Autor(en):
Wilhelm Feuerlein war lange Jahre Direktor der Psychiatrischen Poliklinik des Max Planck Instituts für Psychiatrie in München und zählt zu den international führenden Experten für Alkoholismus und Suchtkrankheiten. Franz Dittmar ist Psychologe und war etliche Jahre an Feuerleins Klinik tätig; heute ist er selbständiger Psychotherapeut in Passau. Der habilitierte Mediziner Michael Soyka schließlich ist Suchtexperte an der Psychiatrischen Klinik der Universität München und Inhaber des Wilhelm-Feuerlein-Forschungspreises der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.
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Rezension:
Ein äußerst hilfreicher praxisorientierter Ratgeber nicht nur für Angehörige von Alkoholkranken, sondern auch für Freunde, Kollegen und Vorgesetzte. Dank übersichtlicher Gliederung und gutem Register auch zum selektiven Lesen geeignet.
Dieses Buch ist durchgehend in Frage-und-Antwort-Form aufgebaut; es umfasst insgesamt 121 Fragen rund um das Thema Alkoholismus, die jeweils auf einer halben bis zu zwei Seiten beantwortet werden. Ich war zunächst skeptisch, ob das eine glückliche Struktur ist, weil mir erstens zweifelhaft erschien, ob so eine durchgängige und schlüssige Behandlung der Materie möglich ist und weil Frage-und-Antwort-Sammlungen zweitens leicht unübersichtlich werden. Beide Bedenken sind nach der Lektüre hinfällig: Für Übersichtlichkeit sorgt, dass die Fragen und Antworten in sechs Kapitel und einen Anhang untergliedert sind, und der Eindruck eines zusammenhanglosen Agglomerats von Fragen ist beim Lesen nie entstanden. (Was freilich auch daran liegt, dass die Autoren nicht nur auf Fragen (Mit-)Betroffener antworten, sondern ihren systematischen Text schlicht mit Fragen gliedern.) Diese Struktur entpuppt sich sogar als Vorteil, weil sie de facto 121 (weitgehend) in sich abgeschlossene Kurzkapitel anbietet und so dem eiligen oder nur an einzelnen Aspekten interessierten Leser einen selektiven Zugriff ermöglicht. Bei letzterem hilft auch das 4 Seiten umfassende Schlagwortverzeichnis.
Die ersten beiden Kapitel "Alkohol – schädlicher Gebrauch (Missbrauch) und Abhängigkeit" und "Alkohol – seine Folgen" vermitteln in jeweils knapp 20 Fragen und Antworten die Grundlagen. Daran schließt sich ein kurzes Kapitel über Medikamentenmissbrauch an. Das vierte Kapitel "Ursachen und Entstehungsbedingungen" macht nachvollziehbar, unter welchen Umständen und auf welche Weise sich aus ganz normalen Trinkgewohnheiten eine Alkoholabhängigkeit entwickeln kann. Im fünften Kapitel geht es sehr ausführlich (45 Fragen) um "Behandlung und Vorbeugung"; das reicht von so simplen, pragmatischen Themen wie "Wer trägt die Behandlungskosten?" über so grundsätzliche wie die nach dem besten Zeitpunkt und die Erfolgsaussichten einer Behandlung bis hin zu unterstützenden Maßnahmen wie Selbsthilfegruppen und betrieblicher Suchtprävention. Schließlich folgen "Ratschläge für Angehörige" (von denen viele auch von Freunden, Kollegen und Vorgesetzten umgesetzt werden können).
