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  Buchbesprechung


Rettet den Kapitalismus
Wie Deutschland wieder an die Spitze kommt

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Keese, Christoph
(2004)
Hoffmann und Campe, ISBN: 3455094236


Unsere Bewertung:   

Schlagworte:
Marktwirtschaft, Ökonomie

Themenliste Literatur
Arbeitswelt   Arbeitswelt steht hier als Sammelbegriff für alle Bücher, die sich mit Themen rund um Arbeit und Gesellschaft auseinandersetzen

Als Christoph Keese seinerzeit die Chefredaktion der Financial Times Deutschland (FTD) übernahm, mag manch alter Branchenhase geschmunzelt haben. In den folgenden Jahren hat er die FTD zu einer Institution der Wirtschaftspresse aufgebaut, an der man nicht mehr vorbei kommt. Was treibt so jemanden, ein Buch zu schreiben? Vielleicht der Wunsch, die Nase aus dem Tagesgeschäft zu heben, einmal Bilanz zu ziehen aus den vielen Meldungen, Reportagen und Interviews die seitdem über den Schreibtisch gegangen sind? Durchaus denkbar, vielleicht gehört aber auch eine gehörige Portion Frust dazu, Enttäuschung über Deutschland, das dabei ist, den wirtschaftlichen Anschluss zu verpassen. Denn das ist das Menetekel, das er an die Wand malt - versehen mit dem Zusatz: es ist noch nicht zu spät, wir können das Ruder noch herum reißen.

Nach einem einleitenden Kapitel - Diagnose: Deutschland stagniert aus freiem Willen - teilt Keese sein im flotten Stil geschriebenes Buch in zwei Teile: (1) Warum der Kapitalismus überlegen ist; (2) Wie Deutschland wieder an die Spitze kommt. Keese packt den Stier bei den Hörnern und legt Deutschlands Hassliebe zur Marktwirtschaft offen: Freiheit ja, aber bloß keine Unsicherheit! Ein Widerspruch, der nicht aufzulösen ist, und mit dem Deutschland sich selbst im Wege steht. Der aber begründet ist auf falschen sachlichen Annahmen, unreflektierten Glaubenssätzen und hinderlichen emotionalen Ressentiments. Das Buch ist gespickt mit Anmerkungen, Beispielen, kommentierenden Zahlen, die die Expertise des studierten Wirtschaftswissenschaftlers darlegen. Um einen Eindruck von seiner Argumentation zu erhalten, seien hier aus den zehn populären Vorurteilen, so der Titel von Kapitel 3, zitiert:
  • Spekulanten verdienen Geld ohne Leistung. - Der eine setzt seine gefragte Arbeitskraft ein, der andere sein Vermögen, schreibt Kesse dem Volk der scheinheiligen Ebay-Zocker ins Stammbuch.
  • Die Börse belohnt Entlassungswellen mit steigenden Kursen, deshalb entlassen Manager so gerne. - Kurse steigen nicht durch Entlassungen sondern durch verbesserte Gewinnaussichten. Und zu höherem Gewinn gibt es vielerlei Wege, pariert der Autor.
  • Die Chefs beuten die Firmen aus. - Spektakuläre Fälle überschatten die Leistungen anständiger Unternehmer, eine unzulässige Generalisierung.
Was nun die emotionalen Ressentiments angeht: Diktaturen oder Sozialismus degradieren den Einzelnen zum Befehlsempfänger, im Kapitalismus wird er umworben und verführt. Die Freiheit ist das hohe Gut, es bringt den Fortschritt. Die Alt-Linken, so Keese, sind an ihrem Unverständnis für Ökonomie gescheitert. Sie sind nicht die angeblich Fortschrittlichen sondern erzkonservativ, weil sie das verklärte und vergangene Gestern gegen aktuelle Herausforderungen des Heute verteidigen.

Was nun den Ausweg betrifft, den der Autor aufzeigt, gelte es, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Der Glaube an den Gerechtigkeit schaffenden und versorgenden Staat sei ein Irrweg. Wir müssten mutiger werden, das Jammern aufhören und mehr arbeiten, uns auf alte Stärken besinnen, um wieder an die Spitze aufzuschließen. Das Modell der kinderlosen, berufstätigen Paare jedenfalls, die als Senioren eine fette, von anderen finanzierte Rente verleben können, sei - um es einmal rentenpolitisch zuzuspitzen - ein Perpetuum Mobile.

Doch warum packen wir es nicht an, warum fühlen wir Deutschen uns so wohl in der Verliererrolle? Weil es am einfachsten und bequemsten ist. Wir spielen lieber das Schwarze-Peter-Spiel: Die anderen sind schuld, andere sollten erst einmal... Eine mentale Falle, gegen die unser Autor anschreibt und auch final mit einer Vision, wie Deutschland in 25 Jahren aussehen kann, Position bezieht.

Wer sollte dieses Buch lesen? Oder sollte man es lieber verschenken? An Alt-68er und andere üblichen Verdächtige? Denn, es sind ja immer die anderen schuld... Aber wird man so nicht eher Trotzreaktionen provozieren? Vielleicht geht es nur mit der augenzwinkernden Widmung: Für heimliche, mutige Stunden... Keeses Buch hat jedenfalls viele Leser verdient. Und ist allemal bequemer zu konsumieren als seinerzeit die "Kapital-Schulung". (MWonline zur Verfügung gestellt von Thomas Webers, Chefredakteur "Wirtschaftspsychologie aktuell", Bonn)

(thw 04.09.2004)

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