Die Autoren Tony Schwartz, ein Change-Management-Spezialist und Jim Loehr, ein Sport-Psychologe, führen ein Unternehmen, das unter anderem ein „High-Performance-Training“ anbietet. Grund genug für sie, auf 260 Seiten von ihrer Arbeit zu berichten – am Beispiel des „neuen“ und „alten“ Lebens von Roger W. und mit kürzeren Beschreibungen von 40 weiteren Klienten. Diese Darstellungen der Lebens- und Arbeitswelten typischer Führungskräfte in Unternehmen werden begleitet von allgemeinen Erkenntnissen über die Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Wohlbefinden und Leistung. Leider mit vielen Wiederholungen.
Schon beim ersten Aufblättern fallen Schwachpunkte auf: Die elf Kapitel werden lediglich mit Überschriften genannt und sind nicht weiter gegliedert. Es gibt keine Einleitung, nur eine Tabelle und zwei Abbildungen, was das schnelle Erschließen des Inhalts zusätzlich erschwert. Auf den zweiten Blick fallen die Kapitel vier bis sieben auf. Hier wird nacheinander von psychischer, emotionaler, mentaler und spirituelle Energie gesprochen – die vier Säulen des Buchs.
Kommen wir nun zu den einzelnen Kapiteln: Gleich im ersten versuchen die Autoren den Begriff Energie zu beschreiben. Hier wird gesprochen von investierter Energie, von der Quantität und Qualität der uns zur Verfügung stehenden Energie und dass der geschickte Umgang mit Energie uns vollen Einsatz ermöglicht. Anhand dieser kurzen Auszüge wird deutlich, dass die Autoren sehr viel Wert auf „Energie“ legen, ohne jedoch eine genauere Beschreibung oder Struktur zu liefern. Nur in einem kurzen Abschnitt werden Schwartz und Loehr etwas genauer, wenn sie davon schreiben, dass wir Energie durch schlechte Ernährungsgewohnheiten, ungenügende Erholung, durch eine negative Lebenseinstellung und der Unfähigkeit sich zu konzentrieren verschwenden. Wahrscheinlich gehen die Autoren mit ihrem Energie-Ansatz von der Definition des Begriffs Gesundheit aus, die einen Zustand des vollkommenen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens umfasst. Verschiedene Energien zu beschreiben ist zwar aus Sicht des Marketings für die Angebote von Schwartz und Loehr möglicherweise Erfolg versprechend, jedoch wäre für den Leser die Verwendung der gleichsinnigen Begriffe Gesundheit und Leistung verständlicher und praxisnäher.
Die Autoren berichten von ihrer Erfahrung mit der Betreuung von Profisportlern, insbesondere Tennisspielern. Daraus leiten sie ihre Prinzipien für die Betreuung von Führungskräften ab. So wird auf Seite 23 ein stimmiger Vergleich zwischen Profisportlern und Topmanagern gezogen: „Weil die Anforderungen an den „Sportler in Unternehmen“ eher noch größer sind und sich über längere Jahre erstrecken als diejenigen an den Spitzensportler, ist es umso wichtiger, dass er lernt systematisch zu trainieren.“
Im zweiten Kapitel wird das „alte“ Leben des Klienten Roger auf zwölf Seiten viel zu ausführlich beschrieben. Roger ist ein Paradebeispiel für alle anderen in diesem Buch beschriebenen 40 Führungskräfte. Roger ist übergewichtig, hat Bluthochdruck, einen auffälligen Cholesterinspiegel, er ernährt sich schlecht und treibt keinen Sport. Er nimmt häufiger Schlaftabletten, braucht Koffein, verbringt zu wenig Zeit mit seiner Frau und seinen Kindern und hat Konzentrationsstörungen im Job. „Als Roger uns besuchte, unterzogen wir ihn einer Reihe physischer Untersuchungen, mit denen wir ihn auf Herz und Kreislauf, Kraft, Flexibilität, Körperfettanteil und Blutindikatoren wie beispielsweise Cholesterinspiegel testeten.“ Unter bestimmten Voraussetzungen kann eine solche Untersuchung sinnvoll sein, allerdings ist diese die Aufgabe eines Arztes und weniger Thema für einen Change-Management-Spezialisten und einen Psychologen.
