"Die Kunst mit der Gans über den Weihnachtsbraten zu sprechen!? wäre der
Titel gewesen, den wir uns für dieses Buch gewünscht hätten. Mit diesem Titel
hätten wir auf den Punkt gebracht, worum es in diesem Buch letztlich geht:..."
Da haben die Autoren Recht, der erste Satz des Vorworts bringt es auf den
Punkt. Gänse schnattern und wenn man mit Gänsen sprechen will, geht das halt
nur, wenn man selber schnattert. Außerdem gibt es bereits seit 1997 eine
Broschüre der Hamburger Arbeitsgruppe Beratung und Training mit eben diesem Titel. "Wer lässt die Luft aus Habermas" ist der Titel eines glänzend
geschriebenen Textes von Wolf Schneider in seinem Buch "Deutsch für Kenner". Habermas könnte man problemlos mit den Namen der beiden Autoren austauschen und der Text würde immer noch passen.
Das Werk ist aufgegliedert in drei Teile: Teil 1 führt in
systemisch-konstruktivistisches Denken ein, Teil 2 überschreibt sich Coaching - mit System und im dritten Teil geht es um Coaching-Programme in der Praxis.
Die Zusammenfassung der Rezension für Leser mit wenig Zeit: Hätte man Teil 1
und Teil 2 weggelassen wär´s ein lesbares Buch geworden und ein paar Bäume
würden noch leben.
Im ersten theoretischen Teil schwanken Backhausen und Thommen zwischen
Banalität und hochtrabender Unverständlichkeit, dass einem schwindlig wird.
Schulz von Thuns "Miteinander reden" steht zwar im Literaturverzeichnis, seine
Beiträge zum Thema Verständlichkeit nicht und das merkt man.
Der Reihe nach: auf S. 26 erwähnen die Autoren einen ersten Teil, einen
zweiten Teil und vierten und letzten Teil, Teil 3 existiert anscheinend nicht
mehr. Auf der gleichen Seite dann folgender Satz: "Dazu gehört die ausführliche
Darstellung des Coachingprozesses sowie der dazu erforderlichen Instrumente
gegeben." Dazu passt auch auf S. 67: "Insgesamt gibt es 256 (=2 hoch 4)
unterschiedliche Möglichkeiten, vier Knöpfe mit vier Lampen zu verbinden." Da
schreit der gequälte Leser nach einem Lektor, oder wenigstens Korrekturleser, es
muss ja nicht gleich ein Mathematiker sein.
S. 30: "Lebende Systeme machen sich Bilder von Systemen, die sich Bilder
von Systemen machen. Eine besondere Dynamik entsteht, wenn die Komponenten
eines lebenden Systems lebende Systeme sind." Und eine normale Dynamik entsteht wenn die Komponenten eines lebenden Systems tote Systeme sind?
Dafür wird´s auf S. 37 wieder banal bis zum Anschlag mit einem kursiv
gedruckten Zitat aus der Nomen-Trilogie von Terry Pratchett: "Er hatte gedacht, es
sei schwer zu lernen, wie ein Lastwagen funktionierte, wie man ihn fuhr, wie
man Bücher las. Doch dabei handelte es sich nur um, nun - Aufgaben. Wenn man
sich lang genug Mühe gab, erzielte man irgendwann einen Erfolg. Daran
bestand kein Zweifel...."
Ein weiterer Produzent von Inhaltsfreiheit scheint es den Verfassern
ebenfalls angetan zu haben. Mitchell Waldrop wird des öfteren in extra abgesetzten Textblöcken zitiert. Zwei dieser Textblöcke reichen.
S. 40: "Wenn man einen Stein in die Luft wirft, beschreibt seine Bahn eine
Parabel. Er gehorcht den Gesetzen der Physik. Er kann nur auf eine Weise auf
die Kräfte, die von aussen auf ihn wirken, reagieren. Wenn man aber einen
Vogel in die Luft wirft, passiert etwas ganz anderes. Er fliegt davon....".
Allein schon diese revolutionäre Erkenntnis hätte den Nobelpreis verdient,
aber der nächste intellektuelle Höhenflug folgt auf Seite 41: "In mancher Hinsicht ist selbst die Wirtschaft ein lineares System, denn kleine ökonomische Faktoren können unabhängig voneinander wirken. Wenn sich jemand zum Beispiel am Kiosk eine Zeitung holt, hat das keinen Einfluss auf den Entschluss eines anderen, in der Drogerie Zahnpasta zu kaufen." Dann höre ich auf, mit meinem Versuch, durch den Kauf von Zeitungen den Umsatz der Zahnpastaproduzenten zu steigern. Meine Colgate-Aktien verkaufe ich auch.
