|
| Themenliste Literatur |
 |
Führung |
Führungskräfte haben es nicht leicht, sie sitzen immer zwischen den Stühlen. Da ist guter Rat teuer - und in diesen Büchern zu finden. |
Ein Dauerbrenner, in der Managementliteratur wie im Leben: Führung. Selbstführung, Mitarbeiter/innenführung. Rolf Arnold legt uns eine weitere Variante vor. Was ist das Neue daran? Neu ist zunächst die Form, die der Autor, Professor für Pädagogik an der TU Kaiserlautern, gewählt hat. Statt eines strukturierten Sachbuchs ist das Buch als "Fachbriefwechsel" aufgebaut. In zehn Briefen tauschen sich eine Führungskraft, Bernhard, und sein früherer akademischer Lehrer Karl über Fragen der Selbstentwicklung und guter Führung aus.
Ausgangspunkt ist ein Hilferuf von Bernhard, der sich in einer Lebenskrise - massive Führungskonflikte, Burn-out-Tendenzen, drohende Scheidung - an Karl wendet. Entlang der zehn Briefe arbeitet Bernhard auf Anregung seines früheren Lehrers mit sich selbst. Er probiert unterschiedliche Methoden aus, macht neue Erfahrungen mit sich, hat Einsichten und verändert dabei wesentlich seine Selbstwahrnehmung und -erkenntnis sowie sein Führungsverständnis.
Ausgelöst durch die Krise des Briefeschreibers startet das Buch mit der grundsätzlichen Frage des Lebens: Nach dem Sinn von Anstrengung und Verantwortung im Angesicht menschlicher Sterblichkeit. Der Lehrer Karl antwortet nicht nur mit Trost und Ermutigung, sondern analytischen und - das jedenfalls ist das Versprechen - transformierenden bzw. neu-konstruierenden Coaching-Werkzeugen. Wie können - der schwierige Part - selbst erzeugte Verhaltensmuster zunächst erkannt und - auch mühsam, aber mit Selbstdisziplin und innerem Willen möglich - verändert werden? Karl beschreibt in seinen Briefen die Werkzeuge, die von Bernhard ausprobiert werden. Er kommentiert seine Erfahrungen bzw. schlägt daraufhin selbst Selbstveränderungstools vor.
Das Interessante an dem Buch ist nicht nur die Form des Briefwechsels, die durch die Bezogenheit auf einen, wenn auch fiktiven, konkreten Menschen die Lektüre persönlicher macht, es ist auch die Erkenntnistiefe, die das Buch auf nur 103 Seiten Texts bietet. Versprochen wird nicht eine, "die" Lösung (Führen mit Zielen, situatives Führen, personenbezogenes Führen, "limbisches" Führen, Führung durch Minutenmanagement oder in "10 Schritten zur erfolgreichen Führungskraft"), im Vordergrund steht vielmehr der Prozess der Selbsterkenntnis hin zur Selbst- und Mitarbeiter/innenführung. Wirkliche Führungsfähigkeit erlangt nur, so Arnold, wer über die (Er-)Kenntnis und Veränderung der eigenen Emotionen, des Umgangs mit Macht und der Überwindung narzisstischer Strukturen zu einem Verankertsein in einem über sich selbst hinausreichenden Referenzpunkt gelangt.
Der Autor bietet einen regelrechten Rundumschlag der Selbstveränderung. Er beginnt mit der "Selbstarchäologie als Ich-Arbeit". "Ich-Zustände" seien, selbst bei Bernhards subjektiver Leidenshöhe, letztlich banal. Mit Übungen zur Selbstwahrnehmung entlarvt Bernhard die Muster der eignen Wirklichkeitsinszenierungen. Seine Selbsterkenntnisse ermöglichen ihm, seine Führungskommunikation zu verändern und seine Gesprächspartner/innen zu erreichen. Während des Veränderungsprozesses geht es im weiteren Prozess um Ablösen und Loslassen, die Erfahrung der eigenen handlungsmotivierenden Emotionen, um die Entdeckung der Bedingtheit von Macht, ihre Illusion und die Erfahrung von Führung als (systemische) Aufgabe jenseits persönlicher Befriedigungssehnsucht.
