Die analytische Regel: Die Patientin sagt zu ihrem Therapeuten: "Küssen Sie mich, Herr Doktor!" Der Doktor sagt: "Das darf ich nicht. Nach der strengen analytischen Regel dürfte ich nicht einmal neben Ihnen auf der Couch liegen." (S. 23).
Therapie und Humor - geht das zusammen? Bernhard Trenkle ist Diplom-Psychologe und Diplom-Wirtschaftsingenieur, arbeitet als Familien- und Hypnotherapeut und bildet für die Milton H. Erickson (dem Gründervater der Hypnotherapie) Gesellschaft Therapeuten aus. Die in diesem Buch gesammelten Artikel wurden zuerst im M.E.G.a.Phon, der Zeitschrift dieser Gesellschaft, veröffentlicht.
Damit ist zugleich die inhaltliche Bandbreite aufgezeigt. Die Witze und lustigen Geschichten illustrieren Grundbegriffe der Psycho-, Hypno- und Familientherapie, einige Termini des NLP (Reframing, Ökologie Check, Augenbewegungen, ...) und schließlich auch ein wenig Systemisches (Rückbezüglichkeit, zirkuläres Fragen, ...).
Trenkle erklärt und definiert jeweils kurz einen Begriff/ein Fachwort aus dem psychotherapeutischen Bereich und bringt anschließend dazu einen oder mehrere illustrierende Witze. Die Betonung liegt jedoch ganz eindeutig auf dem "Haha". Das Ha-Handbuch der Psychotherapie ist vorrangig ein Witzbuch. Durch die einfache und verständliche Sprache erläutert es aber dem Nicht-Experten ganz unkompliziert nebenbei den einen oder anderen Fachbegriff. Insgesamt sind 100 Artikel abgedruckt, die zwischen einer halben und zwei Seiten lang sind. Die Witze hat Trenkle sich natürlich nicht alle selber ausgedacht, sondern im Laufe seines Lebens gesammelt. Er verweist freizügig auf seine Quellen (von Asimov bis zu Playboy Party Jokes) und gibt dem Leser durch eine Wertung dieser Quellen hilfreiche Anregungen zum Weiterlesen.
Stellenweise wird die Auswahl der Fachbegriffe für den nicht therapeutisch geschulten Leser sehr speziell (Bezogene Individuation, Monoideismus, ...). Da die Auswahl der Themen stark auf den psychotherapeutischen Bereich beschränkt ist, bietet sich das Werk von Trenkle wohl vorrangig für Leser an, die einen Bezug zu dieser Thematik haben, denn sie profitieren am meisten von der Idee, Fachbegriffe durch Witze zu illustrieren. Für alle anderen ist es trotzdem ein lustiges und größtenteils geistreiches Kompendium.
Wo liegt also der Nutzen so eines Buches für die Leser? Im Humor: Das Ha-Handbuch der Psychotherapie ist ganz eindeutig ein Buch zum Schmunzeln, manchmal zum laut auflachen, zum auf die Schenkel klopfen, zum sich merken und den Kollegen erzählen, zum roten Kopf kriegen, denn auch unter oder besser gesagt hinter der Gürtellinie bedienen sich die Witze Trenkles reichlich. Es sind einfache, flache, böse, sexistische, ja auch verletzende und ausgrenzende Witze dabei. Doch da dies ist ein lustiges Buch ist, haben sich Verlag und Autor eine vielleicht etwas seltsame anmutende Idee einfallen lassen: Die Seiten des Buches sind perforiert. Wem ein Witz gar zu beleidigend ist, muss nicht das ganze Buch weglegen, er kann die entsprechend Seite herausreißen, denn wie der Autor im Vorwort anmerkt, welcher Witz gut ist - das ist Ansichtssache.
In Seminaren und Trainings könnten einzelne Passagen (etwa aktives Zuhören, Triangulation, Mehrebenkommunikation, nonverbale Hinweise, Mediation) Anwendung finden, denn Witze bzw. lustige Geschichten helfen zu assoziieren, zu verdeutlichen, zu vernetzen und schließlich zu erinnern an Inhalte und Situationen in denen man gemeinsam gelacht hat. Eine gezielt gesetzte Auflockerung ist hilfreich, dafür bietet dieses Buch reichhaltige Anregungen.
Einige Witze kommen einem natürlich bekannt vor, aber auch das macht einen Reiz des Buches aus: Da hat sich jemand die Mühe gemacht, auch Altbekanntes einzuordnen und mit einem theoretischem Hintergrund in Verbindung zu bringen. Das ist nicht immer gelungen und manche Zuweisungen sind nicht leicht zu erschließen, aber das kann bei der Fülle der gebotenen Witze auch gar nicht anders sein. Fritz B. Simon (übrigens auch ein Gastautor dieses Buches über Verdichtung und Verschiebung) hat in seiner Radikalen Marktwirtschaft (2001) an einer Stelle geschrieben: Gönnen Sie sich das Anlegen einer individuellen Rezeptesammlung. Diese Idee sollte erweitert werden um eine eigene Geschichtensammlung, denn Geschichten eignen sich komplexe Zusammenhänge darzustellen und aus den vielen Geschichten lassen sich charakteristischen Spielregeln herausfiltern. Die Sammlung im Ha-Handbuch der Psychotherapie ist dabei eine willkommene Unterstützung.
Zum Abschied noch einen kurzen Ausschnitt über rigide Weltbilder, die einem immer wieder begegnen:
Ein Patient ist überzeugt, daß er bereits tot sei. Alle Überzeugungsversuche des Arztes schlugen fehl. Dabei hatte er auf die Körpertemperatur, auf die Atemfunktionen und vieles anderes hingewiesen. Schließlich sagt er zum Patienten: "Sagen Sie mal, bluten Leichen eigentlich?" Der Patient sagt: "Natürlich nicht." Der Arzt nimmt eine bereits vorbereitete Nadel und sticht den Patienten in die Hand. Es beginnt zu bluten. Der Arzt: "Was sagen Sie jetzt?" Der Patient antwortet: "Ich habe mich getäuscht. Leichen bluten doch." (S. 53).
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dr. Daniel Wrede, www.danielwre.de) |