Rezension:
Michael Hochschild beginnt sein Buch mit einem Prolog: "Altes ist vergangen, Neues ist geworden" (2 Kor 5,17). Das Alte ist für Hochschild die Kirche in der Zeit des Milieukatholizismus und das Neue beschreibt die Kirche als ein soziales Netzwerk. Hochschild beschäftigt sich mit der Frage, wie dieser Transformationsprozess in der Kirche verstanden und gestaltet werden kann.
Der Autor gliedert sein Buch in vier Kapitel und beginnt seine Darlegungen bei der gegenwärtigen Kirchenkrise. Die kulturelle Sonderstellung des Christentums, die es zu den Zeiten des Milieukatholizismus noch inne hatte, ist endgültig verloren gegangen. Infolgedessen ist ein "Und so weiter wie bisher" nicht mehr möglich. Auf der Suche nach einer veränderten Gestalt der Kirche ist für den Autor klar, dass die Kirche ihre Zukunft gestalten soll, ohne ihre Vergangenheit völlig aufzugeben.
In den Kapiteln zwei und drei beschreibt Hochschild die Rahmenbedingungen, unter denen die Kirche ihre zukünftige Gestalt finden soll. Obwohl und gerade weil moderne urbane Menschen wie Fremde unter sich leben, sind sie auf der Suche nach einer neuen Heimat, freilich nicht mehr in Form einer Qualverwandtschaft, sondern in freier Wahl. Für ihn ist es unverkennbar: "Je klarer heute das Phänomen der Individualisierung und damit das Phänomen der Abgrenzung von der Masse zu Tag tritt, desto wichtiger wird das individuelle Bedürfnis, sich in die richtigen Kreise einzureihen."
Obwohl sich das religiöse Empfinden der Menschen grundlegend gewandelt hat, ist den heutigen Menschen die Welt nicht genug. Die Aufklärung als Emanzipationsbewegung von religiösen Vorstellungen ist nach Ansicht Hochschilds weitgehend gescheitert. "Die religiöse Selbstentladung der modernen Gesellschaft schlug fehl." Natürlich sind die religiösen Bedürfnisse der Menschen im Vergleich zum Milieukatholizismus weitaus vielfältiger. Das zeigen die neuen religiösen Gemeinschaften, die ein Beispiel dafür sind, wie die religiöse Suche innerhalb der Kirche viele Ausdrucksformen findet.
Nach diesen Vorüberlegungen entfaltet Hochschild im vierten Kapitel seine Gedanken von einer Kirche als einem sozialem Netzwerk. Es ermöglicht der Kirche, die vielfältigen Strömungen miteinander zu verbinden. Dabei ist es das Ziel, die Einheit in einer Vielfalt zu erhalten. "Eine Kirche als ein soziales Netzwerk vollzieht sich als eine Gemeinschaft von Gemeinschaften, die je nach ihrem Selbstverständnis ihre unterschiedlichen Netze an unterschiedlichen Stellen ins Meer auswerfen." Ein solches Netzwerk ermöglicht auch eine differenzierte Kirchenzugehörigkeit, die entsprechend der Kirchennähe der Menschen gelebt werden kann.
Hochschild gelingt es, sehr anschaulich den Wandel in der Kirche darzulegen. Es ist ein interessanter Versuch, die Idee eines Netzwerkes als Organisationsgefüge für die heutige Kirchensituation furchtbar zu machen. Man muss Hochschild nicht in allen Überlegungen zustimmen, lesenswert sind sie allemal. Am Ende bleiben Fragen offen: Wie kann ein solches Kirchennetzwerk konkret aussehen? Welche Rolle spielt darin die Territorialstruktur und das Amt? Funktioniert eine Gemeinschaft, die nur wahlverwandtschaftliche Beziehungen pflegt? Trotz dieser und weiterer offener Fragen ist das Büchlein von Hochschild eine anregende Lektüre, die zu einer Vielfalt in der Kirche ermutigt.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Michael Fischer)
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(Michael Fischer 17.06.2004) |
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