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Führung |
Führungskräfte haben es nicht leicht, sie sitzen immer zwischen den Stühlen. Da ist guter Rat teuer - und in diesen Büchern zu finden. |
„Spannungsfeld“ steht zurecht im Titel des Buches und verweist somit auf ein breites Spektrum unterschiedlicher Themen und Meinungen. Es geht um grundsätzliche Fragen zur Führung, Führung im Krankenhaus, in Kirche, Diakonie und Caritas, um die Reform des Gesundheitswesens, um Sozial- und Pflegemanagement. Die insgesamt 16 Beiträge stammen aus der Feder namhafter Wissenschaftler und Praktiker und zugleich Teilnehmer eines Symposiums zu Fragen der Führung in Kirche und freier Wohlfahrt. Einig sind sich die Teilnehmer hinsichtlich der Beurteilung des Umfeldes. Die Sprache ist deutlich: dramatische Umbrüche, Identitätskrise, Paradoxien (S. 100). Gemeinden, Krankenhäuser, Caritas und Diakonie suchen nach einem (neuen?) Leitbild. „Die Kirchen werden ... gezwungen, etwas zu unternehmen. Vor ihnen steht die Reformation als Unternehmen.“ (191). Überspitzt kann es für Institutionen heißen, entweder nichts tun und so unterzugehen oder alte Denkschemata verlassen und nach neuen Ufern aufzubrechen. Dieser Wandlungsprozess stellt dann hohe Anforderungen an die Leitenden, wenn die aktuelle Instabilität als Chance für den Wandel aufgefasst und genutzt werden soll (17).
Und hier beginnt das Dilemma in der Dienstgemeinschaft, wie sie in kirchlichen und sozialen Einrichtungen üblich ist (55). Es stellt sich nicht nur die Frage ob, sondern auch wie in diesem Umfeld ein Wandel zu initiieren und zu begleiten ist. Können Organisationen im sozialen Umfeld von Unternehmen, die am Markt tätig sind, lernen? Was kann man von Führungskräften der Wirtschaft übernehmen? Kann man überhaupt etwas übernehmen? Ist Führung überhaupt akzeptabel?
Lesenswert sind u.a. die Beiträge von Alfred Jäger und Manfred Kock, deren Ansichten zur Rolle der Theologen, deren Denkweise und Ansichten zur Führung. Beide sind der Meinung, dass ein hoher Anspruch an die Führung in kirchlicher Verantwortung gestellt werden muss. „Leiten heißt Leben ermöglichen“ (59 f.). Das erfordert, dass persönliche Kompetenz intensiv gefördert wird (64).
Hervorzuheben auch die Beiträge von Hejo Manderscheid über die Kunst, soziale Organisationen zu führen, sowie Andreas Heller über Leitungs- und Organisationskompetenz in Kirchen, Caritas und Diakonie. Beide Autoren arbeiten sehr gut die Unterschiede zwischen sozial orientierten Unternehmen und Marktunternehmen heraus und was es für die Führung bedeutet. Angesichts „nicht kompatibler Systemumwelten“ wirkten die Führungsetagen eher wie gelähmt (100). Das gelte auch für die Kirchen, in denen Nicht-Entscheidung „eine der lähmendsten Dimensionen“ sei (192). Da sich noch zahlreiche Organisationen in der Entwicklung von Leit- (Leid-?)bildern befinden, sei besonders über die Beispiele für Modernisierungsstrategien und die Erfordernisse für das Umdenken bei Manderscheid verwiesen (105 ff.). Die zentrale Frage ist, ob „soziale Unternehmen“ (NB: der Rezensent hält diesen Begriff für unglücklich, da Marktunternehmen nicht als unsozial bezeichnet werden können) von Marktunternehmen lernen können?
Wenn es in den Beiträgen um Führung geht, sind sich die Autoren/Referenten einig: Führung soll bewegen, fördern, fordern, kommunizieren, reflektieren, Menschen einbeziehen, gestalten, verknüpfen und verbinden. Das sollte Führungskräfte in Sozialunternehmen und der Kirche nicht von ihren Kollegen in der Wirtschaft unterscheiden. In diesen Rahmen gehören auch moderne Methoden und Steuerungsinstrumente (vgl. den Beitrag von Jürgen Weber). Gebraucht wird der Generalist. Autorität gehört in das Modell des Patriarchats (39). Einig ist man sich auch darüber, dass es überall einen erheblichen Nachholbedarf gibt.
Schwierig wird es dort, wo Führung in den Geruch von Macht, hierarchischem Denken und Handeln kommt – das „Amt“ als „Einfallstor ... für einen längst überwunden geglaubten patriarchalen Führungsstil“ (Barbara Rose, 213). Da müssen Max Weber oder Hannah Arendt herhalten, um den Begriff der Macht positiv besetzen zu können. Hier bedarf es immer wieder der Richtigstellung der Begriffsinhalte, vor allem wenn es um berufsethische Belange geht, um Dienst und Beistand für den Menschen. Macht hat dann dienenden Charakter, wenn sie richtig eingesetzt wird (58).
Titel des Buches und die theologische Herkunft der meisten Referenten lassen ein Sammelwerk vermuten, das sich hauptsächlich mit der Führung im kirchlich-sozialen Sektor befaßt. Themen der Gesundheitspolitik und –reform oder der Führung von Krankenhäusern erscheinen dem Rezensenten trotz interessanter Ausführungen in diesem Zusammenhang am falschen Ort. Ebenso entspricht der Titel eines Beitrages bis auf das kurze Schlusswort nicht dem zu erwartenden Inhalt. Der Herausgeber wird seine Gründe haben, warum er sie dennoch aufgenommen hat. Das soll aber nicht den insgesamt positiven Eindruck dieses Bandes schmälern. Die gut 200 Seiten lassen sich leicht an zwei Abenden lesen, zumal einige Beiträge durchaus als „spannend“ und anregend zu bezeichnen sind.
Diese Zeit sollten sich verantwortungsvolle Führungskräfte in der Wirtschaft nehmen, die ihre Aufgabe ernsthaft betreiben, die selbstkritisch genug sind und die ständige Anregungen von „außen“, aus anderen Welten suchen. Was inspiriert mehr als ein „Weltenwechsel“? Dem Rezensenten ist es so ergangen. Empfohlen wird die Lektüre aber auch den in den sozialen Organisationen direkt betroffenen Dienstleistern. Sie werden ohnehin nicht vermeiden können, sich intensiv mit der Thematik auseinander zu setzen. Ihnen sei aber auch tröstend mit auf den Weg gegeben, dass ihre „Brüder und Schwestern“ in den Marktunternehmen in Führungsbelangen ebenfalls Nachholbedarf haben.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Jürgen Fischer, MWonline-Partner audit-consulting) |
(Fischer 14.12.2003) |
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