Die Selbstveränderungswerkzeuge werden sowohl in den Briefen beschrieben als auch in einem "Coaching ABC" von A bis X im Anhang des Buches auf fast 50 Seiten ausführlich dargestellt. Die Werkzeuge sind eine Tour d'Horizon durch die Praxis der neueren Veränderungswerkzeuge. Es finden sich schriftliche Selbstbefragungen genauso wie "Schreibtischaufstellungen", Beobachtungsaufgaben, Anleitungen für Workshop-Moderationen zum Thema Führung, Strukturhilfen für Kommunikation mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, Anleitungen zur Reflexion der eigenen Biographie. Ziel ist eine bewusste, durchgearbeitete Führung von sich und anderen, die die Gesamtverantwortung als Führungskraft erkennt und wahrnimmt.
Das Buch ist keine leichtgängige Lektüre: Die Briefform gibt dem Inhalt zwar im Gegensatz zum reinen Lehr- und Methodenbuch eine gewisse Spannung und Lebendigkeit. Allerdings ist der Autor seinem Stil nicht durchgängig treu: Die Briefeschreiber lassen sich immer wieder zu lehrbuchhaften methodischen Ausführungen hinreißen und manch eine Passage wirkt akademisch. Da scheint ab und an der Professor im Autor hindurch. Dies ist es jedoch nicht allein, was die Lektüre herausfordernd macht: Es ist die Dichte des Themas, die Konzentration und ein "Mitdenken-Wollen" erfordert. Der Autor speist sich aus zahlreichen mehrschichtigen Quellen, von antiken und spirituellen Klassikern bis zu den neueren Erkenntnissen der Neurobiologie (Zitiert werden u.a. Peter Senge, Vivekananda, Marc Aurel, Virginia Satir, Sogyal Rinpoche).
Das Buch ist eine lohnende Lektüre: Es bietet viele methodische Einsichten und praktische Anwendungen als Anregung für den erfahrenen Coach und die erfahrene Managementberaterin. Meines Erachtens lohnt sich die Lektüre für alle, die bereits ausreichendes Hintergrundwissen über therapeutische Prozesse, menschliche Veränderungsprozesse und Coaching haben bzw. mit Menschen arbeiten.
Für den Titel des Buches würde man sich einen passenderen wünschen. "Führen mit Gefühl" führt in die Irre, denn es geht um Selbstwahrnehmung und -erkenntnis. Gefühle liegen dem - auch - zugrunde, sind aber nicht die einzige Leitlinie für das im Buch verfochtene Führungsleitbild. Der Untertitel "Eine Anleitung zum Selbstcoaching" ist ein überforderndes Versprechen: Die Vorstellung, dass eine Führungskraft am Rande des Zusammenbruchs aufgrund der Anregungen der Briefeschreiber sich ähnlich wie Bernhard ohne persönliche Hilfe am Schopf aus dem Sumpf zieht, ist nicht glaubwürdig. Die Dichte des Selbstprozesses, der beschrieben wird und das Vorverständnis, das für viele Übungen erforderlich ist, überfordern m.E. den Suchenden. Darauf, und auch auf den Umstand, dass sich Verändern und Führen nur im Erleben erfahren lässt, weist auch Karl im Briefwechsel mit Bernhard hin. Führungskräfte, die sich ohne drohendes Burn-out und Verzweiflung auf der Suche nach einem anderen Führungsstil und persönlicher Weiterentwicklung befinden, keine schnellen Lösungen erwarten und aus ihren "Wogen gewohnheitsmäßiger Geschäftigkeit" (Zitat Arnold) aufzutauchen vermögen, werden sich durch das Buch inspirieren lassen können.
Man wünscht dem Buch viele Leser. Führung sähe sicher anders aus, wenn sich mehr Führungskräfte auf die Anregungen von Arnold zur Selbsterkundung einließen.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dr. Gudrun Henne )
|
(gudrun.henne 30.11.2011) |
|