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Veränderung wird großgeschrieben - aber wie soll sie bewerkstelligt werden? Bücher, die den Wandel erleichtern helfen. |
Rezension:
Trotz offenkundig hoher Kompetenz gelingt es Reither nur sehr begrenzt, sein Thema Komplexitätsmanagement so aufzubereiten, dass der Leser wirklichen Nutzen daraus ziehen kann. Was angesichts der immensen Bedeutung des Themas doppelt schade ist.
Franz Reithers "Komplexitätsmanagement" ist in gewisser Weise eine Fortführung von Dietrich Dörners "Logik des Misslingens", das ich für eines der wertvollsten psychologischen Sachbücher überhaupt halte (siehe Rezension). Reither hat bei Dörner promoviert und geraume Zeit an dessen Forschungsprojekten mitgewirkt. Trotz seiner fundierten Vertrautheit mit der Materie bietet sein Buch jedoch nur wenig Zugewinn gegenüber Dörners Klassiker, weder für die Theorie noch für die Praxis. Das liegt in erster Linie daran, dass das Buch kein klares, leserorientiertes Konzept hat: Es ist weder - wie die "Logik des Misslingens" - ein Forschungsbericht, der den Leser quasi live am Erkenntnisfortschritt teilhaben lässt, noch ist es ein Lehrbuch, das den aktuellen Stand der Forschung referiert und bewertet. Und am allerwenigsten ist es ein praktischer Ratgeber für Manager, die ihre Fähigkeit zur Bewältigung von Komplexität überprüfen und weiterentwickeln wollen.
Aber was ist es dann eigentlich? Am ehesten wohl - im Nachhinein entpuppt sich der Untertitel als versteckte Warnung - eine Sammlung von (großteils ziemlich abstrakten) Erkenntnissen über das "Denken und Handeln in komplexen Situationen". "Ziel des Buches ist es, das vielschichte Phänomen der Komplexität in seinen Eigenschaften, Ausprägungen und Wirkungsweisen zu beleuchten", schreibt der Autor in seiner Einleitung. Das tut er denn auch - und belässt es dabei. Vermutlich ist das alles richtig, was Reither da "beleuchtet", aber es wird nicht greifbar und verliert sich im Folgenlosen. Es mangelt am markanten Herausarbeiten von Erkenntnissen, und vor allem fehlt es an praktischen Handlungskonsequenzen. Ja, der Umgang mit Komplexität ist schwierig und kann leicht in die Hose gehen – aber das wussten Insider auch schon vorher.
Maßgeblich verantwortlich für den begrenzten Nutzwert ist Reithers Sprache. Nicht dass sie sonderlich kompliziert wäre: Die Sätze sind eher kurz, Fremdworte und Fachtermini sparsam dosiert - über weite Passagen ist der Text durchaus lesbar, nur dass es ihm an Anschaulichkeit und damit an Nachvollziehbarkeit mangelt, weil Reither zu sehr zu allgemeingültigen, abstrakten Aussagen tendiert und sich mit Beispielen zurückhält. Das eigentliche Problem seines Schreibstils tritt erst zutage, wenn man einzelne Gedanken, Argumente oder Beweisführungen genauer nachvollziehen müsste, um sie verstehen zu können. Dann sind die Formulierungen oft zu ungenau und unpräzise, manchmal geradezu fahrig. Reither macht sich zu wenig Mühe, dem Leser das Nachvollziehen seiner Gedankengänge zu ermöglichen; er beschränkt sich auch dort auf grobe Skizzen, wo man eine höhere Auflösung benötigen würde, um mit dem jeweiligen Argument wirklich etwas anfangen zu können. Die Folge ist, dass es nicht etwa (wie bei vielen Texten von Rupert Lay) anstrengend ist, das Buch zu lesen, sondern dass es an zentralen Stellen unmöglich ist, seiner Argumentation zu folgen. Diese "Fahrigkeit" setzt sich fort bis in die Diagramme, bei denen es zuweilen befremdliche Diskrepanzen zwischen dem Linienverlauf und den genannten Zahlenwerten gibt – von genauen Achsenbezeichnungen ganz zu schweigen. Eine sorgfältige (und hartnäckige) redaktionelle Betreuung hätte hier Wunder wirken können. Doch im Buch ist kein Lektor genannt; vielleicht ist das eine Ursache des Problems.
Dass ich das Buch dennoch auch positive Seiten abgewinnen kann, liegt an einzelnen Abschnitten, in denen sich Reither stärker dem fast erzählerischen Stil Dörners annähert - und prompt jene Nachvollziehbarkeit erreicht, die er anderswo vermissen lässt. An erster Stelle ist hier der 20-seitige Abschnitt "Verhalten unter Krisenbedingungen" zu nennen. Darin lernen wir mit Verblüffung und Erschrecken, dass gerade erfahrene Experten dazu neigen, die Frühwarnsignale heraufziehender Krisen zu ignorieren oder die Alarmsysteme gar abzuschalten. Das bei technischen Havarien häufige "Umschalten auf Handsteuerung" beseitigt zwar bei den vermeintlichen Krisenmanagern das Gefühl von Kontrollverlust, trägt aber im Ergebnis oft dazu bei, aus der Krise eine Katastrophe zu machen. (In der Unternehmensführung ist die Entsprechung zum Umschalten auf Handbetrieb wohl, ein Thema zur Chefsache zu erklären ...) Insbesondere die Tendenz zu drastischen Entscheidungen und zur Abschottung gegenüber irritierenden Informationen, über die auch Dörner berichtet, sind ausschlaggebend dafür, dass sich Krisen infolge des Krisenmanagements auch verstärken können. Mit der Folge, dass gefährdete Firmen zumindest im Simulationsexperiment noch schneller zusammenbrechen als ohne (fehl-)steuernde Eingriffe.
