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  Buchbesprechung


Aufstellungsarbeit revisited. ... nach Hellinger?
Mit einem Metakommentar von Matthias Varga von Kibéd

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Weber, Gunthard / Schmidt, Gunther / Simon, Fritz
(2005)
Carl-Auer, ISBN: 3896704869


Unsere Bewertung:   

Schlagworte:
Organisationsentwicklung, Organisationsaufstellungen, Familienaufstellung, Systemische Beratung

Themenliste Literatur
Organisationsentwicklung   Organisationen entwickeln sich immer, auch wenn man das nicht aktiv betreibt. Aber manchmal möchte man ja auch eingreifen...

Ein beachtenswertes Buch! Vor allem natürlich für Trainer, Berater, Personalentwickler und Coachs, die sich mit der Aufstellungsarbeit, der von Teams und Organisationen, schon beschäftigt haben. Oder für solche, die überlegen, ob und wie die Methode, ursprünglich im Bereich der Familientherapie entwickelt und in den letzten Jahren mit dem Namen Bert Hellinger fokussiert verwickelt bis hin zur Synonymsetzung, angemessen in den Businesskontext übertragen werden kann. Ein Buch allerdings, dass ohne Vorkenntnisse der Methode und der Auseinandersetzung um die Person Hellinger kaum wirklich zu verstehen ist.

So geht es zunächst und vor allem darum, Position zu beziehen, untereinander und gegenüber Hellinger. Das scheint schon im bewusst mehrdeutig gemeinten Untertitel "nach Hellinger" auf, der im Sinne der Gefolgschaft, der ideologischen Abgrenzung sowie zeitlich anschließend im Sinne von "neuer Epoche" gelesen werden kann. Solcherlei dialektische Spitzfindigkeiten schärfen die Sinne und markieren Unterschiede - und darum geht es überwiegend in diesem Buch. Denn wenn drei hochkarätige und bekannte Protagonisten, die gemeinsam in den 80er Jahren die sogenannte "Neue Heidelberger Schule der systemischen Therapie und Beratung" gegründet haben, aufeinander treffen, ist das an sich schon höchst unterhaltsam und lehrreich. Und damit auch andere etwas davon mitnehmen, haben sie ihr Zusammentreffen gleich mit angeschlossenem Publikum und als Aufstellungsseminar konzipiert: Gunthard Weber, Leiter des Wieslocher Instituts, dem eine gewissen Nähe zum umstrittenen "Aufstellungsguru" Bert Hellinger nachgesagt wurde, Gunther Schmidt, bekannter Hypnotherapeut, und Fritz B. Simon, inzwischen Professor für Führung und Organisation an der Universität Witten/Herdecke.

Simon schlägt für die gemeinsame Diskussion die Unterscheidung zwischen Beschreiben, Erklären und Bewerten vor. Womit schon deutlich wird, woran die allgemeine Diskussion um und über Aufstellungsarbeit - vor allem nach Hellinger, auf den man sich bezieht wie auf einen charismatischen Garanten der "reinen Lehre" - krankt: an der nötigen begrifflichen Schärfe und Wissenschaftlichkeit.

Gunthard Weber führt eine erste Aufstellung durch. Es folgt jeweils ein Kommentar von Gunther Schmidt und Fritz B. Simon. Ein weitere von Gunthard Weber schließt sich an - ein zirkuläres, reflektierendes Vorgehen, das sich anschließend zur breiten Diskussion mit dem Publikum erweitert. Es folgt ein Metakommentar Simons: Zauberer oder Forscher - Klassische systemische Therapie versus Bert Hellingers Aufstellungsarbeit. Hier werden akribisch die Unterschiede herausgearbeitet: Hellinger erscheint als Schamane, der Aufstellungen dirigistisch als Übergangsritual inszeniert, sich gegen Kritik immunisiert und den Personenkult offenbar genießt. Zugleich bezweifelt Simon, dass das eher nüchtern reflektierende systemische Vorgehen bessere Resultate hervorbringe: Denn der Rolle des Magiers entspreche das Klientel, das all seine Sehnsucht und Hoffnungen auf den Heiler projiziere. Unter anderem im Rollenverständnis unterscheiden sich Systemiker von Heilern wie Hellinger - und deren Klientel spiegelbildlich offenbar auch.

