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Die Milton-Kartei, eine weitere Karteikartenbox aus dem Hause Junfermann, richtet sich an alle, die mit gezieltem Sprechen, mit wirksamen Sprachmustern, erfolgreich sein wollen. Versprochen wird eine nach kurzer Zeit steigende Qualität von Präsentationen und Trainings. Erreicht werden soll dies mit 63 farbigen Karteikarten und über 250 Formulierungen in einer ansehnlichen Pappbox. Die Karten bieten Formulierungen zu den kritischen Punkten mit denen oftmals eine Veranstaltung steht oder fällt:
- Schwierige Anfangssituationen gestalten
- Sachverhalte erklären
- Übungen anleiten
- Teilnehmer zur Mitarbeit motivieren
- Souverän bei gestörter Arbeitsatmosphäre agieren
- Umgang mit schwierigen Situationen
- Gruppen flexibler lenken
- Auf Prüfungen vorbereiten
- Wissenstransfer gestalten
Als erstes fällt auf, dass die handliche Box nicht voll ist. Rechnet man den Inhalt mal schnell auf Buchseiten um, haben wir ein Büchlein mit etwa 170 Seiten zum Preis von 35€ erworben! Das ist eher etwas für Milton-Sammler, Karteiboxen-Sammler oder ein hochwertiges Geschenk.
Zum Inhalt: Durch die gesamte Darstellung führt den Leser/ die Leserin ein lustiges Milton-Zeichentrickmännchen. Das wirkt zunächst etwas kindlich und dem Thema nicht ganz angemessen, aber man kann sich dem Reiz der Illustrationen kaum entziehen. Letztendlich ist es ein Set zum Lernen und die amüsante Milton-Figur unterstützt dies ausgezeichnet. "Ach, das war doch das Muster, wo dieses Männchen drauf war, das..." Zu jedem der oben erwähnten Anwendungsbereiche finden sich mehrere Formulierungskarten, die eine gelungene Verbindung von Text und Bild darstellen. Das Set mit der Milton-Figur ist etwas zum Anfassen, zum Rumgeben und Schmunzeln. Doch wer war dieser Milton?
Milton Erickson (1901-1980), amerikanischer Psychotherapeut, der sich aufgrund einer Krankheit kaum bewegen konnte und durch seinen kunstvollen Sprachgebrauch als sehr erfolgreicher Therapeut bekannt wurde. Die Begründer des NLP, Bandler und Grinder analysierten in den 70er Jahren des letzten Jahrtausends seine Sprachmuster und entwickelten daraus, ganz NLP, das Milton-Modell, das heute fester Bestandteil jeder NLP-Ausbildung ist.
Auf jeder Karte finden sich ausgehend von einem Milton-Satzbaustein vier Beispielsätze, die eine Anregung zur Integration in den eigenen Sprachgebrauch bieten. Ein wenig stellt sich, wie bei vielen NLP Mustern, die Frage der Glaubwürdigkeit. Einfaches Auswendiglernen der Sätze wird zur Folge haben, dass sich die Adressaten schlichtweg verklappst fühlen. Der Rezensent hat es mit seiner Partnerin getestet. Die Frage des gelungenen Transfers wird leider nicht aufgegriffen.
Dazu gibt es ein Booklet mit knapp 90 Seiten, einem Glossar und etwas Werbung. Inhaltlich werden prägnant und praxisorientiert an Beispielen aus dem Alltag die Sprachmuster-Typen vorgestellt, sowie ein Überblick über deren Einsatzmöglichkeiten gegeben: sozusagen das inhaltliche Verzeichnis und die Zuordnung der theoretischen Muster zu den Einsatzgebieten, wonach die Karten sortiert sind. Theoretisch interessierte Leser, die auf Hintergründe und Belege hoffen, werden bei der knappen Darstellung natürlich enttäuscht. Es findet sich ein Notizbuch zum Weiterführen und Sammeln neuer Sprachmuster und einige leere Karteikarten. Die Aufbereitung ist durch die Illustrationen und den mutigen Einsatz von Farben angenehm bunt – unterhaltend eben.
Was eigentlich hat man sich unter diesen "Sprachmustern" vorzustellen?
Die hypnotischen Sprachmuster des Milton-Modells setzen keineswegs einen Trancezustand des Adressaten voraus und man kann mit ihnen auch keinen Bühnenzauber veranstalten. Hypnotische Sprachmuster werden lediglich so genannt, weil sie der Arbeit des Hypnotherapeuten Milton Erickson entstammen. Sie zeichnen sich aus durch einen Aufforderungscharakter, der die Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung zu lenken versucht. Bsp.:
"Es ist Freitag 15h, ich bin mir nicht sicher, ob wir jetzt noch was zu Stande kriegen." Mit Miltonsprachmuster: "Es ist Freitag 15h, und damit direkt vor dem lang ersehnten Wochenende. Ich bin mir sicher, dass wir in der verbleibende Zeit konstruktiv arbeiten werden, um zügig voranzukommen."
Manche Menschen sind empfänglicher als andere für diese verdeckten Botschaften. Auf sie wirkt das nüchtern betrachtet etwas seltsam. Aber Milton-Sprache ist überall: Werbung, Politik, Vertreter liegen uns den ganzen Tag über mit Miltonmuster in den Ohren. Oft genug ist man inzwischen so konditioniert, dass man nicht länger hinterfragt, Phrasen und leere Sätze hinnimmt, Sabine Christiansen irgendwie doch guckt, weil es halt direkt nach dem Tatort kam und sich ärgert, wie glatt und unspezifisch dort über wichtige Themen diskutiert wird. Man könnte sich die Box nehmen (schön, dass es Karten sind, das erspart das Blättern) und sie daneben legen.
Fazit: Nur eine weitere Folge des Bestsellers der Karteikartenbox? Nein, die Karten sind sehr praxisbezogen, irgendwo angesiedelt zwischen Erwachsenem-Komik und ernsthaftem Seminartool. Daraus entsteht Spannung. Die Theorie wird nur kurz im Booklet angesprochen und kommt zu kurz. Es ist daher keine ernsthafte Beschäftigung mit dem Thema Milton, aber eine vergnügliche. Die Beschäftigung mit Miltonsprache sei zur bewusst kritischen Wahrnehmung jedem empfohlen. Die Box ist schick aufgemacht, ein echter Bringer fürs Auge, aber nicht fürs Budget. Der Rezensent rät also, sich die Box schenken zu lassen - das gibt keinen Ärger über den hohen Preis und einen lustigen Abend beim Durchsehen.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dr. Daniel Wrede, www.danielwre.de) |
(Daniel Wrede 30.09.2004) |
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