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Mobbing ist immer noch ein Thema von unverminderter Aktualität und Brisanz. Um so wichtiger ist es daher für Personaler, Arbeitnehmervertreter, Berater und Therapeuten über ein fundiertes Wissen zu diesem Thema zu verfügen. Genau dieses Wissen möchte das vorliegende Buch vermitteln. Es ist in vier Teile mit insgesamt 17 Beiträgen auf ca. 380 Seiten aufgeteilt.
Im ersten Teil geht es um die wissenschaftlichen, diagnostischen und rechtlichen Grundlagen des Mobbings. So handelt der erste Beitrag von Dieter Zapf von den Grundlagen, Definition, Ursachen des Mobbings und Abgrenzung zu verwandten Konzepten. Dass dieser 17 Seiten lange Beitrag sehr informativ ist und wirklich umfassend informiert, zeigen u.a. die sechs Seiten umfangreichen Literaturhinweise. Die Definitionen und grundlegenden Fakten zum Thema Mobbing werden übrigens in regelmäßigen Abständen im Buch von anderen Autoren wiederholt, doch hier gehören sie auf jeden Fall auch zur Überschrift. Im zweiten Beitrag von Claudia Groß werden die Ergebnisse einer Tagebuchstudie über die Unterschiedlichkeit von sozialen Konflikten und Mobbing am Arbeitsplatz dargestellt. Der dritte Beitrag (Manfred Zielke) beschreibt Möglichkeiten der Diagnostik und Differentialdiagnostik des Mobbinggeschehens. Hier werden auch eine Reihe von wissenschaftlichen Fragebögen zur Erfassung von Mobbing bzw. belastende Arbeitssituationen vorgestellt. Dies ist natürlich vor allem für die Leser in einem entsprechenden Arbeitsbereich (Therapie, Rehabilitation, Beratung im Bereich Mobbing) von besonderem Interesse. Diese Leser hätten dann auch mit der Sprache der Psychotherapie(-forschung) und der akademischen Psychologie in vielen Beiträgen des ersten und zweiten Teils des Buches keine Probleme. Wem diese Sprache unvertraut ist, der könnte Verständnisprobleme in den Details so mancher Beiträge bekommen.
Kurz und knackig wird im vierten Beitrag von Dirk Wietzig u.a. über eine Studie zum subjektiven Erleben arbeitsrelevanter Merkmale von Mobbingopfern im Vergleich zu einer Kontrollgruppe berichtet. Hier sei nur vorweggenommen, dass sich Mobbingopfern offensichtlich im Erleben von anderen Personen in Bezug auf arbeitsbezogene Merkmale unterscheiden (z.B. Bedeutsamkeit der Arbeit, Ehrgeiz, Verausgabebereitschaft...). Besonders bedeutsam erschien den Autoren die weniger stark ausgeprägte Fähigkeit zur Distanzierung von Problemen am Arbeitsplatz im Vergleich zur Kontrollgruppe. Ob dies allerdings eine "Ursache" oder Folge des Mobbings ist, kann eine solche Studie nicht eindeutig beantworten. Der fünfte Beitrag (Anne Schiller u.a.) vergleicht Mobbingopfer und psychosomatische Patienten im Ausmaß ihrer Depressivität zu Beginn einer klinischen Behandlung. Dieser Beitrag erfordert auf jeden Fall grundlegende Statistikkenntnisse. Der letzte Beitrag im Teil eins des Buches stammt von Bernd Ruberg, der sich mit den Erfolgsbarrieren und Erfolgsbedingungen im gerichtlichen Rechtschutz gegen Mobbing beschäftigt. Auch hier kann nicht der Inhalt des Beitrages wiedergegeben werden, der sich sehr differenziert mit den verschiedenen Urteilen verschiedener Landesarbeitsgerichte und der Rechtslage auseinandersetzt. Doch dass ein Betroffener nicht ohne vorherige rechtliche Beratung den gerichtlichen Weg einschlagen sollte, scheint aus diesem Beitrag sehr deutlich hervorzugehen.
