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Arbeitswelt |
Arbeitswelt steht hier als Sammelbegriff für alle Bücher, die sich mit Themen rund um Arbeit und Gesellschaft auseinandersetzen |
Den Inhalt dieses Buchs in einem Satz zusammenzufassen ist nicht einfach. Es geht um die Bedeutung von Arbeit in den letzten Jahrhunderten bis heute und um die Verschiebung unserer Werte, vor allem während der letzten 50 Jahre. Themen, die im Zeitalter hoher Arbeitslosigkeit und zunehmender Instabilität unserer Bevölkerungspyramide eine immer zentralere Stellung einnehmen. Es geht aber auch um einen philosophischen Ausblick, nämlich die Frage, ob es eigentlich auf Dauer irgendeinen Sinn machen kann, stetiges Wachstum oder Konsum für alle als Ziel anzusteuern. Hier schafft es der Autor ganz hervorragend, den "betriebsblinden" Leser an einen Punkt zu führen, wo dieser anfängt über Dinge nachzudenken, die er vorher nicht mal zu Kenntnis genommen hat.
Ein Buch, das obiges erreicht, ist per se schon einmal beeindruckend. Wichtig allerdings der Hinweis, dass es sich um keine Fachliteratur für Praktiker, sondern um eine theologische Dissertation handelt, was sich leider streckenweise, vor allem zu Beginn, in archaischen und spröden Formulierungen niederschlägt. Ausgangspunkt für Herrn Schnarrer ist die katholische Soziallehre. Eine gewisse Toleranz gegenüber gelegentlichen Bibelzitaten sollte also auch der atheistische Leser mitbringen.
Das erste Kapitel beschäftigt sich mit dem Arbeitsbegriff im Laufe der Jahrhunderte und beläuft sich auf 154 Seiten, also ca. 50% des gesamten Buches. Das Thema klingt erst mal trocken, ist es aber nicht. Jeder kennt Namen wie Aristoteles, Luther oder Francis Bacon, aber interessant ist, wie unterschiedlich diese die Rolle der Arbeit in ihrem Leben gesehen haben, und das jeweils stellvertretend für ganze Zeithalter. Spannend an diesen unterschiedlichen Sichtweisen ist, dass der Leser selbst anfängt, die heutige Bedeutung zu hinterfragen, und sich möglicherweise erste Zweifel einschleichen.
Zusammenfassend hat sich die Einstellung zur Arbeit über die Jahrhunderte von Verachtung bis zur Überbetonung gewandelt.
Am Ende von Kapitel I hat der Leser einen wesentlich distanzierteren und kritischeren Blick auf den aktuellen Wert von Arbeit und ist somit optimal auf Kapitel II vorbereitet, das sich mit unserer heutigen Gesellschaft beschäftigt.
Ein Thema sind die Folgen möglicher Überbewertung von Arbeit in unserer Gesellschaft. Hier bringt der Autor einige Thesen, die so spannend sind, dass man sie am besten wiedergibt: Arbeit sei heutzutage nicht mehr lediglich Absicherung der Lebensgrundlage, sondern Selbstzweck. Gewinn und Fortschritt seien Zweckbestimmung der Wirtschaft. Aber wenn es nicht um den Menschen, sondern um Arbeit gehe, befürchtet der Autor, seien Mittel und Ziel pervertiert und es käme zur Entfremdung. Die Arbeit werde oft zur Bewertung eines Menschen herangezogen, nicht dessen Werte. Genauso seit sie Sozialisationselement und sinnstiftend. Vor dem Hintergrund steigender Arbeitslosigkeit und Marktübersättigung fragt man sich da natürlich, wie nicht erwerbstätige Menschen den Entzug dieser Kriterien verkraften. Dennoch, der Autor mahnt, die Erfüllung menschlicher Ziele, die Sinn vermitteln, werde nicht allein durch Arbeit erreicht.
Der zweite Ansatz des Autors bezieht sich auf die Gefahr der Konsumgesellschaft, unechte Bedürfnisse nach Genuss und Besitz zu kreieren. Werte und Gefühle würden an Produkte geknüpft, die real nicht zu deren Erfüllung beitragen könnten. Das, was man habe , wird demgegenüber, was man sei, überschätzt oder, schlimmer noch, damit vermischt. Erfolg ist ein neues Auto, Freiheit ein neues Kleid, Liebe ist backen! Dass bei derartiger Verwirrung die Sinnfrage verloren gehen kann, und man unzufrieden wird, weil natürlich nicht das befriedigt wird, was versprochen wurde, leuchtet ein.
Im dritten Ansatz wendet sich der Autor nochmals dem Arbeitsumfeld zu, konkreter dem aktuellen Wertewandel und der diesem hinterher hinkenden Arbeitswelt. Bedürfnisse der Menschen und Aufbau der Strukturen sind inkompatibel geworden. Wandel von Pflichtwerten zu Selbstentfaltungswerten. Die Ziele der Nachkriegsgeneration physische Sicherheit und materieller Wohlstand treten heute zugunsten eines starken Selbstentfaltungsbedürfnisses in den Hintergrund (ein Trend, den mittlerweile viele Studien bestätigt haben). Strukturen und Führungsstile in den Unternehmen würden allerdings noch längst nicht an diesen Bedürfnissen ausgerichtet. Motivation ist hier laut Schnarrer über die 5 Komponenten Sinn, Spaß, finanzieller Erwerb, sozialer Status und autonome Arbeitszeit zu erreichen. So hebt der Autor beispielsweise die Funktion von Zeitarbeitsunternehmen hervor, die Arbeitnehmern Arbeitsplätze nach eigenen Bedürfnissen und Wünschen anböten und liegt dabei völlig neben der Realität.
Überhaupt an vielen Stellen, wo Herr Schnarrer seinen Elfenbeinturm verlässt, und über die umsetzbare Praxis reflektiert, wird die sonst sehr aufschlussreiche Lektüre unglaubwürdig bis naiv, sowohl durch weltfremde Vorstellungen, als auch offensichtliche Unkenntnis der Praxis.
Im letzten Abschnitt folgen zusammenfassende Thesen zur aktuellen Entwicklung, z.B. Sinken der Bedeutung von Lohnarbeit zugunsten anderer Werte wie Freizeit und Familie. Sowie einige Vorschläge des Autors zum Umgang mit dieser Entwicklung. Investitionen um des Profits willen sollten aufhören, und jeder sich dort verwirklichen können, wo er seine Stärken einbringen kann. Hier ist dann der Punkt, wo wir die Ebene realistische Vorschläge zugunsten frommer Wünsche nach einem sorgenfreien Utopia verlassen. (vielleicht eine Berufskrankheit).
Fazit: Das Buch ermöglicht eine interessante Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen Zielen und eigenen Werten, für die neuen Erkenntnisse werden aber keine konkreten Lösungsansätze geliefert. (Sonst hätten wir hier wahrscheinlich auch einen Bestseller vorliegen!)
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dr. Melanie Cordini)
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(Melanie Cordini 01.10.2004) |
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