|
| Themenliste Literatur |
 |
Arbeitswelt |
Arbeitswelt steht hier als Sammelbegriff für alle Bücher, die sich mit Themen rund um Arbeit und Gesellschaft auseinandersetzen |
Das Buch Dietzfelbingers zu ethischen Fragen im wirtschaftlichen Bereich ist aktueller und lesenswerter denn je auf dem Hintergrund der öffentlich diskutierten Verbandelungen von Politik und Wirtschaft und des Streits um Offenlegung des Zubrots unserer Politiker. Wie ist die Bezahlung und Begünstigung von Mandatsträgern durch Unternehmen ethisch zu beurteilen? Passt es zum Berufsethos eines Politikers, neben seinem Einsatz fürs Gemeinwohl auf der Gehaltsliste von Unternehmen zu stehen? Selbst das Unternehmen ‚Deutscher Fußball & Co.’ wird sich angesichts des sich immer mehr ausweitenden Schiedsrichterskandals mit ethischen Fragestellungen und Konsequenzen befassen müssen, um Vertrauen und Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen.
Sein Buch erscheint in der dritten Auflage 2002 und ergänzt die zweite Auflage 2000 im Wesentlichen um die Kapitel ‚Corporate Citizenship’ (8.7.7.) ‚ Börsenethik’ (9.4.), Shareholder-Value-Konzept’ (9.5.) und um das Fallbeispiel ‚Hermann Humunculus’ (12.9.), das wirtschaftliche Implikationen der Bio- und Gentechnologie aufgreift. Er möchte sein Buch als Buch aus der Praxis für die Praxis verstanden wissen und beschreibt es als ‚Zwischenbericht … aufgrund mehrjähriger Seminartätigkeit zum Thema Grundfragen der Unternehmens- und Wirtschaftsethik.’(S. 18). Allgemein an wirtschaftsethischen Fragen Interessierte, Führungskräfte, Fachpublikum und Lehrende an Schulen sollen einen raschen Überblick über die Themen der praktisch-ethischen Diskussion der Wirtschaft bekommen…’ (S.18). Dieser Zielsetzung wird das Buch m. E. voll und ganz gerecht: Dietzfelbinger schreibt verständlich und verdeutlicht Zusammenhänge an praktischen Beispielen. Ein ausführliches Personen- und Sachregister erleichtern das schnelle Nachschlagen, das umfangreiche Literaturverzeichnis ermöglicht eine thematische Vertiefung im Selbststudium.
Im ‚Teil IV Fallbearbeitungen’ schildert er acht Praxisbeispiele ethischer Konflikte im wirtschaftlichen Kontext. Über Hilfsfragen regt er zur persönlichen Auseinandersetzung bzw. Positionierung an und sensibilisiert für die Wahrnehmung ethischer Konflikte im eigenen Umfeld. Spannend ist es auch, die eigene gefunden Lösung mit der tatsächlich im Einzelfall vollzogenen Lösung (12.10.) zu vergleichen.
Diese Fälle eignen sich hervorragend für den Einsatz in Seminaren oder bei Vorträgen.
In den zwei einführenden Kapiteln benennt Dietzfelbinger die grundlegende Spannung zwischen den Disziplinen Ethik (auf immaterielle, ideelle Werte ausgerichtet) und Ökonomie (Materielle Werte, bestimmt vom Minimal-Maximal-Prinzip: Mit möglichst geringem Aufwand größtmöglichen Gewinn erreichen). Er betont die Gemeinsamkeiten, als da sind: Ausrichtung auf das Wohl des Menschen und die Diskrepanzerfahrung zwischen dem was ist und was sein soll. Er gibt einen Aufriss der relevanten ethischen Fragen hinsichtlich der drei Adressatenebenen Individuum, Unternehmen und dem System Wirtschaft. Der Autor untermauert die These, dass Ethik und Ökonomie elementar aufeinander bezogen sind, sich also gelebtes verantwortungsvolles Handeln und Profitmaximierung nicht ausschließen müssen und sogar multiple-win-Situationen erzeugen können und dürfen.
Anders als der Rezensent, der das Buch vom Ende her aufrollt, fängt der Autor in ‚Teil I: Allgemeine Ethik’ ganz von vorne an und liefert einen Crash-Kurs zur Geschichte der Ethik von der Antike bis zur Gegenwart und zu Grundbegriffen der Ethik Ich finde vor allem die Definitionen zu Grundbegriffen wie beispielsweise Ethos, Moral, Ethik, Verantwortung, Pflicht etc. treffend und hilfreich. In ‚Teil II: Unternehmens- und Wirtschaftsethik’ differenziert er die in der Einführung schon benannten drei Adressatenebenen (Individuum, Unternehmen, Wirtschaft) im Rahmen einer Ethik der Ökonomie systematisch aus und betont, dass sie eng miteinander verzahnt zu sehen sind. Abschnitt ‚7 Das Individuum’ beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Fragen der Führungsethik und des Führungsstils. Als ethisch legitimierten Führungsstil bezeichnet er ein Verhalten, das ‚…den Menschen in seiner Vielschichtigkeit wahrnimmt und den Ansprüchen der Handlungssituation gerecht wird’ (S. 124). Das Kapitel ‚7.8. Menschenbilder in Wissenschaft und Management’ liefert einen kompakten Überblick über Menschenbilder in den Wirtschaftswissenschaften und in Unternehmens- und Managementheorien vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, angefangen von Hume und Smith über Marx, Taylor bis hin zu Schumpeter, Röpke und Müller Armack – um nur einige zu nennen.
