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Auch Manager haben hin und wieder Zeit, Romane zu lesen. Unterhaltsames aus der Welt des Managements. |
Bei einem Streifzug durch die Abteilung Managementliteratur eines Buchladens hat der Titel mein Interesse geweckt. Eine Passage in der Einleitung gab den Ausschlag für den Kauf: „My rules while writing this book have been to avoid discussing (a) anything that I did not either personally witness on the topic or develop independently and (b) anything that I have not distilled well enough to be able to write on the subject with the slightest effort. Everything that remotely felt like work was out.” (In der deutschen Fassung: „Beim Verfassen dieses Buches gab ich mir folgende Regeln vor: Erstens wollte ich vermeiden, zu diesem Thema irgendetwas zu schreiben, das ich nicht entweder aus eigener Anschauung kannte oder selbst abgeleitet hatte, und zweitens wollte ich mich von allen Theorien fernhalten, die ich selbst nicht gut genug verarbeitet hatte um ohne die geringste Mühe über das betreffende Thema schreiben zu können. Alles, was sich auch nur im Entferntesten wie Arbeit anfühlte, war tabu.“) Das war doch mal ein Versprechen.
Das Buch handelt vom Umgang mit Wahrscheinlichkeiten, der Rolle, die der Zufall oder Glück spielen und der begrenzten menschlichen Fähigkeit, in komplexen Strukturen Ursache, Wirkung und Zufall auseinander zu halten. Der Autor ist nach eigenen Angaben ein „mathematisch orientierter Börsenhändler“. Das alleine schon erklärt sein Interesse an statistischen Wahrscheinlichkeiten und theoretischen Lösungen des Problems, wie man sich unter Unsicherheit entscheiden sollte. Talebs Interesse geht jedoch weit über Börsen und Mathematik hinaus. Es ist der Versuch, unsere intuitive Wahrnehmung, mathematische und naturwissenschaftliche Modelle sowie philosophische Fragen unter einen Hut zu bringen und Erkenntnisse für die Wirtschaft, Entscheidungsfindung im Unternehmen und die private Lebensplanung daraus abzuleiten. Kein so ganz einfaches Thema. Aber eins, das der Autor mit einer Neigung zum Understatement und der Fähigkeit angeht, komplexe Sachverhalte so zu beschreiben, dass ein Nichtmathematiker und Nicht-Börsenfachmensch der Sache folgen kann und sich dabei noch blendend amüsiert.
Am besten wird die zentrale These Talebs von der „Survivorship Bias“, der blinden Ausrichtung der Beurteilung am Erfolg, an einem (natürlich rein theoretischen) Gedankenspiel deutlich:
Nehmen wir mal an, wir möchten den Erfolg von Managern beurteilen. Wir starten mit einer Referenzgruppe von 10.000, die wir, um das Gedankenspiel zu vereinfachen, aller positiven oder negativen Eigenschaften beraubt haben. Nach der blanken Wahrscheinlichkeit produzieren im ersten Jahr 50 % positive, 50 % negative Ergebnisse. Die „Versager“ eliminieren wir. Bleiben 5000, nach einem weiteren Jahr 2500, nach 5 Jahren 313 übrig, die kontinuierlich positive Ergebnisse präsentiert haben und auf den Titelseiten von Managementzeitschriften als Musterexemplare präsentiert werden. Die müssen doch einfach gut sein! Mag sein, oder auch nicht. Unsere intuitive Erkenntnis spielt uns einen Streich. Die „Survivorship Bias“, unsere Tendenz, den Erfolgreichen bedingungslos für den zu halten, der den Erfolg wegen seiner besonderen Qualitäten verdient, legt unser logisches Denken lahm. Die Denkfalle ist die Größe der Ausgangsgruppe. Wären wir mit einer Vergleichsgruppe von 10 gestartet, hätten die verbliebenen Erfolgreichen unseren Respekt und unsere Aufmerksamkeit verdient; bei der Ausgangsgruppe von 10.000 beweist der „Erfolg“ nichts. Ähnlichkeiten mit Dingen, die sich zur Zeit des Booms Ende der 90’er im Kult um Börsengurus und am Neuen Markt abgespielt haben, sind natürlich rein zufällig. Sie werden aber vom Autor billigend in Kauf genommen.
