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Interkulturelles Management |
Die Welt wird zum Dorf, und unsere Geschäftspartner und Kollegen können irgendwo in diesem Dorf sitzen. Oder sie sitzen direkt neben uns, kommen aber aus einem ganz anderen Teil der Welt. Bücher zu dem Thema, wie man in und mit anderen Kulturen zurecht kommt. |
Rezension:
Detaillierte Länderführer bergen nicht selten eine Vielzahl von Ent-Täuschungen, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Sie beendigen Täuschungen, die man über das jeweilige Land im Hinterkopf hatte. Naturgemäß sind Enttäuschungen nicht immer angenehm, vor allem wenn sie den Abschied von romantischen Projektionen mit sich bringen oder die Korrektur sorgfältig gepflegter Vorurteile nahelegen. Aber sie sind in jedem Fall nützlich, weil sie die Realitätsdichte erhöhen, zu alltagstauglicheren Erwartungen führen und auf diese Weise späteren herberen Erfahrungen vorbeugen. Denn im Zweifelsfall ist es besser, solche Ent-Täuschungen mental zu erleben als durch leidvolle Erfahrungen in der Realität.
Indem er die geschichtlichen Hintergründe und Entwicklungen beschreibt, trägt ein guter Länderführer auch dazu bei, jenes allzu statische Bild zu dynamisieren, das zwangsläufig aus der Beschreibung von "Nationalcharakteren" entsteht, und seien sie noch so sorgfältig und kenntnisreich erstellt (wie z.B. Richard Lewis´ "When Cultures Collide"). Dann erkennt man plötzlich, dass bestimmte Eigenheiten und Verhaltensmuster, mit denen man bei einer geschäftlichen Zusammenarbeit konfrontiert ist, keine bloße Zufälligkeit oder "Laune der Kulturgeschichte", sondern – durchaus vergleichbar dem Lebensstil eines Individuums – die Antwort eines Volkes auf die Herausforderungen seiner Lebensgeschichte sind; sie sind im Adler´schen Sinne das Produkt der Entscheidungen, die es aus seinen älteren und jüngeren Erfahrungen abgeleitet hat. Und man begreift, dass der "Nationalcharakter" nicht in Eisen gegossen ist, sondern in Bewegung – ganz besonders in Kulturen, die mit so einschneidenden Veränderungen ihrer Lebensbedingungen konfrontiert sind wie die Länder des östlichen Mitteleuropa.
Solch ein Buch zu schreiben, stellt hohe Anforderungen an den Autor. Es erfordert Nähe und Abstand zugleich, ein sehr breites Bild bei gleichzeitig tiefer Durchdringung des Beobachteten und seiner Hintergründe, Mut zur klaren Stellungnahme, die zwangsläufig von einer gewissen Subjektivität geprägt ist, bei gleichzeitigem Bemühen um größtmögliche Objektivität. Das wirft zwangläufig die Frage auf, welchen Erfahrungshintergrund und welche lebensgeschichtliche Perspektive derjenige mitbringt, der sich aufmacht, Ausländern ein Bild seines Landes zu vermitteln. Doch über seinen Autor verrät dieses Buch nicht allzu viel. Wir erfahren nur, dass Jíøí Burgerstein in Göttingen Slawistische Philologie, Germanistik und Kommunikationswissenschaft studiert hat, dass er Jahrgang 1955 ist, dass er (was?) an der Universität Pilsen lehrt und dass er mit einer Deutschen verheiratet ist. Mit Ausnahme des Auslandsstudiums enthält das kaum Hinweise, die dem Leser eine Einschätzung seiner Perspektive ermöglichen würden.
