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Interkulturelles Management |
Die Welt wird zum Dorf, und unsere Geschäftspartner und Kollegen können irgendwo in diesem Dorf sitzen. Oder sie sitzen direkt neben uns, kommen aber aus einem ganz anderen Teil der Welt. Bücher zu dem Thema, wie man in und mit anderen Kulturen zurecht kommt. |
"Kiss, Bow, Or Shake Hands" folgt einem ähnlichen Konzept wie Richard Lewis´ "When Cultures Collide" – mit einigen Unterschieden im Detail, die in gewisser Weise selbst charakteristisch sind für den Unterschied zwischen Briten und Amerikanern. Wie bei Lewis besteht das Kernstück des Buchs darin, die geschäftsbezogenen Sitten und Gebräuche in einer großen Zahl von Ländern darzustellen. Allerdings bietet der Brite Lewis, bevor er zu den Länderportraits kommt, auf rund 160 Seiten eine umfangreiche (und lesenswerte) Einführung in interkulturelle Unterschiede und ihre Implikationen für die geschäftliche Zusammenarbeit, während die ultrapragmatischen Amerikaner nach einer eben 5-seitigen "Gebrauchsanweisung" sofort das erste Land aufrufen: Argentinien. Warum Argentinien? Weil es im Alphabet vor Australien kommt, welchselbem wiederum Belorus (Weißrussland) folgt.
Der Europäer Lewis ordnet die Länder "selbstverständlich" nicht nach dem Alphabet, sondern nach Kulturkreisen – eine sehr sinnvolle Sache, unter der einzigen Prämisse, dass seine Leserschaft wenigstens eine grobe Vorstellung von den Regionen dieser Welt hat. Morrison, Conaway und Borden wollten hier offenbar kein Risiko eingehen, ebensowenig wie mit einer allgemeinen Einführung, die dann kurz vor dem Abflug von den meisten wohl doch überblättert wird. Wie in der UNO werden so Schweden und die Schweiz zu Nachbarn, und sie grenzen "vorne" an Sri Lanka und "hinten" an Taiwan. Ich gebe zu, dass ich da als bekennender alter Europäer etwas zucke: Auf diese Weise ist es natürlich unmöglich, grenzüberschreitende Gemeinsamkeiten etwa zwischen den skandinavischen oder mittelamerikanischen Ländern zu erkennen – was die Autoren auch zu Wiederholungen zwingt, die man vielleicht auch hätte "vor die Klammer ziehen" können. Ihr Buch wird damit zum reinen Nachschlagewerk: Es eignet sich kaum dazu, ein tieferes Verständnis für die (Geschäfts-)Kulturen in unterschiedlichen Weltregionen zu ermitteln, aber sehr gut für eine erste schnelle Orientierung über das nächste Reise- und Verhandlungsziel.
Wegen der "Einsparung" eines allgemeinen Teils haben Morrison, Conaway und Borden bei vergleichbarem Gesamtumfang wie Lewis etwas mehr Platz pro Land: im Durchschnitt 6 Seiten. Die Bandbreite reicht von brüskierenden 5 Seiten für Frankreich (ausgerechnet!), Ungarn, Panama und Rumänien bis hin zu überraschenden 12 Seiten für (raten Sie, Sie kommen nie drauf!) Indonesien. Der Umfang der Darstellung richtet sich, soweit ich erkennen kann, nicht nach der wirtschaftlichen Bedeutung der jeweiligen Länder, sondern wohl eher nach der Menge dessen, was es aus amerikanischer Sicht dazu zu sagen gibt, vielleicht auch nach der Verfügbarkeit von Material. Deutschland liegt mit 9 Seiten über dem Durchschnitt, gleichauf zum Beispiel mit Taiwan und der Türkei; damit wurde ihm eine Seite mehr als China gewidmet (und eine weniger als Singapur).
Während Richard Lewis – auch hier very british – einfach im eleganten Plauderton erzählt, was an der jeweiligen Landeskultur besonders bemerkenswert ist, worauf man dort als reisender Ausländer gefasst sein muss, und dabei nur einige zentrale Aspekte halbwegs durchgängig abdeckt ("How to Empathize With ..."), orientieren sich die Amerikaner an einem festen Schema: Sie beginnen mit "Country Background", worin sie jeweils kurz auf "History", "Type of Government", "Language", "Religion" und "Demographics" eingehen; darauf folgt die "Cultural Orientation" mit "Cognitive Styles", "Negotiation Strategies" and "Value Systems". Als dritter Punkt schließen sich die "Business Practices" an, mit "Appointments", "Negotiating", "Business Entertaining" und "Time". Den Abschluss bildet das "Protocol": "Greetings", "Titles / Forms of Address", "Gestures", "Dress" und "Gifts". Diese einheitliche Struktur hat den Vorteil der höheren Übersichtlichkeit und Vergleichbarkeit – und den Nachteil, weniger von dem "Geist" der jeweiligen Kultur zu vermitteln.
