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Ein Dirigent hat eigentlich einen unmöglichen Job: Er muss sein gestalterisches Konzept auf Chor und Orchester übertragen, obwohl sich dieses Konzept nur sehr unvollkommen in Worte fassen lässt. Es ist ja nicht mit "leiser" und "lauter", "schneller" und "langsamer" getan, und es beschränkt sich auch nicht darin, die Musiker dazu zu veranlassen, dass sie, frei nach Ingo Insterburg, "synchron streichen, damit sie sich nicht verletzen". So wichtig die handwerklich-technische Seite ist, die eigentliche künstlerische Leistung des Dirigenten besteht darin, im Detail ein übereinstimmendes Verständnis über etwas herzustellen, was sich schon im Abstrakten nur mit so schwammigen, ungelenken Worten wie "musikalische Aussage", "Ausdruck" oder "emotionale Botschaft" umschreiben.
Dies aber ist, genau besehen, weniger ein musikalisches Problem als ein kommunikatives. Es lautet, abstrakt formuliert: "Wie bekomme ich binnen relativ kurzer (Proben-)Zeit eine beträchtliche Zahl von Menschen dazu, eine einheitliche Außenwirkung zu erzielen, und zwar gemäß einem Konzept, das sich kaum in Worte fassen lässt?" So beschrieben hat die Aufgabe des Dirigenten verblüffende Parallelen zu Bemühungen zur Veränderung der Unternehmenskultur - nur dass er sehr viel weniger Zeit hat. Analytisch sie zerfällt in drei Teile: Erstens muss er ein solches Konzept haben, zweitens muss er es irgendwie, aber einheitlich und schnell herüberbringen, und drittens muss sich jeder einzelne Musiker und Sänger dieses Konzept zu eigen machen (Akzeptanz) und es so auf sein Instrument übertragen (Implementierung), dass im Konzert eine einheitliche Außenwirkung entsteht (Markt-Performance). Gemessen daran hat ein Vorstand eigentlich gar keinen so schwierigen Job, oder?
Jeder große Dirigent hat eine solche "Kommunikationsstrategie" – wenn nicht, würde ihm auch das brillanteste künstlerische Konzept nicht helfen, denn es würde niemals zu Klang werden (und sich entsprechend auch nicht auf seinen Ruf und seinen Marktwert auswirken). Wie dem spannenden Buch "Der Mythos vom Maestro" von Norman Lebrecht (1992) zu entnehmen, hatten und haben unterschiedliche Dirigenten in Vergangenheit und Gegenwart offenbar ganz unterschiedliche Strategien, diese "Synchronisierung" herbeizuführen. Doch die Berichterstattung hierüber beschränkt sich weitgehend aufs Anekdotische.
Nikolaus Harnoncourt, einer der musikalisch einflussreichsten und mutigsten Dirigenten unserer Zeit, steht unter Musikern in dem Ruf, seine künstlerischen Vorstellungen in einer sehr bildhaften, farbkräftigen und originellen Sprache zu vermitteln. Deshalb ist es ein wirklicher Glücksfall, dass Sabine M. Gruber, eine Chorsängerin des Arnold Schoenberg Chors, die zugleich studierte Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin ist, nun eine hinreißende Sammlung von Beispielen vorlegt, die Außenstehenden einen Einblick geben, wie Harnoncourt das macht. Sie entstand, wie die Autorin eingangs schreibt, aus "Mitschriften aus Proben und Aufnahmesitzungen, eilig mit Bleistift hingekritzelt in Chorpartituren und Klavierauszügen" (S. 5). Sie zeigt, in welchem Ausmaß Bilder – auch schräge, surreale, absurde, verrückte Bilder – dabei helfen, Dinge zu transportieren, die sich "eigentlich" mit Worten nicht sagen lassen, und sie auch noch sehr viel fester in den Köpfen der Musiker zu verankern als es Tausend Worte je vermocht hätten.
