Rezension:
Schon der Titel weckte Neugier und Fantasie: "Fotografie im Coaching". Das war für mich als Coach und Rezensent ein ganz neues Thema, von dem ich bis dato nichts gehört hatte. Um so spannender war es, in das Buch, das mit 168 Seiten und einem geräumigen Format angenehm zu bewältigen scheint, einzutauchen. Was ebenfalls sofort ins Auge fällt, sind die schwarz-weißen Portraitaufnahmen, die bereits eine interessante Bandbreite ganz unterschiedlicher Eindrücke der fotografierten Personen vermittelt.
Schon die Einführung lässt erkennen, wie vielfältig der Einsatz von Fotographie sein kann und in wie vielen Bereichen diese Methode einsetzbar ist. Das Versprechen der Autorin, praxisnah zu sein erfüllt sie vollauf. Bevor der Leser in das erste Kapitel einsteigt, begegnen ihm auf vier Doppelseiten insgesamt 36 Portraitaufnahmen eines Mannes in unterschiedlichsten Haltungen, Gesichtsausdrücken und aus unterschiedlichsten Perspektiven. Wer sich auf die Serie einlässt, entdeckt eine Fülle unterschiedlicher Facetten und man ahnt, was Photoprofiling - so nennt die Autorin ihre Methode - alles sichtbar machen kann.
Das erste Kapitel beginnt mit der ganz persönlichen Entwicklungsgeschichte der Methode und ihrer Erfinderin. Es folgt ein gut lesbarer und umfassender, aber hinreichend kompakter Einstieg ins Coaching und begleitende Themen wie Persönlichkeitstheorien, Psychologie, Wahrnehmung und Lernen. Auch gibt die Autorin einen Einblick in ihr Verständnis systemischen Arbeitens im Coaching, ergänzt durch erste Fallbeispiele. In einem weiteren Unterkapitel erhalten wir einen Überblick über den Einsatz von Fotografie im Coaching und wie Menschen durch den Einsatz des Mediums zu Selbsterkenntnis und zu innerem Wachstum gelangen können.
Im zweiten Teil entfaltet die Autorin ihre Vorgehensweise von der Auftragsklärung, über die Persönlichkeitsanalyse, den Einsatz von Photoprofiling bis zur Entwicklung konkreter Schritte und ihrer Umsetzung. Außerdem schildert sie den Einsatz der Methode bei verschiedenen Coachingthemen wie Führung, Lebensbalance oder Selbstpräsentation. Die Darstellung der Vorgehensweise wird mit Fallbeispielen illustriert.
Im dritten Teil bietet die Autorin eine Fülle konkreter Tools an, die sie im Coaching einsetzt. Dabei finden sich Checklisten, Fragekataloge und Fragebögen. Jedes Tool wird übersichtlich und praxisnah, sehr gut strukturiert erläutert und in seiner Anwendung beschrieben, häufig durch Fallbeschreibungen ergänzt. Hier entfaltet sich eine unerwartet große Fülle vielseitiger Tools, von denen Coachs in ihrer Arbeit umfassend profitieren können.
Besonders interessant sind die vielfältigen Spiegelübungen, die die Autorin anbietet. Richtiger- und wichtigerweise weist sie im Vorfeld und bei jeder der beschriebenen Übungen darauf hin, dass einige davon gute psychologische Vorkenntnisse erfordern, denn die Arbeit mit einem Spiegel kann unerwartet heftige Reaktionen hervorrufen. Die Konfrontation mit dem eigenen Spiegelbild kann tiefliegende Persönlichkeitsaspekte hervorrufen, die nicht selten mit massiven Ängsten oder Gefühlen von Unzulänglichkeit u.a. verbunden sind. Das sollten ganz sicher nur solche Coachs anwenden, die in der Lage sind, solche Reaktionen auffangen und weiterbearbeiten zu können. Hier wird die Grenze zum therapeutischen Arbeiten zumindest gestreift, wenn nicht sogar überschritten. Ein Nachwort und eine überschaubare Literaturliste schließen das Buch ab.
Das Buch ist insgesamt sehr gut lesbar, sehr übersichtlich strukturiert, gut gesetzt und in seiner Sprache verständlich und klar. Immer wieder entfalten Fotostrecken ihre intensive Wirkung auf den Betrachter und machen so deutlich, wie spannend es sein kann, Menschen zu fotografieren.
Ein insgesamt äußerst lehrreiches und an Tools reiches Buch, das dem interessierten Fachmann (Coach) etliche Anregungen liefert, die eigenen Arbeit mit dem Medium Fotografie auch dann anzureichern, wenn man selbst als Coach oder Berater nicht auch ein ausgebildeter Fotograf ist. Faszinierend die Fülle der Portraitaufnahmen, die unmittelbar verständlich machen, wie facettenreich Menschen sein können.
Für wen ist das Buch geeignet:
Für Coachs (und Therapeuten), die sich mit dem Medium Fotografie gut verbinden können und die Methode in ihre Arbeit integrieren wollen. Sie ist aus meiner Sicht auch als Ergänzung zu sonstigen Tools sehr gut nutzbar.
Sicher ist das Buch (und die Methode) nichts für Einsteiger und aus meiner Sicht auch sehr eingeschränkt zum Selbstcoaching geeignet. Das liegt vor allem an der hohen und teilweise vorher nicht einschätzbaren Wirkweise der Fotografien. Sie können intensive, tiefliegende Emotionen in Bewegung setzen, bei denen eine fachlich versierte Begleitung höchst sinnvoll wäre.
Insgesamt also für fachlich erfahrene Coachs und Therapeuten ein hochinteressantes Buch und das Angebot, den eigenen Werkzeugkasten um ein faszinierendes Medium zu ergänzen.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dorothe Fritzsche)
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