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Grundbegriffe der Individualpsychologie


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Dreikurs, Rudolf
10. Aufl. (2002)
Klett-Cotta, ISBN: 3608901078


Unsere Bewertung:   

Schlagworte:
Tiefenpsychologie, Individualpsychologie

Themenliste Literatur
Persönlichkeitsentwicklung   Bücher rund um das Thema "Persönliches Wachstum" und was dazu beiträgt, dieses zu unterstützen

Die Individualpsychologie ist eine der drei großen Schulen der Tiefenpsychologie, die in jener für die Psychologie so ungeheuer produktiven Epoche zu Beginn des letzten Jahrhunderts entstanden. Ihr Begründer, der Wiener Arzt Alfred Adler (1870 – 1937), gehörte einige Jahre Sigmund Freuds Wiener Kreis an, doch 1911 kam es zum Bruch, weil sein Denken in eine völlig andere Richtung ging als das von Freud und damit mit dem Denkgebäude der Psychoanalyse, damals gerade erst im Entstehen, nicht mehr kompatibel war: Adler stellte nicht die Sexualität und die Triebe in den Mittelpunkt der Psychologie, sondern die Beziehungen des Einzelnen zur Gemeinschaft. Zentrale Begriffe waren für ihn das "Gemeinschaftsgefühl", das Minderwertigkeitsgefühl und dessen Überkompensation, die sich zum Beispiel im Streben nach Macht und Überlegenheit niederschlägt. Damit bietet sie weit mehr als die klassische Psychoanalyse ein Denkmodell an, das auch heute noch von großem Nutzen und großer Fruchtbarkeit ist – nicht zuletzt auch für das (Change) Management.

Heute, fast 100 Jahre später, findet sich die Individualpsychologie in einer paradoxen Lage: Einerseits sind ihre Gedanken wie die keiner anderen tiefenpsychologischen Schule in unsere Alltagspsychologie eingezogen, andererseits spielt sie als psychologische "Schule" trotz mancher Initiativen zu ihrer Reanimation quantitativ kaum noch eine Rolle: So wenig, dass zum Beispiel Klaus Grawe bei seiner großen Studie zur Wirksamkeit von Psychotherapie von der Individualpsychologie "mangels Masse" kaum Notiz nahm. Die Gründe für diese Erfolglosigkeit haben ihre Wurzel wohl auch darin, dass Adler – im Gegensatz zu Freud – zwar ein glänzender Redner war, aber ein sehr unwilliger Schreiber. Was an Büchern unter seinem Namen veröffentlicht ist, sind größtenteils Mitschriften von Vorträgen, denen es im Vergleich zu seinem großen Rivalen an stilistischer Brillanz ebenso fehlt wie an klaren thematischen Schwerpunkten. In der Zwischenkriegszeit hatte die Individualpsychologie beträchtliche Verbreitung erlangt; nicht zuletzt wegen des Mangels an "sprechenden" Büchern fiel es ihr aber sehr schwer, sich von ihrer Zerschlagung durch den Nationalsozialismus zu erholen. Was angesichts dessen, was sie an bedeutenden Gedanken zu bieten hat, sehr zu bedauern ist.

Einer, der sich daran wagte, eine geschlossene Gesamtdarstellung der Individualpsychologie zu geben, war der ebenfalls in Wien geborene Rudolf Dreikurs (1897 – 1972). Seine Einführung erschien erstmals 1933 mit einem Vorwort von Alfred Adler – und fiel noch im gleichen Jahr der Bücherverbrennung der Nazis zum Opfer. 1937 emigrierte Dreikurs in die USA und gründete später die Adler-Institute in Chicago und Tel Aviv. Erst 1969 erschien eine Überarbeitung seines Werks bei Klett-Cotta und hat seither immerhin zehn Auflagen erlebt. Und auch heute noch ist es neben dem ganz anders konzipierten (und schwierigeren) Werk von Heinz und Rowena Anspacher die einige verfügbare Einführung in diese zu Unrecht fast vergessene ganzheitliche psychologische Schule.