Eine weitere wichtige Rolle in den Überlegungen spielt die Unterscheidung zwischen Information und bloßem „Rauschen“, dem nichts sagenden Bestandteil der Fülle von Nachrichten und Meinungen, die auf uns niederprasseln. Viele Kommentatoren und Interpreten erheben zwar den Anspruch, etwas zum Verständnis beizutragen. Tatsächlich leiten sie nur aus zufällig entstandenen Mustern und scheinbaren Zusammenhängen genau so zufällige Schlussfolgerungen ab. Wenn ein Unternehmen irgendeine beliebige neue Managementmethode einführt oder einen neuen CEO einstellt und sich danach die Ergebnisse verbessern, kann dies etwas miteinander zu tun haben. Die bloße Korrelation sollte jedoch nicht mit dem Beweis eines Zusammenhangs verwechselt werden.
Die Bandbreite der Betrachtungen reicht von Solon (so’n alter Grieche) über Popper, Hegel und die Evolutionsbiologie bis zu der Beobachtung einiger Charaktere der Neuzeit wie George Soros und diversen Mathematikern und Philosophen, die sich mit den Feinheiten der Wahrscheinlichkeitstheorie rumschlagen. Nur weil etwas neu ist, muss es nicht besser sein. Deshalb ist das Buch gleichzeitig ein Streifzug durch Literatur und Geschichte. Journalisten sind Talebs Lieblingsfeinde, neigen sie doch auf Grund ihres Berufs dazu, ständig durch Selektion „Nachrichten“ zu produzieren, wo skeptische Zurückhaltung der vernünftigere Weg gewesen wäre. Aber davon kann man halt nicht leben. Auch einige Interpretationen, Analysen und Lösungsvorschläge von Politikern und sonstigen Interessenvertretern könnten noch mal auf ihre Stichhaltigkeit und tiefere Logik überprüft werden, wenn man denn bereit ist, den Überlegungen des Buchs zu folgen. Der Autor bleibt seinem am Anfang zitierten Vorsatz treu und konzentriert sich auf Gesichtspunkte, zu denen er selbst etwas zu sagen hat. Er kommt immer wieder auf das Thema Börse zurück. Deshalb wird’s nicht langweilig, im Gegenteil. Insgesamt gibt es mehr Fragen als Antworten. Das spricht aus meiner Sicht für das Buch. An Gurus herrscht kein Mangel.
Taleb schreibt in einem präzisen, unkomplizierten und sehr plastischen Stil. Mir fiel zuerst das englische Original in die Hände. Das unübertreffliche Zitat eines Baseballcoaches zum Thema Wechselfälle des Lebens: „it ain’t over until the fat lady sings“ fand ich zu meiner Verblüffung in der deutschen Fassung chemisch gereinigt mit „s’is erst zu Ende, wenn’s ganz vorbei ist“ übersetzt. Es gibt Übersetzungen, die sind besser als das Original. Diese nicht. Wenn’s geht und Ihnen Sprache etwas bedeutet, lesen Sie das Original: „Fooled by Randomness“.
Welche Fassung auch immer sie lesen: Sie finden viele erfrischend unkonventionelle Gedanken zum Thema Erkenntnisfähigkeit und deren Tücken und Fallstricke. Das ist die Investition allemal wert. Falls Sie außerdem ab und zu über den Kauf von Wertpapieren nachdenken, könnte die Lektüre Sie vor einigen teuren Fehlentscheidungen bewahren.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Charlotte Venema) |
(venema 28.08.2003) |
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