Jíøí Burgerstein erweist sich als gestrenger Kritiker seines Landes und seiner Landsleute – und widerlegt gerade so das Bild, dass Tschechen harmonieorientiert sind und Konflikten nach Möglichkeit aus dem Weg gehen. Wichtiger als auf den ersten Blick zu vermuten, ist für seine Perspektive sein Lebensalter: Er hat noch die sozialistische Tschechoslowakei erlebt, als Jugendlicher den Einmarsch der Warschauer Pakt-Staaten und die nachfolgende Depression, und als Enddreißiger erlebte er den Zusammenbruch des Sozialismus und den Übergang zur Marktwirtschaft samt der damit verbundenen Verwerfungen und Enttäuschungen. Das Buch entstand in einer Zeit, in der dieser Umbruch noch in vollem Gange war, und man darf annehmen, dass ein anderes Buch herausgekommen wäre, wenn der Autor eine halbe Generation jünger oder älter gewesen wäre. Ebenso dürfte auch die Frage "Auslandstscheche" oder "Inlandstscheche" nicht unwesentlichen Einfluss auf den Betrachtungswinkel haben.
Burgersteins "Tschechien" ist in fünf Hauptkapitel gegliedert. Das erste heißt schlicht "Das Land" und gibt einen Überblick über die Geographie und über die Nachwirkungen des Eisernen Vorhangs in der Grenzregion zum Westen (und Süden), über die sieben Regionen des Landes und über Lebensformen in Stadt und Land ("Böhmische Dörfer"; "Wohnhaft: In Beton"; "Die Datscha"). Kleine Kästen erläutern in diesem wie auch in allen folgenden Kapiteln allerlei wissenswerte oder auch nur interessante Details, vom Weinbau in Mähren über eine Smetana-Anekdote und die Freizeit-Not von tschechischen Jugendlichen bis hin zu historischen Legenden wie der von Prémysl und Libussa.
Das zweite Kapitel gibt einen knappen Überblick über die tschechische Geschichte. Dabei werden auch jene Ereignisse und Legenden in ihren Zusammenhang eingeordnet, die wir Deutsche episodenhaft aus der Schule kennen, wie etwa die vom schweigsamen Beichtvater Nepomuk (1393), der Verbrennung des Jan Hus auf dem Konzil zu Konstanz (1415) oder der gesundheitsgefährdenden Prager "Tradition" der Fensterstürze (1418, 1618, 1937). Besonderen Raum nimmt dabei die neuere und neueste Geschichte ein, wobei Burgerstein auch die noch kaum verheilten Wunden der jüngeren deutsch-tschechischen Vergangenheit (Sudetendeutsche Partei und ihre Forderung nach dem "Anschluss", Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, Heydrich-Attentat, Massaker von Lidice und Ležáky) nüchtern und fair benennt. Aber auch die Jahre des Kommunismus, die Versuche seiner Liberalisierung (Prager Frühling, Charta 77), seine Überwindung und seine Fortwirkungen in die Gegenwart werden pointiert behandelt, ohne dass daraus eine trockene Aneinanderreihung von Fakten wird.
Das Kapitel 3 "Kultur" beginnt mit der tschechischen Sprache und den linguistischen Stolpersteinen, die sie Ausländern in den Weg legt, obwohl sie "eigentlich ganz einfach" ist: ráthaus, špitál (das "š" wird wie "sch" gesprochen), kremrole, šnuptychl und, als Krönung, mýrnyctýrnyx. Dann kommt Burgerstein zu den Besonderheiten der tschechischen Kommunikation, die um ein Vielfaches indirekter, vorsichtiger und diplomatischer ist als unsere deutsche: "Die besondere Kunst beruht darauf, so zu formulieren, dass man jederzeit einen Rückzieher machen kann." (S. 81) Über "Bücher" und "Bühnen" geht es dann weiter zu "Kino" und "Musik", bevor etwas überraschend "Telefon", "Rundfunk und Fernsehen", "Presse" und als Ende der Kultur das "Schulsystem" folgen.