Ein genialer Schachzug stellt die nun anschließende Aufstellung der Beziehung unserer Protagonisten zu Hellinger dar. Hier wird nicht nur (via Aufstellungsstellvertreter) die Beziehung simuliert, sondern auch gewürdigt und transformiert. Deutlich wird damit auch der inszenierende Aspekt von Aufstellungen: Im Kreis des Publikums setzt man sich auseinander, interagiert und klärt. Hier findet ein eigenes Ritual statt - und das Publikum übernimmt in der Performance die Rolle des Chors im klassischen Drama (oder die des Trauzeugen bei der Hochzeit). "Hellinger" ist damit im Sinne des zeitlichen "nach" überwunden.

Es folgt ein grundsätzlicher Kommentar aus hypnotherapeutischer Sicht von Gunther Schmidt, der anschließend selbst eine Aufstellung anleitet, die wieder kommentiert und diskutiert wird. Gunthard Webers Metakommentar kreist um den Unterschied zwischen phänomenologisch und konstruktivistisch, anschließend leitet er selbst eine Aufstellung an, gefolgt wieder von Kommentaren und Diskussionen. Es folgt eine fünfte Aufstellung, angeleitet durch Fritz B. Simon mit bekanntem Kommentarprozedere sowie eine Abschlussdiskussion mit dem Publikum.

Starker Tobak für alle, die bislang mit großem Interesse, reichlichem Amüsement und etlichen Aha-Erlebnissen dem Geschehen gefolgt sind, stellt der abschließende Metakommentar aus der Feder von Matthias Varga von Kibéd dar. Er, der Philosophieprofessor und Wissenschaftstheoretiker, der zusammen mit Insa Sparrer eine eigene Schule der Aufstellungsarbeit etabliert hat, schöpft hier aus dem Vollen. Wer seine Bücher nicht kennt und auch weder das Früh- noch das Spätwerk von Ludwig Wittgenstein studiert hat, wird hier schnell nur noch "Bahnhof" verstehen. Obwohl nun genau die differenzierenden Ausführungen dazu kommen, was wir "Repräsentierende Wahrnehmung" nennen, wie wir sie uns erklären und was sie uns bedeuten können. Vermisst hat der Rezensent an dieser Stelle allerdings die Beschäftigung mit der modernen Kognitionspsychologie. Was Dietrich Dörner und andere über den Sprache-Bild-Zyklus, über den Gebrauch von Schemata bei Wahrnehmung und Gedächtnis erforscht haben, wird von Varga von Kibéd überhaupt nicht rezipiert, hätte aber - neben der Sprachspieltheorie - eine interessante Perspektive auf die "Repräsentierende Wahrnehmung" und ihre Erklärung werfen können.

Zur schweren Kost hinzu kommt, das Varga von Kibéd sich dezidiert mit den Auffassungen seiner drei Kollegen auseinandersetzt und diese oberlehrerartig kritisiert. Lustig hingegen, dass er immer von "Insa Sparrer und ich" spricht, diese aber gar nicht zur Sprache kommt, da er Alleinautor ist - auch eine Art Aufstellungsarbeit: mit einer Nichtanwesenden.

Die Diskussion und wissenschaftliche Fundierung wird sicher an anderer Stelle weiter geführt werden. An dieser Stelle und mit diesem Buch hat man allerdings eine tiefen und breiten, nützlichen Insiderblick gewonnen.

(MWonline zur Verfügung gestellt von Thomas Webers, Chefredakteur der Wirtschaftspsychologie aktuell)

(thw 12.08.2005)

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