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Beratung |
Alles für Berater und solche, die es werden wollen |
Als "Buch der Praxis" (S.8) bezeichnen Klaus Grochowiak und Joachim Castella ihren Handlungsleitfaden für diese alternative und eher untypische Form der Unternehmensberatung. Entsprechend ist das Buch nicht wissenschaftlich orientiert, aber liefert einen guten Einblick in die alltägliche Arbeitsweise systemdynamischer Organisationsberatung.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert:
Im ersten Teil befassen sich die Autoren zunächst mit dem Systemgedanken, wobei das System nicht als Ordnungsaspekt, sondern als Ausdruck der Beziehungen der einzelnen Systemelemente zueinander zu verstehen ist.
Anschließend wird die Entwicklung der Methode beschrieben, wobei der Schwerpunkt auf der Arbeit Bert Hellingers liegt, dessen Ansatz der Familienaufstellung von den Autoren auf Organisationen übertragen wurde. Vereinfacht gesagt sucht sich bei einer Aufstellung der Klient, z.B. ein Abteilungsleiter, Stellvertreter für seine Mitarbeiter aus der Gruppe aus. Diese stellt er dann entsprechend seiner Vorstellung der interpersonellen Dynamiken in seiner Abteilung auf, beispielsweise von Angesicht zu Angesicht oder einander den Rücken kehrend. Durch Erfragen der subjektiven Empfindungen bei den Stellvertretern stellt der Therapeut so lange um, bis die optimale Position für alle Systemmitglieder gefunden ist, damit alle Beziehungen geklärt sind und das System (hier die Abteilung) funktionieren kann.
Des Weiteren gehen die Autoren auf Zugangshinweise ein, die erkennen lassen, ob ein systemisches Problem vorliegt (s.u.). Gemeint sind hiermit Indizien, die auf die Gefühlslage einer Person hinweisen. Schließlich werden die systemdynamischen Grundlagen der Beratung vorgestellt, wobei die Autoren noch einmal ausführlich auf Hellingers Ansatz zu sprechen kommen und zugehörige Begriffe wie Bindung, Ordnung oder Verstrickungen erklären.
Dieser erste Teil ist weitgehend verständlich geschrieben und erläutert genannte Aspekte (teilweise zu) ausführlich. An einigen Stellen bleibt die Schilderung etwas an der Oberfläche. Gut gefallen haben mir die zusammenfassenden Abschnitte am Ende jedes Kapitels. Wer bisher die Aufstellungsarbeit noch nicht kennen gelernt hat, sollte diesen ersten Teil auf jeden Fall lesen.
Der zweite Teil besteht aus Niederschriften durchgeführter Beratungen. Es werden Fälle aus größeren Unternehmen, Familienunternehmen, aus dem Non-Profit Bereich und aus dem Beraterkontext dargestellt. Die Dialoge zwischen Stellvertretern und Therapeut sind wörtlich abgedruckt und durch Abbildungen der jeweiligen Aufstellungen ergänzt. Störend fallen dabei die zahlreichen Unstimmigkeiten bei der Verwendung von Abkürzungen in Text und Abbildungen auf. Hilfreich sind dagegen die ergänzenden Erläuterungen am Rand, die Zusatzinformationen zu den (wörtlichen) Ausführungen des Therapeuten geben. Was diese Anmerkungen jedoch leider nicht leisten, ist, Erklärungen zu liefern, warum beispielsweise der Therapeut nun gerade diese Intervention anwendet und nicht eine andere. Basiert der Fortgang einer Aufstellung dann lediglich auf vielleicht sogar impliziten Erfahrungswerten?
Eine Intervention taucht dabei in fast jeder Beratung auf: Das symbolische Zurückgeben von Gewichten, das z.B. für die Rückgabe fälschlicherweise übernommener Verantwortung stehen kann. Die Bedeutung dieser Technik wird zwar an zahlreichen Stellen und ebenfalls im dritten Teil erläutert, es scheint aber teilweise, als würde den Therapeuten nichts anderes einfallen. Oder anders herum betrachtet, laufen viele Beratungen ähnlich ab, was diese für das Buch redundant werden lässt. Auffällig ist auch, das an zahlreichen Stellen den Beteiligten Worte in den Mund gelegt werden: "Sag `Ich mag Dich´" (S.72). Auf diese Weise sollen dann die entsprechenden Gefühle bei den Teilnehmern induziert werden. Dieses `Einreden´ von Empfindungen gehört wohl zu den Therapiemethoden und ist daher dem Buch nicht negativ anzurechnen. Unter psychologischem Gesichtspunkt halte ich dieses Vorgehen jedoch für bedenklich.
Gut und wichtig sind die Ausführungen zum Beraterkontext. Es wird sowohl die Rolle des Beraters (vgl. S.172), als auch die Notwendigkeit systemischer Beratung neben klassischem Consulting, was bei Problemen systemischer Natur nicht greifen kann, verdeutlicht. Schließlich sind auch die Nachbesprechungen, die sich an die einzelnen Beratungen anschließen, gelungen.
Im dritten Teil werden die Techniken bei der Arbeit mit Aufstellungen näher erläutert. Es gibt ein Flussdiagramm von der Akquise eines Auftrags bis zu dessen Lösung. Im Anschluss werden die Schritte einzeln behandelt und etwas zu breitgetreten. Es folgt die vertiefte Darstellung einiger Techniken. Wer allerdings die ersten beiden Teile schon gelesen hat, findet hier nichts Neues. Leider werden auch diejenigen enttäuscht, die auf die in Teil 2 bereits fehlenden Erklärungen zum Zusammenhang zwischen Indikation und Intervention gehofft hatten. Stattdessen werden Zugangshinweise beschrieben, die z.B. helfen sollen, Sekundärgefühle zu erkennen: "Gesicht oder Habitus scheint älter oder jünger, als es zu der Person passt. Das jüngere Aussehen kann auf ein Sekundärgefühl hindeuten. Es kann aber auch ein Hinweis auf eine unterbrochene Hinwendung sein" (S.221). Insgesamt scheinen diese Ausführungen sehr vage und spekulativ.
Zusätzlich findet der Leser ein Interview mit dem Meister (Hellinger) selbst, das einige interessante Aspekte zum Thema Macht in Familie und Unternehmen bietet.
Leider wird nirgendwo im Buch auf die Akzeptanz des Verfahrens bei Klienten aus dem Bereich der Wirtschaft eingegangen.
Fazit: Das Buch bietet einen guten Überblick, welche Aspekte bei der systemdynamischen Organisationsberatung relevant sind, und wie eine Aufstellung im Unternehmen ablaufen kann. Zu der Methode an sich kann sich jede/r ein eigenes Bild machen, wozu dieses Buch auch genügend Material bietet. Negativ sind die fehlenden Erklärungen zu genauem Vorgehen und adäquatem Einsatz der vorgestellten Techniken während der Aufstellung sowie die zahlreichen Redundanzen zu bewerten. Empfehlen möchte ich dieses Buch eher Einsteigern, die sich einen Überblick verschaffen möchten. Zum Erlernen systemdynamischer Beratung eignet sich ein praxisnahes Seminar ohnehin besser.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Johannes Hetzenegger) |
(firejoe 16.09.2004) |
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