Neues, Anderes konkurrierend zum Bestehenden auf den Plan und dieses Andere will (in einem Wirkungsraum, den sich beide teilen müssen - sonst würden sie sich wohl eher separieren) ein Eigenrecht haben oder für sich die Oberhand gewinnen.
Die Dynamik oben genannter "Negation der Negation" läuft dann so ab, dass eine bis dahin als selbstverständlich behandelte Beziehungsdefinition in Frage gestellt wird: "(1) ein Akteur fühlt sich durch das Verhalten eines anderen in irgendeiner Weise beeinträchtigt; (2) er signalisiert, dass er dies nicht unbeantwortet akzeptiert, und (3) fordert Genugtuung.“ (81).
Folgende Entwicklungen sind daraufhin möglich: entweder der Akteur bekommt vom Störer Genugtuung. Dann ist damit symbolisch oder materiell die alte Ordnung erneut manifestiert. Oder das Einlenken des Störers wird vom Akteur, der seine Ordnung verteidigt, als unzureichend gewertet. Es ist im Erleben desjenigen der sich beeinträchtigt sieht sozusagen die Negation Nr. 3. Deshalb muss er nun deutlichere Signale setzen, und das funtioniert am eingängigsten mit Drohungen.

Das geht anschließend, wenn der Störer noch immer nicht einzulenken gedenkt, laufend hin und her. Die eine oder die andere Partei kann bei jedem Schritt einlenken, nachgeben, die Sache fallenlassen, aus den Augen verlieren, alternative Lösungen anbieten, oder eben die Auseinandersetzung weiter treiben. Letzteres führt oft zur Konflikt-Eskalation.

Eskalation (die von beobachtenden Dritten ja oft mit Entsetzen und vor allem mit Unverständnis verfolgt wird) hat also ganz wertfrei betrachtet den Zweck, die durch Rituale sichtbar gemachte Ordnung (inklusive der darin festgelegten Platzanweisungen und Rangordnungen für die Konfliktparteien) durch Zwangsmittel herzustellen bzw. wiederherzustellen. Dabei spielen Droh- und Machtgebärden und Unterwerfungsgesten eine ebenso entscheidende Rolle wie diverse Zeichen der Berücksichtigung oder Infragestellung von sozialem Status, Achtung und Ehre, und gedankliche Szenarien über künftige Grenzen und Freiheiten des eigenen und fremden Verhaltens, je nach dem, was als Ordnung etabliert werden würde. Dass man selbst die Eskalation nicht stoppen kann, wird so argumentiert: wenn ich jetzt klein beigebe, dann muss ich danach erst recht weiter nachgeben; der andere nimmt mich dann schon gar nicht mehr ernst.

Dem Leser werden generelle Aspekte von Konflikten und deren Wechselwirkungen sehr bewusst gemacht dadurch, dass Fritz Simon hier innerpsychische Konflikte gleichermaßen wie soziale Konflikte behandelt, und erstere sogar voranstellt. Erst damit wird die tragende Rolle, die die menschliche Existenz als solche für Konflikte aller Art hat, deutlich - und zwar auch jenseits des im Alltag oft geäußerten Vergleichs zum Kindergarten.

Bei sozialen Konflikten ist zwischen den Parteien keine gemeinsame Entscheidung möglich (sobald eine solche gefunden wird, ist der Konflikt vorbei). Bei innerpsychischen Konflikten ist es das Individuum selbst, das sich nicht zwischen zwei (Handlungs-) Alternativen zu entscheiden in der Lage sieht. Soziale Konflikte unterscheiden sich also von den innerpsychischen dadurch, dass sie arbeitsteilig sind, oder sogar durch Arbeitsteilung hervorgerufen werden können: "Während ein Individuum widersprüchliche Handlungsanforderungen, mit denen es konfrontiert ist, als Hin- und Hergerissensein erlebt, zeigen sich analoge innere Konflikte in der Kommunikation von Organisationen. Es kommt aber nicht zu psychischen Konflikten, sondern zum sozialen Konflikt zwischen den Untereinheiten, die den widersprüchlichen Zielen verpflichtet sind (Produktion vs. Entwicklung, Verkauf vs. Produktion etc.) bzw. deren Repräsentanten." (79)

Wir alle werden es also nach dem Kindergartenalter nicht los. Denn Konflikte entstehen, weil der Mensch immerwährend in Widersprüchen ist: im Dilemma zwischen eigenen Bedürfnissen und sozialen Erwartungen/ Sanktionen, zwischen eigenem Fühlen und eigenem Denken, und häufig auch noch zwischen dem, was er selbst so alles denkt.