Abschnitt ‚8 Das Unternehmen’ ist den Fragen der Unternehmensethik gewidmet.
Auf S. 143 findet der Leser eine Zusammenstellung unternehmensethischer Fragestellungen nach Enderle, Schweizer Unternehmensethiker. Der Autor definiert Unternehmensethik (S. 152) und beschreibt weiterhin Aufgaben und Elemente einer Unternehmensethik (Corporate Identity, Leitbilder, Selbstverpflichtungen, Korruption). Auf die Gestaltung der Unternehmenskultur geht er ausführlicher ein; er stellt auch zwei Checklisten zur Bestandsaufnahme und zu Werten und Verhaltensweisen vor (S.168 – 171). Mit Überlegungen zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen(Stichwort: Corporate Citizenship) beschließt er diesen Abschnitt.
Abschnitt ‚9 Die Wirtschaft’ enthält die Definition für Wirtschaftsethik (S. 202) und beschäftigt sich mit ethischen Implikationen der Globalisierung, der Börse und dem Prinzip des Shareholder Value. In Kapitel 9.6. (S. 221) listet er mögliche Ziele einer Wirtschaftsethik wie beispielsweise Gemeinwohlinteresse, Ressourcenschonung etc. auf. In Kapitel 9.7. skizziert er die Verzahnung der drei Ebenen anhand des Denkmodells einer Ökologisch-Sozialen-Marktwirtschaft. Kapitel 10 beschreibt folgende vier Orientierungen einer praktischen Ethik für die Ökonomie: Wirtschaftsethik als Nachhaltigkeit – Untersuche die Bedingungen der Knappheit – Überprüfe den Nutzen! – Frage nach dem Aufwand!
Ganz besonders hilfreich finde ich ‚Teil III: Aktuelle Ansätze’, der eine kompakte Übersicht über individual-, unternehmens- und wirtschaftsethische Ansätze des 20. Jahrhunderts liefert mit Namen wie u. a. Wünsch, Steinmann, Homann, Enderle, Lay und Koslowski. ‚Teil V: Wirtschaftsethik als Stilfrage’ verstehe ich gewissermaßen als Synthese seiner Ausführungen. Dietzfelbinger legt nochmals Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Disziplinen Ethik und Ökonomie dar und folgert, eine umfassende Wirtschaftsethik müsse interdisziplinär angelegt sein, d.h. sie müsse die Differenzen und Gemeinsamkeiten verbinden und zwischen bzw. über den Disziplinen stehen. Der Mensch sei das Bindeglied zwischen den Disziplinen, insofern müsse er ‚…als Ansatzpunkt einer interdisziplinären Wirtschaftsethik genommen…’ (S.270) werden. Was wiederum bedeute, dass individueller Lebensstil, Unternehmensstil und Wirtschaftsstil als ineinander verzahnt und einander bedingend betrachtet und reflektiert werden müssen. Was das konkret bedeuten kann, entfaltet er thesenartig auf den letzten Seiten (S. 270-274).
Auch der Rezensent stand vor einem ethischen Konflikt: Schreibe ich einfach: Leute, die ihr als Führungskräfte, Coaches, Berater etc. unterwegs seid, kauft dieses Buch. Es wird euer (Leben und) Arbeiten bereichern. Eine Kurzdarstellung ist fast unmöglich, weil die Inhalte so kompakt dargestellt werden, dass ein stichwortartiges Eingehen auf inhaltliche Aspekte nur Plattheiten erzeugen würde.
Oder gehe ich auf eine intensivere inhaltliche Betrachtung und Darstellung ein, dann würde das mit Sicherheit die Dimensionen einer Rezension überschreiten und in einen eigenen Aufsatz münden. Ich habe mich – wie ich hoffe - für den goldenen Mittelweg entschieden und Ihnen hoffentlich Lust auf dieses Buch machen können. Einer Neuauflage des Buches würde ich ein anderes Layout wünschen, und zwar ein größeres Schriftbild und Format mit Platz für eigene Notizen. Der hochwertige Inhalt dürfte durchaus in eine hochwertigere Form gepackt werden. Auch einige störende Tippfehler sollten dann getilgt werden.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Reinhard Fukerider) |
(Fukerider.Coaching 10.02.2005) |
|