Kapitel drei: Es wird richtigerweise gesagt, dass eine Balance zwischen Stress und Erholung die entscheidende Voraussetzung für Spitzenleistungen ist. Um diesen einfachen Zusammenhang zu beschreiben, ver(sch)wenden die Autoren allerdings 26 Seiten. Kapitel vier behandelt die physische Energie. Es wird davon gesprochen, dass Kekse, Chips und dergleichen bei George D. gestrichen werden (übrigens nicht sinnvoll, um das Ernährungsverhalten zu verbessern) und Frank K. in ein 60-tägiges Trainingsprogramm einwilligt. Dieses sei, so die Autoren, das äußerste Limit dessen, was normalerweise erforderlich ist, um eine neue Gewohnheit einzuführen. Es scheint als müsse man nur zwei Monate durchhalten, und danach laufe alles wie von selbst. Dieses lässt sich jedoch mit gesundheitspsychologischen Erkenntnissen nicht belegen. Ansonst würden sicherlich wesentlich mehr Menschen ihren inneren Schweinehund langfristig erfolgreich überwinden.
Im fünften Kapitel erfährt der Leser etwas über emotionale Muskeln, aus denen sich Selbstvertrauen, Selbstkontrolle, soziale Kompetenzen und Einfühlungsvermögen speisen. Anders als im Kapitel zuvor sagen die Autoren hier, das Rückschläge integraler Bestandteil jedes Veränderungsprozesses sind und man häufig erst nach mehreren Anläufen erfolgreich ist. Diese richtige Darstellung von Verhaltensveränderungen steht allerdings im Widerspruch zu Franks 60-tägiges Trainingsprogramm und zeigt die teilweise unstrukturierte Arbeit von Schwartz und Loehr auf.
Die nächsten beiden Kapitel behandeln die mentale und spirituelle Energie. Hier werden bestimmte Bereiche und Themen mehrfach beschrieben (zum Beispiel voller Einsatz, Bequemlichkeitszone, Erholung). Auf Grund der so nicht klaren Abgrenzung und Definition stellt sich noch mal die Frage nach dem Sinn der verwendeten Energiebegrifflichkeiten. Ein vielleicht nicht ganz typischer, aber dennoch bemerkenswerter Satz eröffnet das Kapitel acht (S.180): „Eine Reihe von Prüfungen bringt uns an den Rand des Aufgebens, aber in einer letzten, höchsten Prüfung erlegen wir den Drachen – indem wir die Dunkelheit in uns besiegen, ungenutzte Energiequellen anzapfen und Bedeutung schaffen, wo zuvor keine existierte.“ Das erinnert schon etwas an die unseriösen Methoden sogenannter Motivationsgurus. Im weiteren Verlauf dieses Kapitels geht es um die Frage: Wer wollen Sie sein? Sinnorientierung sowie Werte und Tugenden werden ausgefüllt von wiederum mehreren Klienten-Beispielen.
Gut gemeint ist am Ende jeden Kapitels eine Zusammenfassung in Stichpunkten, wobei die einzelnen Formulierungen wiederum meist leere Worthülsen sind. Das bedeutet, ein alleiniges Lesen der Zusammenfassung bringt keinen Überblick über den Inhalt des Kapitels. Im neunten Kapitel wird die Frage gestellt: Wie gehen Sie mit Ihrer Energie um? Die Autoren schreiben zu Beginn, dass in den vorangegangenen Kapiteln erklärt wurde, voller Einsatz und optimale Leistung würden von der Fähigkeit abhängen, positive Energie zu erzeugen. Ausreichend verständlich ist allerdings nicht, wie man zu einem „Kraftwerk“ werden soll.