Bilder? Worte? - Bilder aus Worten. Wer sagt denn, dass Bilder aus "Bildchen" bestehen müssen? - Offenbar kann ein Bild aus Worten mehr auslösen als Tausend ClipArts und Powerpoint-Grafiken... Hier ein Beispiel aus der Einführung: "Das muss so sein, wie wenn ...", sagte Nikolaus Harnoncourt, legte die Fingerspitzen seiner beiden Hände aufeinander und blickte zur Decke der New Yorker Carnegie Hall, "... wie wenn ein Nilpferd küsst!" Was dieses Bild in den Köpfen der Musiker auslöst, beschreibt Gruber: "Niemand hat je ein Nilpferd küssen sehen. Wer weiß, ob Nilpferde überhaupt küssen. Und doch wurde in diesem Augenblick jeder Sänger im Chor und jeder Musiker im Orchester von der intuitiven Erkenntnis des innersten Wesens jenes Kusses erfasst, mit welchem Beethoven die ganze Welt zu umfangen gedachte. Das Innere der Musiker füllte sich mit Bildern, die so verschieden waren wie die Menschen und doch ähnlich genug, einen gemeinsamen Klang entstehen zu lassen, der den Inhalt mit der ganzen ihm innewohnenden Ungeheuerlichkeit hervorbrechen ließ: Diesen Kuss der ganzen Welt. Und der Zuhörer am Abend im Konzert? Er wusste nichts vom Kuss des Nilpferds. Er erlebte indessen etwas Unermessliches, Unerhörtes, Unerklärliches, etwas, dem er sich nicht entziehen konnte; einen Kuss, der die ganze Welt umfangen hielt, vor allem aber: ihn selbst." (S. 5)
Glücklicherweise hat Gruber nicht das Bedürfnis, jeden Spruch Harnoncourts zu kommentieren oder gar zu "erklären". Sie beschränkt sich darauf, zu Beginn jedes ihrer neun Kapitel auf jeweils einer Seite ein paar kluge, lesenswerte Gedanken einzubringen, die von der authentischen Probenerfahrung geprägt sind und oft Hintergrundinformationen zum Kontext liefern. Der Rest sind Zitate, Zitate, Zitate - wie etwa die Folgenden:
- "Süditalien! Singen Sie das mit Fischgeruch in der Nase!" (Monteverdi: Marienvesper)
- "Ein bisschen glücklicher, bitte ... da schöpfen Sie Hoffnung ... (Mozart: Litaniae Lauretanae)
- "Abspringen! Wenn Sie landen, dann hängt das auch damit zusammen, wie Sie abspringen. Da können Sie jeden Heuschreck fragen." (Beethoven: Christus am Ölberg)
- "Sehr schön machen Sie das. Aber sagen Sie, können Sie´s nicht ein bisschen katholischer singen?" – "Ich bin evangelisch." – "Das macht nichts, das ham ma in fünf Minuten." (Mozart: Missa KV 167)
- "Nicht Synkopen singen!! Schweben Sie hinter einer Wolke!" (Bach: h-moll-Messe)
- "Geschmettert! Da muss der Goldstaub aus der Trompete fliegen!" (Haydn: Mariazellermesse)
Um mit diesem Buch etwas anfangen zu können, muss man vermutlich mit einigen Werken des klassischen Repertoires vertraut sein. Wenn jemand die "Neunte" niemals intensiv gehört hat, dann wird ihn auch Harnoncourts Nilpferd-Kuss nicht berühren - dann reduziert sich das Bild auf Sprachwitz. Die wichtigste Lehre des Buchs geht freilich über Sprachwitz weit hinaus: Sie ist, dass kreative, eigenwillige, farbstarke "Bilder aus Worten" dazu in der Lage sind, Ideen zu transportieren - und andere Menschen für sie zu gewinnen.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Winfried Berner, MWonline-Partner Die Umsetzungsberatung)
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(wb 03.07.2004) |
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