Besonders wichtig sind Abschnitte wie "Was heißt "richtig helfen"?" – was darauf anspielt, dass sowohl die Angehörigen als auch das betriebliche Umfeld bereits eine ganze Serie von gescheiterten und allseits entmutigenden Hilfsversuchen hinter sich haben: "Vorgesetzte hatten Urlaubsmeldungen geschrieben, wenn er angetrunken zum Dienst erschien, die Ehefrau hatte ihn wegen "Erkältung" entschuldigt, wenn er "blau" zu Hause im Bett lag und nicht arbeiten konnte. Familie, Vorgesetzte und Freunde hatten auf diese Weise eine Art Beschützerrolle übernommen, dem Betroffenen aber damit die Verantwortung abgenommen. (...) Da also der Betroffene keine konkreten Konsequenzen seines Alkoholkonsums verspürte, brauchte er auch sein Verhalten nicht zu ändern. Fünf, zehn, 15 Jahre und länger wiederholt sich das gleiche Spiel!" (S. 145)
Das daraus abgeleitete Fazit mag für Laien brutal klingen, ist aber eine gesicherte und unbestrittene Erkenntnis aus Suchtforschung und -therapie: "Erst, wenn das Umfeld nicht mehr hilft, den Betroffenen gegenüber Freunden, Vorgesetzten usw. nicht mehr entschuldigt und ihn damit die Konsequenzen seines Trinkens deutlich erleben lässt, ist der Betroffene gezwungen, selbst etwas für seine Gesundung zu tun." (S. 145) Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen (und möglicherweise auch, um den Schock nicht zu groß werden zu lassen), schließen die Autoren gleich die Frage an: "Ist Nicht-Hilfe gleichbedeutend mit Nichts-Tun?" Gerade diese konkreten Hinweise für Angehörige und Kollegen sind ausgesprochen hilfreich – doch hätten sie ruhig noch ausführlicher ausfallen dürfen, gerade was ganz banale praktische Aspekte des gemeinsamen Alltags betrifft.
Auch wenn es nicht der Schwerpunkt des Buchs ist, werden an mehreren Stellen auch betriebliche Aspekte angesprochen – sowohl bei der Entstehung von Alkoholabhängigkeit ("Welche Rolle spielt der Arbeitsplatz?"; "Welche Rolle spielen Konflikte in Familie und Beruf?") als auch bei Behandlung und Prävention ("Welche Hilfen können im beruflichen Bereich gegeben werden?"; "Helfen betriebliche Disziplinarmaßnahmen dem alkoholabhängigen Mitarbeiter?"; "Was können speziell Betriebe [zur Prävention] tun?"). Was Disziplinarmaßnahmen betrifft, ist die Antwort differenziert: "Einerseits ist "bekannt, dass der Verlust des Arbeitsplatzes für einen Abhängigen oft ein noch größeres Problem darstellt als das mögliche Auseinanderbrechen der Familie" (S. 139), andererseits pflegen Alkoholiker ihr Problem lange zu verleugnen und sich jede Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten zu verbitten.
Daher lautet die Empfehlung: "Disziplinarmaßnahmen sollten deshalb immer mit Hilfsangeboten gekoppelt werden. so entsteht ein positiv wirkender konstruktiver Druck, der den Betroffenen stärker mit den Fakten konfrontiert, die Auseinandersetzung mit sich selbst und seine Motivation fördert." (S. 139) Auch hier hätte ich mir noch konkretere Aussagen gewünscht, denn es bleibt doch etwas vage, wenn es heißt: "Den Betroffenen von Anfang an schwerste Konsequenzen ("Disziplinarmaßnahmen") anzudrohen (z.B. Kündigung, Scheidung), ist deshalb meist falsch. Es wird dabei nicht bedacht, dass es keineswegs genügt, einen Abhängigen durch ein einmaliges Gespräch von seiner Sucht befreien zu wollen. Ihn zur Behandlung zu motivieren, erfordert vielmehr oft langwieriges und geduldiges, dabei aber (...) gemeinsames und konsequentes Handeln." (S. 140) Leuchtet ein – aber was heißt das konkret? Wie bekommt man die Balance zwischen Geduld und Konsequenz in der Praxis hin?
Über jeden Zweifel erhaben ist die fachliche Qualität dieses Buchs, sind die Autoren doch ausgewiesene Fachleute für dieses Themengebiet. Umso erfreulicher, dass diese "Gurus" in einer leicht lesbaren Sprache schreiben, die auch ohne akademische Vorbildung zu verstehen ist, und sich auch für scheinbar banale, aber unter Umständen existenzielle Fragen wie zum Beispiel die nach der Kostenträgerschaft oder der Lösung von Verschuldungsproblemen nicht zu schade sind.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Winfried Berner, MWonline-Partner Die Umsetzungsberatung) |
(wb 27.01.2005) |
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