Der zweite Teil des Buches gibt einen Einblick in aktuelle "Klinische Problemstellungen und Behandlungskonzepte". So gibt uns Beitrag von Wolfram Fanke vom Rehabilitationszentrum der BVA in Bad Kissingen eine Einführung in das Thema Gesundheit und Erwerbsleben sowie der diagnostischen, therapeutischen und gutachterlichen Arbeit von Rehabilitationskliniken. Der zweite Text von Josef Schwickerath und Volker Kneip von der Klinik Berus ist eine Einführung in das stationäre Behandlungskonzept von Patienten, die unter Mobbing am Arbeitsplatz leiden. Neben vielen Informationen über Mobbing, deren Ursachen etc. geht es im Wesentlichen um das Therapiekonzept, welches als ein Kernstück eine Mobbinggruppe beinhaltet, deren Ziel die Information, die Bearbeitung des Fremdanteils, die Bearbeitung des Eigenanteils und den Aufbau einer Veränderungsmotivation ist. Die Beschreibung des Therapiekonzeptes ist detailliert (bis in Evaluationsdaten) und gut nachvollziehbar, so dass auch Therapeuten einige Anregungen für die Arbeit mit "Mobbingopfer" bekommen können. Im dritten Beitrag beschreibt Jürgen Horn die psychosomatische Perspektive zum Thema Mobbing in Bezug auf Hörsturz und chronischen Tinitus. Der vierte und abschließende Beitrag (von Rolf Keller) erläutert "Besonderheiten bei der Behandlung traumatisierter Mobbingpatienten". Neben einer Definition der posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) stellt der Artikel verschiedene Zusammenhänge zwischen Mobbing und PTSD sowie Ansätze der Traumatherapie dar. In einer umfassenden Falldarstellung wird die Behandlung bei Retraumatisierung durch Mobbing beschrieben.
Im dritten Teil des Buches geht es in nur zwei Beiträgen um die ambulante Beratung und Selbsthilfe. Der erste Beitrag stellt die Arbeit des Vereins gegen psychosozialen Stress und Mobbing dar. Auf ca. sechs Seiten werden kurz und knapp die Ziele, Arbeitsfelder und das Angebot des Vereins vorgestellt (www.vpsm.de). Im zweiten Beitrag von Petra Ott von der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe im Saarland (KISS) geht es um die Möglichkeiten und Grenzen der Arbeit von Selbsthilfegruppen. Bei diesem Beitrag wird nicht nur auf die konkrete Arbeit einer Selbsthilfegruppe zum Thema Mobbing eingegangen, sondern auch auf den Stellenwert von Selbsthilfegruppen allgemein im Gesundheitssystem hingewiesen. Die Aufgaben solcher Selbsthilfegruppen liegen vornehmlich in ihrer Funktion als erste Anlaufstelle, als Teil der Nachsorgekette, als eine Art "Warteschleife" und als ergänzendes Angebot zu anderen Hilfe- oder Behandlungsmaßnahmen.
Der vierte Teil des Buches ist ein Art Sammelteil mit fünf relativ kurzen Beiträgen ("Regionale und institutionelle Besonderheiten und Lösungen"), die aber allesamt sehr interessant sind – auch für Leser, die keine Psychotherapeuten sind. Der Beitrag von Richard Pöller beschreibt die veränderten Werthaltungen der Menschen aus der DDR bis in die neuen Bundesländer und bringt dies in Bezug zum Thema Mobbing. Nach Pöller machte z.B. die starke Orientierung am Kollektiv in der DDR die Menschen heute in den neuen Bundesländer weniger wehrhaft gegen Anfeindungen von Kollegen, da sie dafür keine Strategien in der DDR aufbauen mussten. Auch hat Mobbing oft bedrohlichere Auswirkungen in den neuen Bundesländern aufgrund der dort größeren Arbeitslosigkeit und den schlechteren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Im zweiten Beitrag von Hans Georg Gerber geht es um Mobbing im Krankenhaus. Dass Mobbing im Gesundheitswesen besonders verbreitet ist, wird in mehreren Beiträgen des Buches berichtet. In diesem Artikel werden die Hintergründe am Beispiel der veränderten Arbeitsstrukturen und Rahmenbedingungen im Krankenhaus anschaulich dargestellt. Der dritte Artikel (Heiko Riedel) beschreibt die rechtliche Lage zum Thema Mobbing in Frankreich und die Entwicklung die zu einem Gesetz führte das Mobbing als Straftatbestand definiert. Mit diesem Gesetz beschreitet Frankreich einen Sonderweg in Europa, der nicht nur für den Leser interessant sein kann, sondern evtl. auch für das deutsche Rechtswesen. Der vierte Beitrag (Georg Kuhn und Bodo Marschall) berichtet vom Inhalt und der Einführung einer Betriebsvereinbarung (BV) der Volkswagen AG zum Thema "Partnerschaftliches Verhalten am Arbeitsplatz". Diese BV hat die Schwerpunktthemen sexuelle Belästigung, Mobbing und Diskriminierung und ist als Anlage zum Beitrag abgedruckt.
Mit dem vierten Teil endet das Buch über Mobbing zum Arbeitsplatz, welches ganz sicher eine Fülle von Anregungen und Informationen für jeden bereit hält, der sich intensiv mit dem Stand der Forschung zu diesem Thema beschäftigen möchte. Gleichzeitig ist das Buch keineswegs einfach zu lesen. Vor allem die Beiträge aus den Bereichen Psychotherapie und Therapieforschung setzen grundlegendes Wissen aus diesen Bereichen voraus.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Jörg Middendorf)
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(jm 19.08.2005) |
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