Ebertz möchte in seinem Buch Mut machen für einen Aufbruch in der Kirche. In der momentanen Situation der Kirche hilft weder ein Dauerlamentatio noch Aktivismus. An beidem ist Ebertz nicht gelegen. Vielmehr möchte er Wege suchen, wie die pastoral Handelnden und auch die pastoralen Strukturen den Anschluss an unsere Zeit und ihrer Kommunikation finden können. Ebertz hat sein Buch in vier Kapitel gegliedert: Umbrüche, Abbrüche, Aufbrüche und Kirche hat Chancen.
Im ersten Teil stellt Ebertz die Umbrüche in der Kirche vor. Er beschreibt beispielsweise den Integrationsschwund der verfassten Kirche, die strukturelle Vervielfältigung der Lebensbereiche und den damit verbunden Zwang zur Wahl. Da in jedem Umbruch auch eine Chance steckt, endet jedes Umbruchsszenario mit Hinweisen, welche Chancen sich daraus ergeben. Das erste Kapitel basiert auf den derzeit gängigen, aber auch hinreichend bekannten (religions-) soziologischen Theorien, die versuchen, den gesellschaftlichen und kirchlichen Wandel zu erklären.
Im zweiten Teil geht es Ebertz um die hausgemachten Probleme in den Kirchengemeinden. Das Hauptproblem sieht er in der Festlegung auf die Ortsgemeinde. Seiner Ansicht nach gehen die derzeitigen Ortsgemeinden an den neuen Lebensräumen der Menschen vorbei, v.a. am sozialen Lebensraum. Auch findet die Vielfalt der Menschen in ihrem Denken und Handeln keine Berücksichtigung. Zudem werden für ihn die einen aus- und die anderen eingeschlossen und somit Geschmacksgrenzen zu Sozialgrenzen gemacht. Aufgrund dieser Festlegung verliert die Gemeinde an Anziehungskraft und viele Bemühungen laufen ins Leere.
Nach dieser Diagnose ist es folgerichtig, dass Ebertz in seinem dritten Kapitel Aufbrüche und Initiativen vorstellt, die über den ortgemeindlichen Rand hinausdenken und hinaushandeln. Sein Programm einer Kommunikationspastoral geht weit über den sozialen Wohn- und Nahraum hinaus, um eben anschlussfähig für die heutige Lebensführung zu werden. Es sollen soziale Gelegenheitsstrukturen zur Kommunikation und Praxis christlicher Sinngehalte aufgebaut werden. Diese Gelegenheitsstrukturen erklärt Ebertz beispielsweise an der Citypastoral seinen Ansatze.
In seinem letzten und vierten Kapitel werden die Gedanken von Ebertz in fünfzig Thesen abschließend dargestellt.
Ebertz gelingt es mit seinen Darlegungen den Blick über die ortsgemeindlichen Grenzen zu werfen. Nachdem der Autor die ortskirchliche Struktur als den Haupthindernisgrund für eine zeitgemäße Pastoral sieht, werden Initiativen vorgestellt, welche den spezifischen Lebenskontext bestimmter Gruppen wahr- und annehmen. Diese Initiativen verdienen Beachtung.
Das Buch von Ebertz ist eine lesenswerte Lektüre, wenngleich oder gerade weil zentrale Fragen offen bleiben: Aus dem Differenzierungshorizont des Christentums rät Ebertz der Kirche zu einer Dienstleistungsorganisation zu werden. Selbstverständlich ist der flexible Mensch und die religiöse Individualisierung innerhalb der Kirche ein empirischer Tatbestand, für den man die kirchliche Organisationskultur verändern muss, um Aktions- und Erfahrungsräume für viele zu ermöglichen. Hier bleiben allerdings zentrale Fragen unbeantwortet: Was hält differenzierte Teilsysteme überhaupt noch zusammen? Auf die Kirche bezogen: Was hat der linke mit dem rechten Rand der Kirche gemeinsam? Wo und wie existiert die Bezeugungsgemeinschaft, die im Sinne von Ebertz evangeliumsgemäße Dienstleistungen anbieten kann? An dieser Stelle wird deutlich, wie fragwürdig - auch in der von Ebertz vertretenen Kommunikationspastoral – die einseitig angelegte Kooperation zwischen Soziologie und Theologie ist. Es ist vermutlich für eine evangeliumsgemäße Kirche nicht ausreichend, sich auf die unterschiedlichen Typen religiöser Individualität zu konzentrieren. Sich bedingungslos an die Gesellschaft anzuschließen kann nämlich auch bedeuten, in den gesellschaftlichen Pluralismus hinein zu diffundieren und somit seine Identität zu riskieren.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Michael Fischer) |
(Michael Fischer 17.07.2004) |
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