Das umfangreiche vierte Kapitel (76 S.) ist "Politik und Gesellschaft" gewidmet. In dessen erster Hälfte schlägt Burgerstein einen großen Bogen von der Charta 77 über die heutigen Parteien und die Politik nach der Wende bis zu den vielfältigen Mühen und Schwierigkeiten, sich auf die neue Zeit einzustellen, und den Rückschlägen auf diesem Weg, die sich zum Beispiel in Altersarmut, Kriminalität, Prostitution und Frauenhandel äußern. Die zweite Hälfte des Kapitels trägt die Überschrift "War Schwejk ein Tscheche?" Sie lässt ahnen, dass Burgerstein einige kritische Anmerkungen zu seinen Landsleuten vorzubringen hat. Und so überrascht es auch kaum, das eine Unterüberschrift lautet: "Schwejk versus Spitzel Brettschneider". Ein anderer Abschnitt ist überschrieben mit "Eine verschwundene Minderheit"; er befasst sich mit jenen 90.000 tschechischen Juden, von denen ganze 4.000 das Tausendjährige Reich überlebten – und sich nach dem Krieg mit neuen Schikanen konfrontiert sahen. Spätestens in diesen Passagen mischt sich ein bitterer, schmerzlicher Unterton in Burgersteins sachlichen Text, der in den Ausführungen zur böhmischen Küche und diversen Traditionen nur vorübergehend verfliegt.
Von "Wirtschaft und Umwelt" handelt schließlich das fünfte und letzte Kapitel. Darin wird deutlich, dass Burgerstein die Entwicklung der letzten Jahre (vor dem Erscheinen des Buchs, also 1998) immer suspekter wurde. Eine "Marktwirtschaft ohne Adjektive" setzten die gewendeten Politiker durch, und dabei blieb vielerorts nicht nur die Umwelt auf der Strecke, die von der Politik geradezu skrupellos ignoriert wurde, sondern auch viele andere Einflussfaktoren auf die Lebensqualität. Auch die Privatisierung der Staatsbetriebe hat – wenigstens bei unserem Autor – Enttäuschung und Verbitterung hinterlassen: "Wie überall im ehemaligen Ostblock kam es im Zuge der Privatisierung zur schamlosen Bereicherung über die verschiedensten Kanäle und alten Seilschaften. Oft waren es gerade die `alten Strukturen´, die das notwendige (zusammengeklaute) Anfangskapital besaßen und sich gleich in der ersten Welle der Privatisierung einkaufen konnten." (S. 189)
Ungebrochene Traditionen gibt es offenbar auch im Bereich der Energiepolitik. Einer hemmungslosen Energieverschwendung wie zu besten Zeiten des Realsozialismus steht eine Energieproduktion mit allen Mitteln gegenüber. Sie hat nicht nur zu einer Vielzahl von Staudämmen geführt, sondern auch zu einer, gemessen an der Größe des Landes, erstaunlichen Zahl von Atomkraftwerken bei gleichzeitig ungelöster Entsorgungsfrage. In diesen Passagen, die sich letztlich auf die Zukunftsperspektiven des Landes beziehen, sind Burgersteins Aussagen von spürbarem Pessimismus geprägt: Er vermittelt hier den Eindruck, dass hier eine weitgehende Konzeptionslosigkeit mit postsozialistische Wurstigkeit gegenüber den Folgen des eigenen Handelns eine unheilvolle Verbindung eingeht.
Insgesamt ein lesenswertes Buch für alle Tschechien-Interessierten, das nur einen unverschuldeten Mangel hat: Da es schon 1998 erschien und seither nicht aktualisiert wurde, fehlt das "Ende der Story". Das Buch endet mitten in dem angebrochenen Umbruch, doch der Leser erfährt nicht, wie sich die tschechische Variante der Wende denn weiterentwickelt hat. Angesichts seiner unbestreitbaren Qualitäten hätte das Buch eine Neuauflage samt Aktualisierung verdient.
MWonline zur Verfügung gestellt von Winfried Berner, Die Umsetzungsberatung) |
(wb 01.07.2005) |
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