Ebenfalls lesenswert sind weite Teile des Kapitels "Psychische Faktoren: Hintergründe und Wirkungsweisen". Darin berichtet Reither unter anderem, dass bislang alle Versuche gescheitert sind, einen Zusammenhang zwischen Persönlichkeitseigenschaften und der Fähigkeit zum Management komplexer Systeme nachzuweisen. Was angesichts des gewaltigen Repertoires an Persönlichkeitsmerkmalen schon eine frappierende Feststellung ist. Offenbar entwickeln unterschiedliche Persönlichkeitstypen zwar durchaus unterschiedliche Herangehensweisen, doch im Ergebnis scheinen sich deren Vor- und Nachteile aufzuheben. Selbst die Intelligenz, der man eigentlich einen erheblichen Einfluss auf die Fähigkeit zum Umgang mit Komplexität zubilligen würde, trägt laut Reither nicht einmal 5 Prozent zur Erklärung der festgestellten Unterschiede bei. Erwartungsgemäß hat auch das Geschlecht keinen nachweisbaren Einfluss, weder im Positiven noch im Negativen. Auch hier gilt offenbar: Unterschiedliche Stile – ähnliche Resultate.
Putzig, dass Reither die volle Tragweite dieser Befunde offenbar selbst nicht so recht glauben will: "Somit wäre die Schlussfolgerung, Persönlichkeitsmerkmale und -eigenschaften hätten keinen Einfluss auf die Ergebnisqualität, falsch. Sie sind durchaus wirksam, allerdings für die Erklärung des Ganzen nicht ausreichend." (S.106) Wie das? Sie haben Einfluss, sie sind wirksam – nur in den Ergebnissen zeigt sich kein Unterschied? Nein, es hilft nichts: "A difference that makes no difference is no difference." Die gleiche vergebliche Resthoffnung hegt Reither offenbar auch in Bezug auf die Intelligenz: "Die (...) Ausprägungen der individuellen Intelligenz sind im Zusammenhang mit der Bearbeitung und Bewältigung komplexer Situationen zwar notwendige, jedoch noch keine hinreichenden Merkmale für die Erklärung des Handlungsgeschehens." (S. 105) Wenn das so wäre, müsste die Korrelation deutlicher ausfallen. Denn selbst wenn nur ein Drittel der Intelligenten von ihrer Intelligenz sinnvollen Gebrauch machten, müsste diese Gruppe im Durchschnitt besser abschneiden als jene, die mangels Masse überhaupt kein intelligentes Handeln zustande bekommt. Dieser Unterschied würde nur neutralisiert, wenn Menschen in dem Ausmaß, in dem sie überdurchschnittliche Intelligenz besäßen, davon beim Umgang mit Komplexität auch Nachteile hätten. Was übrigens gar nicht so ausgeschlossen ist: Intelligenz könnte ja wegen besseren Durchschauens der Vertracktheit der Lage auch lähmend und entmutigend wirken.
Das letzte Kapitel "Komplexität als Chance" koppelt auf irritierende Weise zwei völlig unterschiedliche Themen. Der Abschnitt "Diagnose, Training und neue Strategien" ist eine indirekte, etwas unbeholfen-verschämt wirkende Werbung für Reithers Diagnose- und Trainingsangebote. Ich hätte mir hier mehr Mut zur Klarheit gewünscht, denn es ist ja nichts Unschickliches, wenn ein Mann, der von dieser Materie wirklich etwas versteht, hierzu auch Seminare und Beratung anbietet. Zumal Reither sogar Befunde vorweisen kann, die die Wirksamkeit eines Trainings im Komplexitätsmanagement belegen. Der zweite Abschnitt "Katastrophen, Chaos und Stabilität" besteht aus einem sechsseitigen Ausflug in die mathematische Katastrophen- und Chaostheorie. Auch hier vermittelt Reither den Eindruck, dass er mehr von dieser Materie versteht als manche, die hierauf ganze "Theorien" der Unternehmensführung aufbauen. Doch an dieser Stelle mutet dieser Abschnitt an wie ein seltsamer Findling aus einer anderen Welt.
Nein, eine gute Werbung für Reithers Seminare ist dieses Buch nicht. Man würde sich wünschen, dass Franz Reither noch einmal ein Buch schreibt, diesmal mit Unterstützung eines fähigen Lektors, das seine unzweifelhafte Kompetenz und Erfahrung auf die Straße bringt. Und zwar so, dass wir von Komplexität herausgeforderten und allzuoft auch überforderten Manager und Berater einen praktischen Nutzen daraus ziehen können.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Winfried Berner, MWonline-Partner Die Umsetzungsberatung) |
(wb 23.07.2004) |
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