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Die Fledermaus-Analogie im Titel des Buches hat sofort mein Interesse geweckt. Ich war neugierig, wie die Autorin sich dem Thema Erwerbslosigkeit nähert und eine (leider) unglaublich große, potenzielle Zielgruppe von mehr als vier Millionen Betroffenen anspricht. Fünf Kapitel befassen sich auf insgesamt 176 Seiten mit Birgit Rupprecht-Stroells Kernaspekten von Arbeitslosigkeit: „Der große Schock – die neue Situation verkraften“ leitet über in „Aus Niederlagen Chancen machen“. Dicht gefolgt von „Ohne Moos nichts los: die Finanzen“ und „Wanted: ein neuer Job“. „Die Konkurrenz abhängen: Marketing in eigener Sache“ ist das letzte Kapitel. (Bei Amazon ist der Titel mit dem Online-Lesetool „Search Inside“ und den ersten 13 Seiten samt Inhaltsverzeichnis und Stichwortübersicht katalogisiert.)
Mir gefällt der flüssige Schreibstil. Extra und gut sichtbar abgesetzt präsentieren sich die wesentlichen Inhalte am Rand und in Absätzen, die durch Ausrufezeichen ins Layout integriert und hervorgehoben sind. Was ich in der Gestaltung als lesefreundlich und unterstützend erlebe, trifft für den Inhalt des Buches hingegen weniger meinen Geschmack. Mich persönlich irritieren die vielen Appelle. Durch den Raum, den die Tipps und Aufforderungen einnehmen, bekommt das Buch einen stark ausgeprägten Rat(Schlag)geber-Charakter. Hier wünsche ich mir mehr Einladungen zum Perspektivenwechsel, Denkanstöße und Angebote statt permanenter „Soll“- oder „Muss“-Botschaften. Menschen, die in einer Krise stecken, hilft es meiner Erfahrung nach wenig bis gar nicht, wenn wir ihre Disziplin beschwören oder sie auffordern, sich zusammenzureißen – selbst wenn derartige Appelle von Herzen kommen und das Beste wollen. Ein offener oder versteckter Zeigefinger provoziert in meinen Augen eher Trotz oder Dichtmachen der Leser/innen. Und für mich stellt sich auch die Frage: Gehört tatsächlich das Gros der Erwerbslosen zur Kategorie der Durchhänger? Kaufen diese dann überhaupt ein Buch zum Thema? „Sei spontan!“ ist in meinen Augen vergleichbar mit der Aufforderung „Sieh deine Chance(n)!“ oder „Erkenne das Gute!“
Mir fehlt in dieser Konzeption beispielsweise die bewusste Trauerarbeit nach dem Verlust des Arbeitsplatzes. Betroffene dürfen auch erst einmal trauern, weinen, klagen und vielleicht sogar wüten, bevor sie sich den Chancen und einem neuen Abschnitt in ihrer Biografie zuwenden. Und Rückschau kann im Sinne von Abschied nehmen auch sinnvoll sein, ohne sofort einen Nutzen für die Zukunft zu erbringen.
Machen, machen, machen – dazu fordern auch die Übungen und Fragebögen auf, die Birgit Rupprecht-Stroell in großer Zahl anbietet. Ein Beispiel: „Stellen Sie sich vor, Sie hätten nur noch ein Jahr zu leben... Wären Sie weiter an Ihrem Arbeitsplatz geblieben? (...) Diese Frage zeigt Ihnen, wie viele Kompromisse Sie eingegangen sind, wie viele wichtige Dinge Sie vernachlässigt oder ganz ignoriert haben. Jetzt haben Sie die Chance, das zu ändern!“ Ja, wie ändere ich das? Und was mache ich mit den vielen Antworten und Ergebnissen, wenn ich mir die Zeit für die Fragebögen und Übungen nehme? Immer wieder erstaunt haben mich die Fallbeispiele, allen voran die Geschäftsführerin der exklusiven Boutique, die zwei Jahre nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes als Therapeutin für traumatisierte Kinder ihre Erfüllung findet. Wie hat sie das gemacht, welche Therapie-Ausbildung hat sie in zwei Jahren absolviert? Dies bleibt leider offen. Hier stand mir beim Lesen ein großes Fragezeichen ins Gesicht geschrieben.
Fazit: Gut geeignet ist dieses Buch für Menschen, die sich Rezepte und klare Anleitungen zum Thema Arbeitslosigkeit und Jobsuche wünschen. Auch wer sich tatsächlich durch die Lektüre eines Buches Anstöße und einen Schubs aus der Lethargie holen kann und Appelle mag, ist gut versorgt. Veröffentlichungen mit Tipps zu Bewerbungen und Selbstvermarktung gibt es zahlreich, ebenso wie Anleitungen zu lösungsorientiertem Denken und Handeln, Traumberufsuche und Selbst-Coaching. „Nur Fledermäuse lassen sich hängen“ führt diese Themenfelder zusammen. Mich hat die Lektüre dazu angeregt, die Fledermaus-Analogie zu überdenken: Fledermäuse lassen sich nur manchmal hängen. Während der übrigen Zeit fliegen sie mit ihren Hochpräzisionsorganen auch durch tiefschwarze Dunkelheit. Genau so nehme ich Menschen wahr, die ihre Arbeitslosigkeit als Lebenssituation gestalten (wollen) und die Balance suchen: zwischen Hängen und Durchstarten.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Sandra Heinzelmann) |
(Heinzelmann 25.10.2005) |
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