In 20 meist relativ kurzen und gut verständlichen Kapiteln arbeitet sich Dreikurs durch die großen Themen und Gedanken der Individualpsychologie: Gemeinschaftsgefühl, Minderwertigkeit und Geltungsstreben, Organminderwertigkeit, Finalität, Lebensstil, Private Logik, Familienkonstellation, Verwöhnung und Machtkampf, Erziehung, Lebensaufgaben und manche andere. Von souveräner Beherrschung des Metiers getragen, erklärt sie Dreikurs klar und schlüssig, und mit vielen Gedanken, die auch heute noch, mehr als 70 Jahre nach dem ersten Erscheinen, lesens- und bedenkenswert sind. Und dennoch kommt die Tragweite und Brisanz der individualpsychologischen Konzepte beim Lesen nur unvollständig rüber. Als ich das Buch vor 13 Jahren nach dem Besuch eines Einführungsseminars zum ersten Mal las, habe ich notiert: "Allein aufgrund der Lektüre dieses Buchs hätte ich mich vermutlich weder zu einem Seminar angemeldet noch sonst größere Schritte unternommen. Das liegt vielleicht daran, dass es zwar in einer klaren Sprache, aber zu unanschaulich, mit zu wenig nachvollziehbaren Beispielen, geschrieben ist." Dieser Eindruck ist auch heute wieder da: Ein kluges, grundsolides Basiswerk, aber keines, aus dem man sofort erkennen würde, dass die Individualpsychologie auch heute noch wesentliche Impulse für die berufliche wie private Lebensführung zu bieten hat.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. Wenn Dreikurs ein Kapitel mit "Die Einheit der Persönlichkeit" überschreibt, ist man als Leser geneigt, diese Aussage allzu leicht und achtlos abzuhaken. Dies hat man so oder so ähnlich schon öfters gelesen; das scheint ein "Standardbekenntnis" psychologischer Lehren zu sein, ähnlich wie die Beteuerung, wie wichtig die soziale Kompetenz ist. Nur wenn man sehr genau liest und sich Zeit nimmt zum Nachdenken, wird die Brisanz und Tragweite dieser scheinbar harmlosen Aussage erkennbar. (Aus der sich nebenbei auch erklärt, weshalb die Individualpsychologie ihre – letztlich irreführende – Bezeichnung trägt.) Denn die Einheit der Persönlichkeit, die Dreikurs da mit Adler postuliert, war gemeint und ist zu verstehen als eine dezidierte Abgrenzung gegen all jene Erklärungsmodelle, die den Menschen (wie etwa Freud) als hin und her gerissen zwischen Verstand und Gefühl, zwischen Gewissen und Trieben und zwischen mancherlei anderen Dingen darstellen: "Diese Zweiteilung des eigenen Ichs, der Gegensatz zwischen Wollen oder Sollen, zwischen nicht Können und nicht Dürfen, ist aber immer ein Selbstbetrug (...) Der Kampf, den man mit sich selbst führt, dient nur dazu, seinen guten Willen zu beweisen, die Verantwortung für das, was man tut, abzulehnen, und sich lieber als ein Opfer zu sehen wie als Schuldigen. In Wirklichkeit steht hinter und über diesem Gegensatz die einheitlich gerichtete Persönlichkeit mit ihren eindeutigen Zielen." (S. 79)

So verstanden, ist Adlers Postulat von der Einheit der Persönlichkeit insofern eine sehr schwer wiegende Aussage, als sie sämtlichen Ausreden und Alibis auf einen Schlag den Boden entzieht – und die genau deshalb sehr schwer zu akzeptieren ist. (Wobei ich aus eigener praktischer Erfahrung anfügen möchte, dass ein Annehmen dieses Gedankens zugleich ungeheuer entlastend ist, weil es einem unglaublich viel "kognitiven Overhead" erspart: Am Ende ist irrelevant, mit wie vielen Worten wir uns selbst und anderen unsere Dilemmata erklären – was zählt, ist allein, wie wir uns entscheiden und was wir wirklich tun.) Dass Adler für seine Lehre die Bezeichnung "Individualpsychologie" gewählt hat, ist zu verstehen als eine Abgrenzung zur Psychoanalyse und deren Instanzenmodell der Persönlichkeit – nur dass wir dieses Signal heute kaum noch verstehen. Denn anders als es der Name suggeriert, ist die Individualpsychologie keineswegs eine Psychologie des (einzelnen und isolierten) Individuums, sondern im Gegenteil eine originäre Sozialpsychologie, die das Wesen des Menschseins in unserem Bezug zur Gemeinschaft sieht und deren gesamtes Denken um die Frage kreist, wie der Mensch seinen Platz in seiner sozialen Umgebung sucht und welche Irrtümer und Fehlanpassungen dabei entstehen können.