Es ist der eigentliche Wert des Buchs, dass Simon diesen Aspekt der Unmöglichkeit von Ambivalenzfreiheit des Menschen so klar herausgearbeitet hat. Denn wenn man sich damit versöhnt, sieht man Konflikte anders als im Schuldkontext. Irgendwie muss sich jeder Mensch ständig durch all das Widersprüchliche und Paradoxe, das ihn konfrontiert, durchmanövrieren. Immer wieder muss er sich entscheiden. Wie immer er ein Dilemma handhabt und welche Kompromisse er findet - stets wird er erleben, dass nichts ohne Rest aufgeht; jede Lösung ist mit einer Kehrseite verbunden. Das Erkennen der Kehrseite kann es zuweilen sehr schwer machen, sich für das eine zu entscheiden und anderes loszulassen, oder sich im sozialen Bereich gemeinsam zu einer Entscheidung durchzuringen, die von einem selbst auch Kompromisse erfordert – und schon ist man im Konflikt.

Die Tiefe der Auseinandersetzung mit dem Thema Konflikt als solche macht das Buch sehr brauchbar, auch wenn es nicht unmittelbar pragmatisch und lösungsorientiert geschrieben ist. Denn wer sich mit Konfliktlösung befasst, stößt ja immer wieder auf hartnäckig vertretene Sichtweisen, dass es nur der schlechte Charakter, der willkürliche Machtanspruch oder die Historie der ein oder anderen Konfliktpartei, oder eine von übergeordneter Stelle für beide inszenierte Intrige sei, weshalb ein Konflikt entstanden sei oder aufrecht erhalten werde.
Und eine solche Sichtweise ist eine ganz schlechte Ausgangslage für Konfliktlösungen. Wir alle wissen wie es dann typischerweise ausgeht. Wo aber Menschen beginnen, sich auf komplexere, vielschichtigere Theorien (wie der im Buch erörterten) einzulassen, gelingt es ihnen vielleicht, sich von der emotional eingeengten, dramatisch inszenierten Sicht auf Konflikte zu distanzieren und somit den Blick zu öffnen für Lösungsmuster, die nicht die "Vernichtung des Gegners zum Preis der Selbstvernichtung" in ihrer Logik haben (89).

Wie weit die Beschäftigung mit einer so umfassenden Theorie helfen kann, psychische Konflikte besser zu bewältigen, können wohl Therapeuten am besten einschätzen.

(MWonline zur Verfügung gestellt von Simone Mones)

(Simone Mones 26.01.2011)

Diese Buchbesprechung ...
lässt keine Wünsche offen 
ist interessant, könnte aber ausführlicher sein 
ist wenig aussagekräftig 
wird dem Buch nicht gerecht 

 

Andere Leser haben diese Rezension so beurteilt:
BewertungAnzahl
lässt keine Wünsche offen

Buchbesprechung versenden  Diese Buchbesprechung per e-mail versenden
  Diese Seite als PDF öffnen und optimal drucken oder versenden

Weitere Buchbesprechungen dieses Rezensenten:

Dietrich von der Oelsnitz Einführung in die systemische Personalführung
Etzel, Stefan / Etzel, Anja Managementdiagnostik in der Praxis, Band II
Festing, Marion / Dowling, Peter J. / Weber, Wolfgang / Engle, Allen D. Internationales Personalmanagement
Fürweger, Wolfgang Die Red-Bull-Story
Jordan, Ulrich / Külpp, Birgit/ Bruckschen, Ines Das erfolgreiche Einstellungs-Interview
Köhler, Hans-Uwe L. Das 7. Gesetz
Namokel, Herbert / Rösner, Dieter Change Management Lexikon
Ritschl, Karsten Integrale Erwachsenenbildung
Schmidt, Gunther DVD: Burnout-Kompetenz
Schwarz, Gerhard Führen mit Humor
Vössing, Heidrun Die Kraft innerer Bilder