Insgesamt ist bis hierhin und auch im weiteren Verlaufe des Buches der Text zwar flüssig geschrieben und ganz nett zu lesen, aber auch etwas zäh. Die Ausführungen verlieren sich manchmal in einem Gemenge der verschiedenen Energien und beschriebenen Klienten. Am Ende des Buches wird in einem schönen Beispiel noch mal deutlich, dass die Autoren ein deutlich zu positives Bild ihrer Beratungs- und Behandlungsbeispiele aufzeigen. Weder Roger noch einer der anderen 40 Klienten haben irgendwelche Schwierigkeiten mit der Umsetzung von neuen Verhaltensweisen. Jede Veränderung klappt und bringt den gewünschten Erfolg.
Rituale sind hilfreich dabei, wenn Verhaltensveränderungen gewünscht sind, aber sie müssen einen Bezug zur Ausgangssituation haben und wirkungsvoll sein. Beides fehlt häufig, denn ernst gemeint kann fehlende Leidenschaft bei Roger nicht durch eine „Vorschau auf die Aktivitäten des Tages“ und „Einübung einer positiven Einstellung zu ihnen“ verändert werden. In dem Aktionsplan für Roger wurden noch vier weitere Leistungsbarrieren identifiziert: geringe Energie, Ungeduld, Negativität und Beziehungen ohne Tiefe. Typisch für dieses Buch, schreiben die beiden Autoren: „Nach sechs Monaten kam Roger zu uns zu einer Nachbesprechung. Von dem Augenblick an, als er zur Tür hereinkamen, war klar, dass er gewissermaßen ein anderer Mensch geworden war.“
Roger und die anderen Klienten sind ausschließlich positiv und zu idealistisch – vielleicht typisch amerikanisch – dargestellt. Gut wäre gewesen, auch mal einen kleinen Rückschritt mit anschließendem Weiterkommen aufzuzeigen. Das wäre für die Leser realistischer und auch nachvollziehbarer. Die Zusammenfassung im Anhang, aufgeführt in 25 einzelnen Punkten ist zwar grundsätzlich ganz gut, zeigt aber auch noch mal die inhaltlichen Schwächen des Buches auf: Unklare Begrifflichkeiten, viele Überschneidungen und Wiederholungen sowie keine klaren Strukturen.
Fazit: Dem Buch fehlt es leider an inhaltlicher Tiefe. Der Leser mag sich in den beschriebenen Klienten wieder finden, sicherlich hätten dazu aber weniger als 41 Beispiele ausgereicht. Die verwendeten Energiebegrifflichkeiten haben keinen praktischen Nutzen und verwirren eher. Der im Anhang aufgeführte persönliche Entwicklungsplan bietet einige brauchbare Aspekte, die vorgesehene Anwendung ist jedoch kaum Erfolg versprechend. Denn zum Beispiel Rogers neues Leben besteht jetzt aus 13 einzelnen Ritualen: Vom Frühstück zu Hause mit seiner Frau, alle 90 bis 120 Minuten essen und trinken, bei der Arbeit alle 90 Minuten Pause, zweimal wöchentlich das Büro um 17.30 Uhr verlassen und so weiter. Ein solches Vorhaben ist vollkommen illusorisch. Bekanntermaßen sind Verhaltensänderungen am besten durch eine persönliche Strategie zu erreichen, die von realistisch erreichbaren Nahzielen ausgeht. Roger wird also seinen unpraktikablen Plan, wenn er denn tatsächlich damit begonnen haben sollte, sehr wahrscheinlich nach kürzester Zeit abbrechen und dann frustriert zu ungünstigen Verhaltensweisen zurückkehren, die sich dann möglicherweise noch verstärken. Vielen Diäterfahrenen ist dieses Prinzip als Jojo-Effekt bekannt. Es bleibt die Hoffnung, dass das Buch mehr zu einer Sensibilisierung führt als das es als konkrete Anleitung dient. Denn für eine langfristige Verbesserung des eigenen Gesundheitsverhaltens gibt es erfolgreichere Wege.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dr. med. Dirk Lümkemann, Dirk Lümkemann ist Inhaber des Seminaranbieters für Gesundheitsmanagement padoc und Partner von MWonline, mailto:dirk.luemkemann@padoc.de)
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