Ein weiteres Beispiel für die ungebrochene Aktualität individualpsychologischer Gedanken ist, was Dreikurs über das Thema Erziehung schreibt. Es beginnt mit der trockenen Feststellung: "Es hat wohl niemals ein Lebewesen auf dieser Erde gegeben, das nicht wusste, was es mit seinen Jungen anfangen sollte – mit Ausnahme unserer gegenwärtigen Generation von Eltern." (S. 103) Die tieferen Ursachen für den "Bankrott der erzieherischen Institutionen, der Familie und der Schule" lokalisiert er nicht in persönlichem Versagen: "Unsere Eltern und unsere Lehrer sind nicht schlechter, als sie jemals in der Vergangenheit waren. Im Gegenteil, sie sind wahrscheinlich besser, da sich immer mehr ihrer Aufgabe bewusst sind, immer mehr sich darum bemühen, die richtigen Wege zu finden, und dann natürlich immer mehr entmutigt werden, wenn ihre besten Absichten fehlschlagen." (...) Die Eltern benehmen sich richtig, und die Lehrer sind tüchtig, solange das Kind sich richtig benehmen und lernen will. Es gibt aber immer mehr Kinder, die das nicht wollen, und dann wissen weder Eltern noch Lehrer, was man mit ihnen anfangen soll." (S. 103) Man muss nur wenige Worte austauschen, um diesen Befund auf das Thema Führung zu erweitern.

Nach Dreikurs liegt die tiefere Ursache des "Kampfes der Generationen" in einem Mangel an Tradition, das mit der historischen Entwicklung hin zur Demokratie zusammenhängt: "Viele Erzieher, Eltern und Lehrer (...) wissen nicht, dass die Demokratie nicht nur ein politisches System ist, sondern eine Änderung aller mitmenschlichen Beziehungen umfasst. (...) Die meisten Erzieher glauben noch immer, dass man in der Kindererziehung mit Belohnung und Strafe zum Ziel kommt. Sie wissen ganz einfach nicht, dass diese Methoden, die einen Druck von außen darstellen, nur in einer autokratischen Gesellschaftsordnung angewandt werden können. (...) Nur durch den Druck von außen konnten die Autoritäten die Achtung vor ihren Anordnungen erzwingen. Heute ist das nicht mehr möglich. Der Druck von außen muss durch Anregung von innen ersetzt werden. Und die meisten Erzieher haben keine Ahnung, wie dies geschehen kann." (S. 104 f.)

Dem setzt Dreikurs mit Adler eine "Erziehung durch Ermutigung" entgegen: "Denn die häufigste Ursache kindlichen Versagens [und Fehlverhaltens] ist Entmutigung. (...) Ermutigung bedeutet, dem Kind ein Gefühl der Selbstachtung und Leistungsfähigkeit zu verleihen, was aber natürlich nur möglich ist, wenn man selbst daran glaubt. Man muss fähig sein, das Gute in ihm zu sehen, denn man kann nur auf Stärke und nicht auf Schwäche bauen" (S. 108) "Es ist selbstverständlich, dass Bestrafung und Belohnung vermieden werden müssen. Natürliche und logische Folgen des kindlichen Missverhaltens üben einen viel stärkeren und gesünderen Druck auf das Kind aus. (...) Viele Eltern übersehen diese Möglichkeit, indem sie das Kind von unangenehmen Folgen seines Verhaltens zu beschützen suchen." (S. 109) Das heißt keineswegs Laisser-faire: "Man kann dem Kind seine Achtung zeigen, ohne ihm nachzugeben. Im Gegenteil, wenn man ruhig und fest sein kann, dann braucht man nicht zu tadeln und nicht zu streiten. Wenn das Kind Achtung vor der elterlichen Festigkeit gewinnt, dann lernt es, die Notwendigkeit der Ordnung und die Rechte anderer zu beachten." (S. 109) Aus diesen Gedanken leitet Dreikurs auch das Konzept des "Familienrats" ab, den Thomas Gordon 37 Jahre später als "Familienkonferenz" populär gemacht hat. Und auf dieser Basis entstanden zwischen den Weltkriegen auch viele Erziehungsberatungsstellen.

Es berührt merkwürdig, solche Gedanken in einem Buch zu lesen, dessen Erstausgabe 1933 erschienen ist. Dass die Nazis es verbrannt haben, war angesichts solcher Gedanken geradezu zwingend. Doch angesichts der Aktualität und unveränderten Gültigkeit dieser Gedanken ist bedrückend, wie viel davon verlorengegangen ist, was für uns heute in der Pädagogik, aber auch in der Unternehmensführung von großem Nutzen sein könnte, und wie mühsam wir diese Erkenntnisse erst wiederentdecken müssen.

(MWonline zur Verfügung gestellt von Winfried Berner, Die Umsetzungsberatung)

(wb 31.08.2005)

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