Dabei sind sich die Autoren auch für die "nitty-gritty details" nicht zu schade. So enthält jeder Abschnitt Hinweise zu den landesüblichen Geschäftszeiten, der Zeitzone und – siehe Titel – den landesüblichen Begrüßungsforme(l)n. Und auch detaillierte Hinweise zur Kleidung, wie etwa zu Belgien: "Conservative dress is best. Slip-on shoes such as loafers are not appropriate for men. Shoes should be well polished." (S. 26) Das mag man vom fernen Schreibtisch aus allzu nebensächlich und detailversessen finden. Aber wenn man einmal vor der Frage gestanden ist, zu welcher Uhrzeit man zu einer Einladung erscheinen soll, um weder zu früh noch zu spät zu kommen, oder welche Art von Mitbringseln angemessen ist, ist für Hinweise dankbar wie: "... bring flowers (not chrysanthemums, which signify death) or chocolates for the hostess. Do not bring 13 of any flower. Red roses are only for lovers." (ebenfalls zu Belgien, S. 26) Allerdings erzwingt die streng formale Struktur auch Wiederholungen. So wiederholt sich vielfach der Hinweis "Remember that many European and South Americans write the day first, then the month, then the year (e.g.; December 3, 1999, is written 3.12.99). This is the case in ..." Auch der Hinweis, dass in Frankreich die offizielle Sprache französisch ist und in Deutschland deutsch, hat einen Hauch von Redundanz. (In England immerhin hatten die Autoren ein Einsehen ...).
Nun steht und fällt solch ein Buch, gerade wenn es so detaillierte Hinweise gibt, natürlich damit, dass diese Hinweise auch stimmen. Nachprüfen kann man das als Leser nur für die wenigen Länder, in denen man sich so gut auskennt, dass man es weiß – und gegebenenfalls besser weiß. Die Hinweise, welche die Autoren zu Deutschland geben, sind selten wirklich falsch, doch sie liefern ein sehr konservatives, um nicht zu sagen altbackenes Deutschlandbild: "Business dress in Germany is very conservative. Virtually all businessmen wear dark suites, sedate ties, and white shirts. However, blue blazars and grey flannel pants are also considered formal. Khaki or seersucker [Leinen] suits are not acceptable! Women dress equally conservatively, in dark suits and white blouses." (S. 134) Manche Statements über uns Deutsche finde ich geradezu erschreckend: "Germans smile to indicate affection [Zuneigung]. They generally do not smile in the cource of business, either at customers or at coworkers. Business is serious; Germans do not appreciate humor in a business context. Compliments tend to embarrass Germans..." (S. 131) Andere Hinweise wiederum lassen Insiderwissen erkennen: "German punctuality does not extend to delivery dates. Products may be delivered late without either explanation or apology." (S. 130)
Aber vermutlich ist das gerade das Problem von Ratgebern, die sehr detaillierte und spezifische Hinweise geben: Sie unterliegen am schnellsten dem Wandel der Zeiten. Dieses Buch ist 1994 erstmals erschienen, und die Recherchen dazu lagen vermutlich in den 10 oder 20 Jahren davor. Also spiegelt das Buch nicht nur für Deutschland, sondern mehr oder weniger wohl für alle beschriebenen Länder das Bild der 80-er oder beginnenden 90-er Jahre. Seine heutige Gültigkeit hängt davon ab, wie viel sich seither im jeweiligen Land und seiner Geschäftskultur geändert hat. Angesichts der politischen Umbrüche in Europa wirft dies die Frage auf, inwieweit etwa die Aussagen zu Polen, Tschechien und Ungarn überhaupt noch aktuell sein können. Angesichts der fortschreitenden Globalisierung stellen sich ähnliche Fragen auch zu den Exportnationen im Fernen Osten, insbesondere zu China, das erst spät, aber dafür umso entschlossener auf den Globalisierungszug aufgesprungen ist. So betrachtet, ist es wahrscheinlich gar kein so schlechtes Zeichen, dass auch manche Aussagen zu Deutschland etwas antiquiert wirken: Anscheinend tut sich doch etwas in diesem unserem Lande.
Offenkundig sind Geschäftskulturen also in Bewegung – was den Nutzwert solcher Ratgeber zwangsläufig und unverschuldet einschränkt. Sie haben dadurch unweigerlich schon bei ihrem Erscheinen etwas Museales, und erst recht, je älter sie werden. Das ist bei den Hinweisen zu Geschichte, Kultur und "Nationalcharakter", wie sie Richard Lewis in "When Cultures Collide" gibt, weniger ein Problem als bei spezifischen Tipps zu Geschäftsgebaren, Verhandlungsführung und Etikette, wie sie drei Amerikaner vermitteln wollen. Nützlich sind ihre Hinweise dennoch – unter der Bedingung, dass man sie nicht zu wörtlich nimmt, sondern eher als Trendaussagen versteht. Insofern würde ich trotz einer persönlichen Präferenz für das Werk von Lewis keine eindeutige Empfehlung abgeben, sondern dazu raten, im "Ernstfall" in beide Bücher einen Blick zu werfen. Und möglichst zusätzlich noch in ein oder zwei Werke, die sich spezifisch mit dem angesteuerten Land befassen. In einem Punkt allerdings haben die Amerikaner klar die Nase vorn: Ihr Englisch ist weitaus weniger "sophisticated" als das von Lewis und damit ausländerfreundlicher.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Winfried Berner)
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(wb 16.02.2005) |
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