Auf S. 57 wird Fritz B. Simon mit der Warnung zitiert, zwischen Speisekarte
und Speise zu unterscheiden. Danke Herrn Simon für die Aufklärung. Noch ein paar Zitate aus der Abteilung heiße Luft und Semmelbrösel: S. 69: "Der eigenständige Prozess der Umwelt lässt sich somit verstehen als
Ergebnis vieler vernetzter und unvorhersehbarer Aktionen komplexer lernender
Systeme in einer sich teilweise überlappenden relevanten Umwelt." S. 70: "Ob ein komplexes, sich selbst organisierendes System seine Autopoiese in einer bestimmten sich verändernden Umwelt aufrecht erhalten kann, hängt
davon ab, ob es seine autokatalytischen Prozesse in dieser Umwelt aufrecht
erhalten kann, oder ob der erforderliche Rückkopplungsprozess zusammenbricht."
Backhausen und Thommen schreiben, dass sich ihr Buch u.a. an all diejenigen
richtet, die Coaching in Anspruch nehmen, d.h. gecoacht werden möchten. Im
Ernst, tun sich die Kunden und potentiellen Kunden der Beiden das an? Lesen
die das wirklich? S. 70: "Nur die "heimlichen Spielregeln" (vgl. Scott-Morgan 1994) einer autokatalytischen Selbstorganisation verhindern den Zusammenbruch einer
komplexen Organisation". Gut zu wissen, dass ein Produktionsbetrieb auf die Anlieferung von Rohstoffen verzichten kann, heimliche Spielregeln braucht´s, dann brummt der Laden. Oder ist ein Produktionsunternehmen keine autokatalytische Selbstorganisation oder komplexe Organisation? Auf die naheliegende Frage, ob "unheimliche Spielregeln" den Zusammenbruch beschleunigen wird leider nicht eingegangen.
So geht´s munter weiter bis Seite 107, dort trifft das kursiv gedruckte
Zitat von Fritz B. Simon in´s Schwarze: "Zu beantworten bleibt noch die Frage,
wie es sich angesichts der Unmöglichkeit, Informationen zwischen operational
geschlossenen Systemen zu übertragen, erklären lässt, dass Kommunikation
zwischen Menschen gelingen kann. Denn es lässt sich nur schwer leugnen, dass es so aussieht, als ob es uns möglich wäre, uns gegenseitig Informationen zu
geben." Wieso schwer zu leugnen? Backhausen und Thommen beweisen locker die
Unmöglichkeit. Der Titel des Buches von Fritz B. Simon, aus dem obiger Satz stammt, lautet übrigens: Meine Psychose, mein Fahrrad und ich. Selbstverständlich wird auch auf den Schmetterlingseffekt eingegangen,
gehört ja irgendwie zum Systemischen dazu. Ich hätte doch gerne endlich mal einen empirischen Beleg für diese Behauptung. Wieviele Wirbelstürme wurden bisher in Europa von diesen gemeingefährlichen chinesischen Schmetterlingen
verursacht? Wenn dieser Nachweis zu schwer ist, dann bitte wenigstens eine Schätzung der Wahrscheinlichkeit. Soll man diese kleinen Terroristen mit einem
vorbeugenden Militärschlag vernichten? Schluss mit Teil 1, reicht auch, wer wirklich
mehr davon braucht soll sich das Buch kaufen.
Teil 2 nennt sich Coaching mit System und das erste Kapitel steht unter der
Überschrift "Der Coachingprozess". Warum eigentlich Coachingprozess? Ist
Coaching alleine kein Prozess? Wenn Coaching doch ein Prozess ist, was ist dann
ein Coachingprozess? Ein Prozessprozess? Und ich dachte diese Mode, überall
wo es passt oder nicht passt ein "-prozess" dranzuhängen wurde abgelöst durch
das Suffix "system". "Prozesssystem", "Systemprozess", "Systemsystem" und
"Prozessprozess" wird es sicher schon irgendwo geben.
Kurz gesagt, den Inhalt von Teil 2, gibt´s bereits in anderen Büchern, dort
verständlicher geschrieben und besser strukturiert, z.B. Vogelauer, W.:
Methoden-ABC im Coaching und Fischer-Epe, M.: Coaching: Miteinander Ziele
erreichen.
Im dritten Teil schreiben dann nicht mehr Backhausen und Thommen, sondern
unterschiedliche Autorinnen und Autoren. Hier geht´s auch endlich in die
Praxis und es wird verständlich und spannend: Einführung, Konzepte, Erfahrungen,
Schwierigkeiten und Evaluation von Coaching in fünf unterschiedlichen
Unternehmen werden beschrieben und ausführlich vorgestellt. Exemplarisch der
anerkennenswerte Beitrag zum Coaching bei der Schweizerischen Post. Die Autorin
Silvia Bürgin Brand, schreibt nicht nur über Ein- und Durchführung von Coaching,
sondern veröffentlicht auch die weniger positiven Rückmeldungen eines
Teamcoachings, mit dem Ziel Verbesserungen im Verkauf zu erreichen. Sowas hebt sich angenehm ab, von den üblichen Heldengeschichten in der Beraterzunft. Danke Frau Brand für Ihren Mut.
Was habe ich beim Lesen gelernt? Bücherkauf im Karneval lohnt sich nicht. Meine Bewertung: Fünf Minussterne für Teil 1, zwei Minussterne für Teil 2,
drei Plussterne für Teil 3.
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